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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Noblesse oblige

Hamburg

Wer seine beiden älteren Kinder „Oreste“ und „Électre“ nennt, braucht sich wohl nicht zu wundern, wenn ihn früher oder später ein grausames Schicksal ereilt – auch wenn er sich bei seinem jüngsten Kind dann doch gegen „Iphigenie“ entscheidet. Stattdessen tauft Graf Neville seine Tochter auf den sprechenden Namen „Sérieuse“, der sie in die Nähe einer weiteren kulturellen Referenz mit ziemlich langem Schatten rückt: Oscar Wildes „The Importance of Being Earnest“.

Mit Zitaten und Verweisen spickt Amélie Nothomb ihre Bücher, die sie in schöner Regelmäßigkeit alljährlich abliefert, seit jeher gerne. Auch ihre berühmten so bissigen wie unterkühlten Wortgefechte – hier zwischen Vater und Tochter – finden sich in ihrem neuen Büchlein in ausgereiftester Form. Nothombs mittlerweile dreißigstes Werk einen „Roman“ zu nennen, trifft allerdings kaum den Kern der Sache. Das Etikett mag werbetechnischen Gründen geschuldet sein; doch liest sich „Töte mich“ vielmehr als kleines, feines Lehrstück in Sachen Determinismus – novellenhaft reduziert, parodistisch überzeichnet, und dabei so symbolisch aufgeladen wie ein Märchen.

Merkwürdig zeitlos beginnt die Geschichte rund um eine verarmte Adelsfamilie in einer abgeschiedenen Region der belgischen Ardennen. Dass es Telefone und Autos gibt, nehmen wir so hin, doch als Nothomb die Erzählgegenwart im Jahr 2014 verortet, sind wir doch ein wenig baff. Zugige Schlösser und aussterbende Aristokraten scheinen eher den Narrativen vergangener Jahrhunderte zu entstammen. Und tatsächlich steuert das Anwesen der Nevilles rapide auf seinen Schlussakkord zu: Nach der alljährlichen Gartenparty im Oktober soll das Schloss verkauft werden. Ob es einer Fast-Food-Kette oder einem Disney-Spielplatz wird weichen müssen, ist ebenso unklar wie der weitere Verbleib der Familie. Umso wichtiger das Anliegen des Grafen, dem vom gesamten Adel der Gegend lang ersehnten Ereignis „die herzzerreißende Pracht eines Schwanengesangs“ zu verleihen.

Zu dumm, dass ihm wenige Tage vor der Party eine Wahrsagerin prophezeit: „Auf Ihrem Fest werden Sie einen Gast töten.“ Und das, nachdem sie die 17-jährige Sérieuse halb erfroren im Wald gefunden hat. Unter diesen Umständen erscheint ihr nonchalanter Zusatz („Beruhigen Sie sich. Alles wird wunderbar ausgehen.“) eher wie ein makabrer Scherz.

Ganz wie die Hauptfigur aus Oscar Wildes Erzählung „Lord Arthur Saviles Verbrechen“ zieht Graf Neville die Vorhersage keine Sekunde lang in Zweifel. Stattdessen wälzt er sich in den folgenden Nächten schlaflos umher und überlegt fieberhaft, wer von den Geladenen am ehesten den Tod verdient, und – noch viel wichtiger – wie er seiner Familie die gesellschaftliche Ächtung ersparen kann.

Noch fester schließt sich die Faust des Schicksals um den gebeutelten Protagonisten, als Sérieuse ihn mit der Bitte aufsucht, sie zu töten. Oder vielmehr: zu erlösen. Seit fünf Jahren sei sie nicht mehr in der Lage, etwas zu empfinden, gesteht sie ihrem Vater. Wie sie ihre Gefühllosigkeit beschreibt, eine andauernde Hölle der Kälte, ist herzzerreißend („Immer war da diese Festung aus Eis zwischen mir und mir.“), doch liegt Nothomb das Psychologisieren nicht. Stattdessen argumentiert Sérieuse vollkommen nüchtern, warum es Sinn macht, sie als Opfer zu erwählen, indem sie die griechische Mythologie, Bibelstellen sowie diverse überlebensgroße Idole aus Literatur, Kunst und Musik herbeizitiert, während Graf Neville seinerseits ähnlich großkalibrige Geschütze auffährt, um nach Kräften dagegenzuhalten.

Ein bisschen Trauma gibt es bei ihm nämlich doch: Mit 14 Jahren starb seine geliebte Schwester Louise an Mangelernährung und Unterkühlung, da es seinem Vater wichtiger war, Monat für Monat den belgischen Adel festlich zu bewirten, als sich um das Wohl und die Gesundheit seiner Familie zu kümmern. Hat das Schloss Louise getötet, oder vielmehr sein Vater indirekten Kindsmord begangen? Diese Frage stellt sich Graf Neville jede Nacht. Zumal sich das Motiv der Kälte als Todesursache wie ein makabrer roter Faden durch die Generationen zieht. In seiner Hassliebe zum Château du Pluvier spitzt sich die Redewendung „Adel verpflichtet“ auf boshafte Weise zu – und Nothomb versteht es aufs Schönste, die grausamen Aspekte dieser Pflichten mit Verve und Ironie herauszumeißeln.

„Das Schicksal handelt, auch wenn du es nicht merkst“, behauptet Sérieuse. Sprich:  Auch wenn sie nicht Iphigenie heißt, wird ihr Vater sie – wie Agamemnon – töten. Ob er will oder nicht. Zur Bekräftigung führt sie, als könne sie seine Gedanken lesen, erneut den guten Ruf an, den Schein, den es zu wahren gilt: „Kindsmord ist abartig, aber nicht unhöflich.“ Ein perfider Verweis auf die Pflichten des Adels, die durchaus auch mal ethische Überlegungen in den Schatten stellen können.

Der springende Punkt ist allerdings nicht so sehr, ob es Graf Neville gelingen wird, aus den ad infinitum herbeizitierten langen Schatten herauszutreten (und damit möglicherweise das Schicksal abzuändern). Sondern, ob er es überhaupt will. Denn schließlich ist die komplexe Matrix aus Klassenzugehörigkeit und Herkunft, Mythologie, Glaube und kulturellen Referenzpunkten, mit der wir aufwachsen und die uns prägt, auch die Grundlage unserer Identität. Verkürzt gesagt: Was uns Halt gibt, fesselt uns zugleich.

Doch Moment. Gab es nicht schon in der griechischen Mythologie mehrere Versionen der Geschichte? In einer opfert Agamemnon seine Tochter der erzürnten Jagdgöttin Artemis. In einer anderen muss an ihrer Stelle eine Hirschkuh dran glauben, während Iphigenie fortan als Priesterin im Artemistempel dient.

Vielleicht ist das Schicksal von jeher nicht so geradlinig oder unausweichlich, wie es scheint. Wobei natürlich die Frage bleibt, wer in „Töte mich“ die Hirschkuh geben könnte. Plausibilitäts-Verfechter dürfte der Deus-Ex-Machina-Effekt, den Nothomb auf den letzten paar Seiten bemüht, einigermaßen enttäuscht zurücklassen. Doch um Glaubwürdigkeit oder Realismus geht es in dieser dichten, geistreichen Parabel schließlich nicht. Sondern darum, dass sich der optimistische Zusatz der Wahrsagerin erfüllt – welche Schicksalsrädchen dafür auch immer gedreht werden müssen.

Amélie Nothomb
Töte mich
Aus dem Französischen von Brigitte Große
Diogenes
2017 · 112 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-257-06989-1

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