Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

Schejmen

Hamburg

Im Verlagshaus Berlin erscheint eine neue Reihe, die edition zwanzig. „Hier entdecken wir starke Stimmen der Lyrik“ heißt es auf dem neon-leuchtenden orangen Umschlag des Chapbooks. Ohne die für den Verlag typische illustrative Koproduktion, nur Text. Davon allerdings gar nicht so viel. Knapp 30 Seiten fasst das Lustdorf betitelte Unterfangen Alisha Gamischs, von dem man sich, beziehungsweise von der Lyrikerin, instantan mehr wünscht. Vielleicht gibt es ja in nicht ganz so ferner Zukunft einen „dicken“ Band Gamischs, denn das, was hier anblitzt, ist spannend. Und eigen.

Ihr Konzept Lustdorf, durch ein Glossar___STEADY_PAYWALL___ ist zu erfahren: „eine ehemalige russlanddeutsche Siedlung nahe Odessa“, bedeutet eine lyrische Spurensuche, eine durch Kyrillismen verfremdete Gepäckanalyse, die Erforschung einer Oma – der dieser Band gewidmet ist. Gamisch, die unter anderem die feministische Kulturpräsenz wepsert.de ko-betreibt, setzt sich mit Themenkomplexen der ehemaligen, veränderten „Heimat“, dem Aufwachsen anderenorts, „tampons gab es hier nicht“, gekoppelt mit dem eigenen Aufwachsen / Erwachen auseinander. In weniger indirekter denn konkreter Scheidung von Differenzen und Gemeinsamkeiten vermisst Gamisch die (wörtlichen) Gegebenheiten, „die linke hand werkelt russisch / die rechte ordnet deutsch“, nimmt mit, was sich der gedichtlichen Operation bietet, lässt ihrem lyrischen Ich viel Farbe bekennen, das mitunter wie eine ausgeschickte Korrespondentin agiert.

ich bin ein hässlicher mensch, sagte ich
als mir brüste wuchsen

immerhin bist du ein mensch, sagte eine oma

Die Gedichte begehen nicht den Fehler, ungebrochen in eine wie auch immer einseitig behandelte Seite auszuschlagen. Sie sind vielstimmig, mehrfach-reflektiert und suchen den Bruch auf, das erstarrte Lächeln, die Dissolution zwischen schönem Regenbogen und aus dem Knastfenster erblickt.

was vererben wir und was
behalten wir für uns

knoblauchumhüllten schwarzmeerfisch
камбала
, schlaraffisch
honig in straßen

geruch von frischer farbe an fensterläden
grottensteine, katakomben
versalzene kartoffeln
herbstzeitlose in schützengräben
gedimmte lüster
schiefe sonnenuntergänge
sich schämen, weil man vor lachen ins höschen gepieselt hat
briefe einer oma aus dem gulag
geruch von millionen tonnen verbranntem fleisch

Alisha Gamischs Zyklus ist viel behutsamer als das Neon des Umschlags auf den ersten Blick glauben macht. Ihre Gedichte atmen ein stilleres Tempo, Selbstbewusstsein, das durch die Kraft der klammernden Umschlagdeckel, die eben schon nach 30 Seiten wieder zugehen, ein wenig angegangen wird. Man ist neugierig auf weitere Facetten dieser Stimme, die sich in Lustdorf ihrer selbstgewählten Schreibaufgabe gestellt hat, etwas für sich Neues in die Form zu experimentieren. Wie verspielt kann es werden? Wie kurz kann es sein? Welche weiteren Themen können sich zu eigen gedichtet werden? Fast ein Teaser.

im garten einer oma, im deutschen
ist sommer vorbei als wäre er nie gewesen
nimmt der himmel die farbe der markise an
mein bauch ist voll mit
als kartoffeln getarnten ratschlägen

im hintergrund schimpft ihr mann
das satellitenfernsehen an

Lustdorf ist ein veritabler Zyklus. Durchgearbeitet, in einer ruhigen Balance, die nicht leicht zu erreichen ist. Die ihren Platz kennt, aber vermutlich hungrig ist. Let’s go Neugier!

Alisha Gamisch
Lustdorf
Verlagshaus Berlin
2020 · 34 Seiten · 9,90 Euro
ISBN:
978-3-945832-40-0

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge