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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Stimmen erlauschen, Stimmen ertönen lassen

Zwei Gedichtbände von Alice Oswald im Zwiegesang vereint
Hamburg

Die substantiellste englischsprachige Lyrik kommt, wie es den Anschein hat (von den wunderbaren Ausnahmen einmal abgesehen), nicht mehr aus den Vereinigten Staaten, sie kommt heute aus Indien, Neuseeland, Australien, aus Irland und — Großbritannien. Eine ihrer aufregendsten Stimmen heißt Alice Oswald, geboren 1966, wohnhaft in Devon, an der Mündung des Flusses Dart, dem sie im Jahr 2002 gleich ein komplettes polyphones Buch gewidmet hat. Nun liegen ihre beiden jüngsten Bände, „Memorial“ (2011) und „Falling Awake“ (2016), in deutscher Übersetzung in einem Band unter dem ansprechenden Titel „46 Minuten im Leben der Dämmerung“ vor — und man möchte laut ausrufen: endlich!

Die studierte Altphilologin Oswald unternimmt in „Memorial“, wie im Untertitel zutreffend vermerkt, „eine Ausgrabung aus der Ilias“, was beinahe wörtlich zu verstehen ist und bedeutet, dass sie aus verschütteten Schichten das herauffördert, was dem antiken Epos zwar eingeschrieben, jedoch inzwischen schwer zu erkennen, verborgen und vergessen ist. Ihrem langen Gedicht geht eine gewaltige Stele für die im trojanischen Krieg getöteten Männer voran, eine nüchterne Auflistung von Namen, deren schieres Ausmaß allein schon beeindruckt. Die sich anschließende Totenfeier besteht aus der jeweiligen Nennung des Namens, der sich in vielen Fällen eine kurze Charakterisierung anschließt, und eine als Wie-Vergleich angelegte Beschreibung der Todesart, die antiphonal, also im Wechselgesang des Chores, wiederholt wird.

Wie Wespen im Stroboskoplicht
Die ihr Nest auf einem Weg gebaut
Ihr hohles Haus nicht aufgeben
Sondern seine Mauern umkreisen
Sich um ihre Kinder sorgen

Oder:

Wie Fliegenschwärme die sich in Schuppen sammeln
Im schattigen Frühling wenn die Milch in den Kübeln schwappt

Bildlichkeit und Metaphorik der Totenklagen sind, Oswalds eigenen Worten zufolge, „Zugangswege, die ermöglichen können zu sehen, was Homer gesehen haben mag“, aber sie führen zugleich immer wieder unaufdringlich in die Gegenwart („Peisandros und Hippolochos / Zwei geblendete Teenager die in die Schlacht trotteten“), denn die Totenklage ist eine anthropologische Konstante, die gültig und verständlich bleibt, solange es Kriegstote und überhaupt Opfer von Gewalt zu betrauern gilt. Oswald enthält sich dabei geschickt jedes allzu konkreten politischen Kommentars und zeigt nur, mit welch erschreckend simplen Mitteln der Tod herbeigeführt werden kann, welche „typische Mischung aus Stolz und Wahnsinn“ verantwortlich ist und welcher Verlust damit einhergeht. ―

das ist einer jener wortreichen tage
wenn sie von ihrem winterquartier in den vorhängen zischelnd
                                                                                                           abstürzen
und sich wie alte kippen vorkommen ins leben zurückbeordert
von der oberfläche irgendeiner verkohlten welt herbeigeweht

„Falling Awake“, der Titel von Oswalds jüngster Veröffentlichung, dessen Gedicht „Fliegen“ das Zitat entnommen wurde, ist eine Analogiebildung zu ‚fall asleep’, einschlafen, oder wie man auch auf Deutsch sagt: ‚in den Schlaf fallen’ — man könnte es also einigermaßen wörtlich mit ‚Ins Erwachen fallen’ wiedergeben. Die Übersetzer haben sich für das etwas sperrigere „Fallen-erwachen“ entschieden, vermutlich weil somit die Thematik schnörkellos und pointiert benannt ist. Die Abwärtsbewegung des Fallens erweckt nämlich unsere Aufmerksamkeit, sie bewirkt, daß sich etwas „zuträgt“, daß etwas „bemerkt“ wird. Der fallende Regen („ein selbstmord begangen vom hochhaus des himmels“), der fallende Tau, die aus dem Himmel gestürzte Schwänin, der in den Fluß gefallene singende Kopf des Orpheus, der Schwindel beim Blick aus dem Fenster, die Wolken in der Pfütze, der versiegende Fluß usw. —: das sind die Gegenstände der Gedichte, allesamt Chiffren einer schattenhaften Flüchtigkeit, die aus dem Augenblickshaften, ja selbst noch aus dem Scheitern und Untergang ein Drama von kosmischer Schönheit machen.

Mit nichts anderem beschäftigt sich auch der letzte Teil des Buchs, „Tithonos“:

„Es heißt, dass sich die Morgenröte in Tithonos verliebte und Zeus bat, ihn unsterblich zu machen, Zeus aber zu bitten vergaß, ihren Geliebten nicht altern zu lassen. Unfähig zu sterben, wurde Tithonos immer älter, bis schließlich die Morgenröte ihn in ein Zimmer einsperrte, wo er bis heute sitzt, vor sich hin brabbelt und Nacht für Nacht auf ihr Erscheinen wartet. // Im Folgenden wird man hören, wie Tithonos der Morgenröte im Hochsommer begegnet. Seine Stimme ertönt zum ersten Mal um 4:17 Uhr, wenn die Sonne sechs Grad unter dem Horizont steht, und verstummt 46 Minuten später beim Sonnenaufgang. Die Vorstellung beginnt im Dunkeln.“

Diese 46 Minuten erstrecken sich über eine in zusammen 521 Einheiten unterteilte Skala, auf welcher die morgendlichen Ereignisse und deren relative Abstände zueinander verzeichnet sind. In Wiederholungen und immer neuen Ansätzen wird das Erwachen des Morgens beobachtet und die Aktivität ringsum registriert, die Nuancen der Helligkeit, die mehr und mehr enthüllen, bittend, sehnend, erotisch aufgeladen, dann in allmählich größer werdenden Abständen einem Schweigen zustrebend, das sich im verblassenden Schriftbild des letzten Gedichts optisch manifestiert. (Bei Lesungen stelle ich mir ein zunehmendes Flüstern vor, das zuletzt an der Hörgrenze verstummt.) Auch hier gibt Oswald, wie in den übrigens Gedichten von „Falling Awake“, dem Flüchtigen, dessen Auflösung mit tödlicher Gewißheit eintritt, eine Stimme, läßt es fragend, tastend und suchend sprechen; und in diesem Sprechen und durch die Stimme ein Zeugnis der Hoffnung, Gegenwart und Anwesenheit ablegen.

Allerdings trübt die deutsche Übersetzung ( Iain Galbraith und Melanie Walz ) ein wenig die Freude über das Erscheinen des Buchs ein. Sicherlich sind nicht alle Feinheiten — und vor allem Oswalds subtiler Einsatz des Reims — ohne Abstriche ins Deutsche zu transferieren; das ist ein grundsätzliches Problem, dem sich gerade die Übersetzung von Lyrik stellen muß und für das selbstverständlich nicht immer eine befriedigende Lösung existiert. Was dieser Übersetzung jedoch manchmal (!) fehlt, ist ein dichterischer Glanz, ein inspiriertes Leuchten. Sie wirkt deshalb etwas behäbig, überkorrekt, was sie an anderer Stelle durch unnötige Freiheiten wieder auszugleichen versucht. Unterm Strich ist der Ton der deutschen Übersetzung — u.a. durch getilgte Verben oder altertümelnde Gerundien — schroffer, unverbundener, artifizieller als das melodiös dahinfließende Englisch des Originals. Der Effekt einer sich im Verlauf des Buchs immer stärker fragmentierenden und verblassenden Sprache wird im Deutschen leicht abgeschwächt. Doch von diesen geringfügigen Einwänden einmal abgesehen, ist die Übersetzung ansprechend und geeignet, die Britin Alice Oswald dem deutschen Publikum erstmals vorzustellen —: als eine bedeutende und ebenso innovative wie im vollkommenen Bewußtsein der Tradition schreibende Autorin.

Alice Oswald
46 Minuten im Leben der Dämmerung Memorial - Fallen-erwachen. Gedichte
Aus dem Englischen von Iain Galbraith und Melanie Walz
S. Fischer
2018 · 176 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-10-397290-0

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