Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Artichoke #17
x
Artichoke #17
Kritik

Du musst dein Klischee ändern

Hamburg

Der aktuelle Roman Allegro Pastell von Leif Randt ist ein Schritt zurück. Nach den praktisch längst zu Klassikern ihrer eigenen Art gewordenen CobyCounty und Planet Magnon, die auf unverschämt elegante Weise das Utopische mit dem Leuchten einer noch nicht aus den Augen verlorenen Zeitgenossenschaft zu verbinden wussten, indem sie andeuteten, aber niemals über eine damals interessante Unverbindlichkeit hinausgingen, verhaut hier Randt, was ihm bisher gelang. In Allegro Pastell trifft eine sprachlich ähnliche Kunstfertigkeit auf Ideenbankrott und schlichtweg blasierten Gegenwartsbezug. Ein produktloser Werbetext, der ratlos macht.

Der große Unterschied liegt im realen Setting des Liebesgeschichte genannten Romans. Gestopft mit als notwendig hingestellten Realia, d.h. Markennamen, Orte, all things status ... spielt sich die spießige Geschichte von Tanja und Jerome, Fernbeziehung, zwischen Frankfurt und Berlin ziemlich vorhersehbar ab. Ohne sich eindeutig in einer Parodie wiederzufinden, reist man lesend wie in einem bis ___STEADY_PAYWALL___ ins Unendliche vergrößerten Ausschnitt aus CobyCounty oder Magnon, wenn die aufregend angeschnittenen damaligen Handlungsverwicklungen hier bis ins dümmste Detail ausgewalzt werden. Die Kraft von Lovestories liegt gewiss nicht darin, überbelichtet auserzählt zu sein, oder zwei [Entschuldigung] Systemdeppen einander verlustig werden zu lassen.

Tanja gefiel die Nachricht.

Ist das Ganze kritisch gemeint? Dann wäre die Marketingstrategie Liebesroman, inkl. Klappentexte, ebenfalls hinterm Mond. Wäre es tatsächlich ein kritisch gemeinter Spiegel „des Heute“, zugegeben nicht ganz unvorstellbar bei Randts textlicher Kompetenz, dann wäre es ein kleiner. Es müsste Einspruch erhoben werden, denn Realität ist komplexer als Gehorchen. Das gesamte Personal des Romans ist das fiktive Abbild eines winzigen Sahnehorts, eine herrschende Klasse qua Geburt, deren unreflektiert ironiefreien Probleme, in zum Teil widerlichen Dialogen festgehalten, nicht auf den vorderen Plätzen irgendeiner literarisch verhandelbaren Weltagenda stehen müssten. Warum gibt es dieses Buch? Warum schafft Randt eine solche Gated Obscurity? Die explizite Flucht Randts in diese (trotzdem erfundene) Realität nach seinem schwebendem Eskapismus, der zwei wunderbar freie Bücher hervorgebracht hat, ist hier in einem reaktionären Stück Nicht-Engagement gelandet. Die tatsächlich einzige im Buch ausgesprochene Scherbe Kritik, es kommt kurz, aber mehrfach vor, ist Klimawandel. Nämlich in der typischen, Wortvermeidung-Understatement-Methode „es ist viel zu warm für Oktober“, „Februar“, „bombastisch gutes Wetter“.

Ansonsten 200 Seiten-plus Gerede über SUVs, Gehalt, Design, Drogen, Kind, Sex, Elektronisches. War manisches Aufzählen bei Bret Easton Ellis noch sofort als gestört zu erkennen, verwischt Randt sein Programm in ein affirmatives, die Welt in ihren (völlig inakzeptabler Zustand 2018–2020; „heute“) konstruierten Grundfesten weiter zementierendes Gehorchen. Ist das Buch für jene obere Sahne geschrieben? Wird sie es konsumieren und „angenehm von sich selbst überrascht sein“? (der Hauptbewertungssatz in Allegro Pastell). Wird nicht die Nicht-Sahne dieses Ding zwischen den Buchdeckeln als zu widerstehendem bzw. zu bekämpfenden Machtausdruck oder Verhöhnung auffassen? In einem Satz: ohne Utopierahmung oder eine andere bekennende Abstraktionsebene bleibt der Roman hinter Leif Randts bisherigem Niveau zurück.

Aufbau und Sprache sind brillant konsequent. Randt nutzt ein ausgewähltes Sprachregister der klaren Sätze, gespickt mit inhaltlichen Unschärfen, blurrierenden Atmosphären, Anglizismen und wie gesagt Realia, um sein eigenes „Soziales Medium“ voll fiktivem Druck (als uncool angesehen zu werden) zu erzeugen. Alles, was auf diese Pinnwand kommt, kommt vor weil es vorkommen soll, analog des Prinzip Hashtags um „gefunden“ zu werden in einem elektromaschinellen Diskurs. Die humanen Modelle Tanja Arnheim und Jerome Daimler (und all ihre angenetzten Angehörigen) sind maximal in der Lage etwas zu liken, was gleichzeitig das einzige ist, was sie überhaupt wollen: Sie loben ihre Steaks, ihre Kreativität, ihre seelischen Zustände – angeleitet von den Dikta industrieller Fashion. Sie kritisieren nichts, sie engagieren sich für nichts, finden auch nichts wirklich erstrebenswert super, sie schreiben einfach nur fort, was sie vorfinden und machen sich vor, sie würden auswählen. Dass man die Wahl tatsächlich hat, ficht sie nicht an. Das Soziale Medium, das Randt für sie erschaffen hat, sammelt ihre Mails, Telegrams, Instas, Chats etc. inklusive Emojis. Wie ein ätherischer Paparazzo interessiert sich Randt bei seinen schriftlichen Ablichtungen/ Posts von ihnen für ihre Kleidung, ihre Abstürze, ihren Drogenkonsum und permanent für die Frage: Wie gut ist ihr Sex?

Sie saßen Arm in Arm auf Jeromes anthrazitfarbener Couch in Südhessen.

Serienreif spult er ihre Emotionen ab, es gibt Momente des Pageturning, doch das „thirty-something“ Blasenleben lässt nicht nur schnell ermüden, außerhalb der oben angesprochenen völligen Ausblendung der drückend problembehafteten Realia von heute, ist es das seltsame Einschieben erzählerischer „Weisheiten“ zu Wie schreibe ich richtig (Arnheim ist Autorin), Wie programmiere ich richtig (Daimler ist Webdesigner), Wie gehe ich richtig auf eine Hochzeit meiner Freunde etc., die lesend aufstößt. Da das meiste dieser sogenannten Weisheiten (richtig = zu liken möglich) Variantenklischees von (auf industrielle Werbesprüche zurückgreifend) Hedonismushilfe-Hotlines sind, blickt einen an diesen Stellen das blinde System selbst an. Braucht man das? Will dieses Buch eine Positionierung erzwingen, die man nicht längst kennt/ hat? Ist es ein Buch, das uns alle angeht? Angesichts der überall vor oder schon im Kollaps stehenden Erdsituation, hat man eine wundersam langweilige Liebesgeschichte zwischen den Buchdeckeln :)

Die Fernsehwerbung überraschte sie positiv. Auf die meisten Nahrungsmittel, die präsentiert wurden, bekam Tanja tatsächlich Appetit, obwohl sie heute Abend ja wirklich genug gegessen hatte.

Leute, denen elektromaschinelle Repräsentation etwas gibt, werden vielleicht von diesem Buch ein Foto machen wollen. LeserInnen, die sich für „woke“ halten, sind es danach nicht stärker, eventuell sogar sleeper. Allegro Pastell ist nicht „subversiv“, es ist kein „fiktiver Mainstream“, auch keine „angenehme Hintergrundmusik“, „verlässlich schön“ oder ein „Konsumportfolio“, dies vom Buch selbst aufgerufene Hashtag-Setzlinge, es ist auch keine „Jugendbewegung“, wie es der Literaturkritik rausrutschte, es spielt sich selbst stattdessen literarisch die Idee Frontex. Randt verweigert sich einem Bekenntnis, LeserInnen haben die Wahl. Vielleicht finden Aliens im Jahr 3000 auf eine seltsame Weise dieses Buch erhellend dumpf.

Sarah hatte ganz offensichtlich kein Interesse, im Gegenzug die Erlebnisse ihres Wochenendes zu berichten, entweder schämte sie sich ob der Fakten, oder sie empfand die Dinge, die man tat, generell als leer.

Allegro Pastell
KiWi
2020 · 288 Seiten · 22,00 Euro

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge