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Kritik

Um die Wirklichkeit gedrückt?

Probleme mit Amir Eshels Auslegungen des Begriffs „Dichterisch Denken“
Hamburg

Dichterisch oder besser noch poetisch zu denken – das klingt gut: Wer wäre nicht gern frecher Dichter und kluger Denker in Personalunion?  Hannah Arendt attestierte diese Fähigkeit Walter Benjamin, der Wahrheit in seinen Schriften zur Darstellung brachte, ohne dabei einem zumindest dem Anspruch nach lückenlosem philosophischem System servil Folge zu leisten. „Voranschreiten ohne Geländer – losgelöst von Überlieferungen, Normen oder starren Systemen“, ist das Ideal einer kognitiven Praxis, die der Stanforder Literaturprofessor Amir Eshel in seinem Buch „Dichterisches Denken“ anhand von Gedichten, Gemälden, Skulpturen nachvollziehen will.

Eshels Essay ist eine Verlegenheitsarbeit. Freimütig gesteht er im Vorwort seinen Frust darüber, dass Kollegen wie Studenten seine umfangreiche Studie ___STEADY_PAYWALL___über „Zukünftigkeit. Zeitgenössische Literatur und die Vergangenheit“ zwar vor ihm bewunderten, ihm bei Nachfragen aber schnell klar wurde, dass kaum jemand konkret auf das von ihm brav wissenschaftlich Geschriebene irgendwie referieren kann. Stattdessen will er nun einen zugänglichen Essay vorlegen, in dem es aber um Grundlegendes geht. Eshel verdächtigt die westliche Philosophie in ihrem Beharren auf „letzte Wahrheiten“ einer Herrschaftsform Vorschub zu leisten, die er Tyrannei nennt und (nicht weiter differenziert oder zueinander abgewogen) in Nazi-Deutschland, den USA, Syrien, Israel, der DDR im Gange sah oder sieht. Einen Begriff von Gesellschaft oder Politik bleibt er uns schuldig, denn Tyrannen fallen nicht vom Himmel, begehen ihre Taten nicht selber. Sonst wären sie Serienkiller und damit eher ein Fall für Rechtspsychologie oder Populärkultur. Gegen Tyrannen bzw. Tyrannei hilft aber, Eshel zufolge, poetisches Denken, denn dann wird man nicht wie die. Wie man sie wegkriegt, ist nicht sein Metier. Stattdessen zeigt er uns, wie Kunst „Räume eröffnen“, in denen sie „uns zu bedingungslosen Spekulationen über einige der wichtigsten Fragen unseres Lebens anregen“. Kunst und Philosophie nehmen „gleichberechtigt in einem vielstimmigen Diskurs“ teil, den er mit Michael Oakeshott „Gespräch der Menschheit“ nennt … welcher wiederum lustigerweise äußerst konservativer Tory-Politiker und Anti-Sozialist war.

Neben Texten zum Maler Gerhard Richter und Bildhauer Dani Karavan widmet sich Eshel der Lyrik Paul Celans und Dan Pagis‘, einem hierzulande wenig bekannten israelischen Autor. Ihre Werke

„ziehen uns in ein poetisches Ereignis hinein, erhöhen unsere Sensibilität für unsere historischen und moralischen Verhältnisse und regen uns auf diese Weise zum Nachdenken über unsere Entscheidungen an, sowohl über die, die wir bereits getroffen haben, als auch über jene, die wir noch treffen werden.“

Das ist, gelinde gesagt, arg allgemein und die privatpsychologischen Konsequenzen einer Lyriklektüre sind nur bedingt interessant. Eshel liest in seinem Aufsatz die kanonischen Gedichte „Zürich, Zum Storchen“ und „Psalm“ von Celan sowie „Zeugenaussage“ und „Eine weitere Zeugenaussage“, erklärt, wie etwa die biblische Schöpfungsgeschichte aber auch Biografisches zum Verständnis beitragen können. Dabei werden plausible Zusammenhänge hergestellt. Allerdings wird nicht greifbar, worauf seine daraus abgeleitete Kunst-inspirierte Ethik hinauswill, erkennen wir ein stückweit die Wirklichkeit von Herrschaftsverhältnissen an und unterstellen den Dichtern, sich mit ihnen nicht abzufinden.  Das „Zürich“-Gedicht etwa

„erfasst eingangs die unterschiedlichen Standpunkte des Ich und des Du, artikuliert dann jedoch nicht etwa die Notwendigkeit einer Synthese ihrer Positionen, nährt nicht die Illusion einer Vereinbarkeit, sondert fordert die Vision von einer radikal neuen Ethik für unsere Zeit. Schließlich, und das ist wesentlich, stellt das Gedicht die Frage ‚was gilt?‘ und fordert uns heraus, darüber auch im weitesten Sinne nachzudenken.“

Wie genau das von statten geht, welche Anhaltspunkte wir für diese Ethik erhalten, außer eben nicht starr auf der eigenen Position zu verharren, aber auch nicht vorschnell herrisch herumzusynthetisieren, erfahren wir nicht. Eshel strebt eine „Ethik ohne Grundsätze an“, die „stetig anwachsende Sympathie“ (Rorty) zum Ziel hat. Indem die Dichter sich keine höchste moralische Instanz à la Gott akzeptieren, bewahren sie diese Möglichkeit gegen alle quasi-tyrannische Urteil-und-Schluss-Diskurse. Offenhalten ist schön und gut, aber zielt die Verweigerung gewisser (eben von Menschen gemachte und von Menschen befolgte) Gesetze nicht vielleicht doch auf eine Veränderung und gibt sich nicht schlicht mit „Hoffnung“ zufrieden, was den einen leichter und den andern schwerer fällt, gucken sie auf ihre Lebensrealität?

In der Koda seines Buchs, die „Poetisches Zeitalter“ heißt, gibt es einige Hinweise darauf, dass wir uns mit Sensibilisierung für Möglichkeiten begnügen müssen. Eshel sagt, dass der technologische Fortschritt einerseits Werkzeuge an die Hand gibt, kreativen Kram zu machen, aber auch die Bevölkerung zu überwachen, dass man im Internet virtuell Museen am andern Ende der Welt besuchen kann, aber auch fake news verbreiten. Eshel spricht sich kurz vor Schluss bemerkenswerterweise gegen studentischen Aktivismus aus, der als Selbstzweck versandet, sondern erzählt von einer Pädagogik, die für ihn poetisches Denken verkörpert: Lacuna, ein „digitales Tool“, das „Reflexionsräume“ schafft, also eine Online-Plattform, mit der Studis für die anderen sichtbar Texte mit Kommentaren bzw. Anmerkungen, auf die dann wiederum eingegangen werden kann usw., sodass am Ende alle mitdenken, diskutieren in einer Art social media mit Niveau oder so. Das man mit eifrigen Leuten auf diese Weise recht einfach ein schönes Seminar begleiten kann, steht außer Frage, aber wäre Hannah Arendts poetischer Denker Walter Benjamin mit dieser Content-Explosion d’accord, der doch von der „Revolution als Notbremse“ schrieb? Eshel schwärmt von einer von ihm kaum bestimmten Produktivität, die von Kunst ausgeht, zu einer Ethik führt, die die Welt aus dem Spiel lässt, und letztlich eine anregende schöne Zeit für einige happy few bedeutet.

Amir Eshel
Dichterisch denken – Ein Essay
Aus dem Englischen von Ursula Kömen
Suhrkamp
2020 · 279 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-633-54304-5

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