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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

Ich werde wieder sprechen

Hamburg

Als ich den Gedichtband „Geliebtes Biest“ von Alke Stachler zum ersten Mal in den Händen hielt, fiel mir sofort seine äußere Einfachheit auf. Ein durch Fadenbindung zusammengenähtes Heft, das wie ein Notizbüchlein daherkommt, lässt Schlichtes vermuten. Auch der Aufbau des Buches bestätigt Zurückhaltung. Keines der konsequent in Minuskeln geschriebenen Gedichte trägt einen Titel. Die Texte, überwiegend im Fließtext geschrieben, lassen am ehesten noch auf Prosapoeme schließen. Ob es sich überhaupt um Gedichte handelt, das verrät der Einband mit dem geheimnisvollen Titel nicht.

So beginnt meine Reise durch das Band und sie beginnt mit einem Märchen oder mit etwas, das vielleicht gar kein Märchen werden will.

„etwas tun, das nur im märchen schön ist
einen menschen im tierkörper lieben.“

Schnell sind die Koordinaten dieser Poesie bestimmt. ___STEADY_PAYWALL___ Es geht um Hexen, Wölfe, Schlangen, Aberglauben, Magie. Ich gebe zu, dass ich derart Märchenhaftes in Gedichten nicht unbedingt schätze, scheinen mir seine Begriffe doch allzu symbolisch überfrachtet. Der Bezug zu Fantasy ist nicht weit. Es muss also einen Grund geben, warum ich weiterlese und das, so viel kann ich bereits verraten, mit Neugier und Lust. Schnell wird klar: das an Märchen und Mythen knüpfende Vokabular ist nur Signifikant eines sich immer weiter spinnenden Bedeutungsfadens. Folgt man der Alchimie dieser Wörter, stößt man bald auf Clusterwörter, die im weiteren Verlauf ihre Bedeutung wechseln und zu einem Netz semantischer Verknüpfungen werden. Sprache und Bilder amalgamieren zu einem Textgewebe, einer poetischen Komposition. Das Kompositorische dieser Dichtung blitzt an verschiedenen Stellen in Alke Stachlers Lyrik auf, etwa, wenn es in einem Gedicht heißt:

„ich möchte nur noch
dinge essen, die grün sind“

und zwei Gedichte weiter:

„ich möchte nur noch dinge essen, die schwarz sind.
ich möchte, dass du mich im dunkeln lässt“.

Es ist, zugegeben, schwierig bis fast unmöglich, den Zeilen einen unmittelbaren Sinn zu entnehmen. Das Nebeneinander von Widersprüchlichem löst Gedanken und Bilder auf, bevor sie sich in der eigenen Vorstellung manifestieren können. Genau hierin liegt aber auch die Faszination der Gedichte, denn durch die Fluktuation der Bilder entstehen wie von Zauberhand Welten in einem magischen Raum. Nichts ist greifbar. Alles ist Illusion.

„wir gehen über die köpfe der toten, du sagst,
wenn das hier schach wäre, wir gehen über den
wirbelsäulen der toten, du fragst, warum leidest
du. ich sage, ich fühle das magnetfeld der erde in
meinen gelenken (…)“

Was wie ein Gespräch klingt, entpuppt sich bei weiterer Lektüre als Selbstgespräch.

„ich schreibe, liebes tagebuch, ich schreibe, ave
maria. ich schreibe mit dem mund, (…)“

Das Tagebuch ist die wohl radikalste Form des Monologs. Es ist der Diskurs mit dem anderen in mir selbst. Eine schriftliche Aufzeichnung der eigenen Gedanken, für die Außenwelt tabu. Wie ein Faden leitmotivisch durch den Band gewebt steht es hier aber gerade nicht für den privaten Gedankenraum. Vielmehr wird es zum Kaleidoskop einer volatilen Selbst- und Weltwahrnehmung.

Die Gedichte der 1984 in Temeswar / Rumänien geborenen Alke Stachler sind sicherlich nicht en passant zu lesen. Vielmehr erfindet die Lyrikerin eine Sprache durch Sprache, indem sie symbolisch überladene Wörter von ihrer originären Bedeutung löst und sie in neue Kontexte einfügt. So entsteht eine Sprache der Zwischenräume. Die Poeme muten dem Leser einiges zu. Sie fordern ihn auf, Gewohntes anders zu sehen, besonders aber: die eigene, vertraute Sprache wie eine Fremdsprache zu lesen.

„sagen, ich werde wieder sprechen
eine nadel mit der zunge führen
erde zu glas pressen

(…)

licht als adjektiv

(…)

mit dem ganzen körper lernen, dass die welt endet
geliebte adressatin
vergoldete
mit sieben stichen vernähen
mit sieben stichen erstechen
in der dämmerung kann jede jede sein“

„Geliebtes Biest“ ist Alke Stachlers zweiter Gedichtband. Ein Buch, das sich besonders in diesen unwirklich anmutenden Tagen zu lesen lohnt.

Alke Stachler
GELIEBTES BIEST
mosaik - liberladen
2019

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