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Kritik

Die Untiefen der Zivilisation

Hamburg

Die Untiefen der Zivilisation. Ich habe eine Nacht in einer bayerischen Berghütte verbracht, Samstag leider, mit der dort immer drohenden drei-akkordigen Volksmusik, lustige Herrenwitze erzählenden Musikern (unter 30 - vorne lange Bärte - die Ohren großartig frei - den Hinterkopf, warum auch immer, ganz kurz rasiert). Trinksprüche aus dem Trüben, die vom krakeelenden Publikum aufgesaugt wurden wie Schnäpse.

Der passende Trost war dabei, im Gedicht der viel erfahrenen Lettin:

der Trinkspruch bleibt trocken: Auf dich, Stumpfsinn!“

Die Zeile ist von Amanda Aizpuriete. In der Züricher ink-Press hat Susanne Schenzle Texte von ihr noch einmal herausgebracht, ausgewählt und übertragen von Manfred Peter Hein.

Die Gedichte sind aus den 80er und 90er - alt, wenn man so will. Depeche Mode. Das verleitet zum pauschalieren, es ist ja ein beliebter Topos, ‚die Musik der 80er war so und so’, solche Urteile gönnt sich der klassifizierende Verstand großzügig.

Hören wir stattdessen lieber, wie es nach der Zeile oben weitergeht –

Ich lege beiseite die alten, vergeblichen Mühen
lebendig zu sein, sieh nur, in der Ecke schimmern sie billig
wie im Museum die Rüstung, in der keine Leiche steckt.

Aizpuriete, Jahrgang 56, war phasenweise in Deutschland eine Art Star auf der Ebene jener insektenforschenden Gesellschaften, die sich mit der Gattung Lyrik beschäftigen. Ihre Bücher erschienen bei Rowohlt, sie wurde, scheint’s, auf vielen Festivals gehört. Dabei ist vielleicht das Irritierendste wie im obigen, trotz des raffinierten Leiche-Schlenkers etwas desillusioniert klingenden Beispiels: dass die Texte zu ihrem damaligen Alter nicht passen wollen.

Ich ähnle meiner Ururenkelin.
Genau wie ihr gefällt es mir
schwarze Kleider zu tragen,
alte Filme zu sehen (...)

Sehr viel weiß ich nicht über sie.
Die Fensterscheibe der Zeit ist von beiden Seiten verstaubt (...)

Die Sprache, die sie spricht, kann ich nicht hören
oder versteh sie nicht.
Wer sagte, dass merkwürdig sind meine Augen heut morgen?
Ich bin ein alter, stumpfer Spiegel,
in den meine Ururenkelin lang blickt diesen Morgen.

Hein, bereits damals der Übersetzer und Förderer, selbst Jahrgang 1931, lebt in Finnland, ist selbst Schriftsteller und Lyriker, ein langjähriger Freund der lettischen Literatur, er wurde 2004 mit dem Literaturpreis Lettlands ausgezeichnet, die hier angezeigten Übersetzungen dürften daran nicht unschuldig sein.

Er hat seine Auswahl chronologisch sortiert. Der frühe Block aus den Jahren 1980 – 86 schwelgt in tiefempfundner Romantik, quellende Metaphorik, Liebesgedichte, Lebensbetrachtungen, „der Tod, er ziert sich nicht, mit mir zu schwatzen“, „Am Weg schläft der Krieg, unterm Kopf / den Schnappsack gestopft mit Leben.“ „Und fremdes Licht noch überm Sand / geistert nach Sonnenuntergang.“

Jugendarbeiten, die vielleicht seinerzeit einige empfindsam gestimmte Köpfchen zum Neigen gebracht haben, in denen aber nur gelegentlich der für die spätere Aizpuriete typische Blick das Pathos durchdringt. Ein sperriger Einstieg in das Buch, der seinen Wert vor allem darin findet, dass dem Leser erfahrbar wird, wie stark sich der Ton in den Jahren nach 86 gewandelt hat.

Er ist dunkler, reflektierter geworden – in Bezug auf die eigene Existenz und die Geschehnisse um sie herum. Das wirkt indirekt auf ihre Sprache zurück: bei aller Dominanz der Emotion dient die Metaphorik nicht mehr nur der Verstärkung von im Text angelegten Gefühlen, sondern der Differenzierung. Das Bild im Sinn der Imagisten wird für ihre Sprache deutlich relevanter – wobei poetologische Rezepte Aizpurietes Sache nicht sind.

Ich weiß genug über meine zwei Hände,
über die Proportion von Zwielicht und Licht im Netz der Venen,
über das Eis in den Fingerkuppen und unsinnig zarte Haut.
Über Wände weiß ich wenig. Über Fenster – mehr.
Über Türen – genug, um nicht zu bezweifeln,
daß man beim Rechnen an sie erinnern muß. Die Türen
können sich öffnen und alles durchkreuzen.

Das Leben hat es nicht sonderlich gut mit ihr gemeint, zumindest nicht mit den Hoffnungen der frühen Texte – die Liebesgedichte weichen Texten über Schweigen, unerfüllten Erwartungen. Die Spannungen der 80er Jahre mischen sich nicht nur politisch, sondern auch als existentielle Bedrohung für das Schreiben in die Texte. Aizpuriete wurde Übersetzerin und Journalistin, u.a. hat sie Kafka, aber auch Updike und jede Menge russischer Romane übersetzt, sie lebt in Jurmala in der Rigaischen Bucht. In der westlichen Welt hat sich ihre Bekanntheit nicht gehalten.

Vielleicht ist es symptomatisch, dass die nun wieder vorgelegte Auswahl mit den Texten bis 92 endet und spätere Arbeiten – etwa aus dem babylonischen Kiez (Rowohlt, Sept. 2000) oder aus ‚Lass mir das Meer’, dem zweiten, 1996 erschienenen Band nicht im Sinn einer Anthologie aufgenommen wurden.  

Matthias Göritz hat ein Nachwort beigesteuert, in dem er den Versuch unternimmt, Aizpuriete in den Kontext aktueller Arbeiten einzubetten (er erwähnt Silke Scheuermann). Ganz kann ich seine Eindrücke nicht teilen: zu massiv bleibt das Auszudrückende, eine Art emotionaler Message in den vorliegenden Texten sichtbar, zu ungebrochen der Umgang mit romantischer Metaphorik, um mit aktuellen Texten vergleichbar zu sein. Einiges davon mag Heins Übersetzung geschuldet sein, die mir vor allem in den frühen Texten etwas sperrig und antiquiert erscheint („Aus der Nacht, aus den Mauern werd ich dich schrein, / durch die du geglitten, Versteck spielend / mit Wahrheiten alten und bittren.“) Anderes ist sicherlich einer Entscheidung zuzurechnen: die Sagbarkeit einzuschränken auf das Bildern und Metaphern unmittelbar Anhaftbare, jene aufzuladen und zu überhöhen mit dem, was aus dem Innern an die Oberfläche will.

Wenn der Saft siedet unter der ruhigen Schale der Früchte,
der Schmetterling verendet, im entflochtenen Geflecht des Tages
                                                                                                            hoffnungslos
                  verfangen,
auf den Flügeln des Schmetterlings unenträtselt – wie dein Gesicht – schwindet die
                  Schrift,
schmelzende Waben und vom Gedicht bleibt nichts als der schwarze
                                                                                                                        Docht der
                  Leidenschaft.

 

Amanda Aizpuriete
Die Untiefen des Verrats
Auswahl von Manfred Peter Hein. Aus dem Lettischen übertragen von Manfred Peter Hein zusammen mit Amanda Aizpuriete und Margita Gũtmane. Mit einem Nachwort von Matthias Göritz
ink press
2017 · 96 Seiten · 17,00 Euro
ISBN:
978-3-906811-05-5

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