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Kritik

Das Funkeln der Milchstraße an der eigenen Nasenspitze

Hamburg

Ein surreales Verweben von Situationen auf der Arbeit, durch die Straßen ziehen und im Endeffekt von etwas, Hierarchien zum Beispiel, getrieben werden, zieht sich durch Andor Endre Gelléris Prosaband Stromern, übersetzt aus dem Ungarischen von Timea Tankó. In der Zeit zwischen den Weltkriegen und jäh beendet durch eine tödliche Typhusinfektion, kurz nach der Befreiung Mauthausens durch die Alliierten, hat er in seiner kurzen Schreib- und Lebenszeit einen Roman verfasst, Die Großwäscherei, ebenfalls im Guggolz Verlag erschienen, eine fragmentarische Autobiographie und eben einen beachtlichen Berg Kurz- und Kürzestgeschichten. Neben Attila Jószef einer der Klassiker ungarischer Literatur der Moderne, schreibt Gelléri hauptsächlich über das Verletzen. Sei es durch Unfälle, durch das Gesetz, durch nächtliche Begegnungen mit Riesen, seltsamen Unfällen auf der Straße oder alkoholisierten Taten oder Duellen. Ständig schweben die Protagonisten seiner selten länger als zehn Seiten, und früh recht erfolgreich verlegten Prosastücke in einer Art Machtlosigkeit gegenüber den Dingen, der sie nicht zu entfliehen vermögen. Gelléri hält sich mit nichts auf, sofort und ziemlich rasant in der Folge ist man als LeserIn hineingeworfen in das Fließen und Stoßen. Seltsame Perspektiven, zum Beispiel der Erzähler als Embryo und kurz vor der Geburt, als Duellant, als Autor seiner selbst in Träumen, münden in einen Kreis aus Arbeit und Tod.

Die titelgebende Geschichte Stromern ist eine der besten: Hier meldet sich der Protagonist auf eine sprechende Anzeige namens Herren mit feurigem Blick gesucht, um als Vertreter von Augentropfen in ein groteskes Wirrwarr aus Erscheinungen wie in einem Kaleidoskop geschleudert zu werden. Gelléri verlangt eine hohe Aufmerksamkeitsspanne, so enorm schnell sind seine Schauplatzwechsel und assoziativen Verlagerungen der Handlung. Völlig anders als beispielsweise die good old short-story und Kollegen, gibt es kein eindeutig umkreistes Thema mit einer lehrbuchhaften Fabel und vielen don'ts – stattdessen zieht Gelléri alle Regler hoch und schwirrt durch tausendundeine Welt, um genauso jäh daraus zu verschwinden. Häufig melancholisch, zuweilen satirisch beißend, aber vor allem ausgeliefert, so erstrecken sich die fast an Miniaturen erinnernden Prosastücke, selten haben sie längere Titel als bloß Nomen: Leben, Fasching, Auf allen Vieren, Jugend, B, Ich möchte Trompete spielen, Einsamkeit oder Haus im Gelände.

[...]

Wir schauen oft tief ins Glas, gern in Gesellschaft: Gestern waren die beiden Schnepfen Tercsi mit den gelben Haaren und die fast rote Gizi bei uns. Es war ein heißer Abend, wir tranken Bier und starken Wein, Józsi schickte den dicken Schifferklavierspieler mit Kraft unter den Tisch, ließ ihn dort aufspielen, und er selbst stieg mit der Rothaarigen auf den Tisch, umfasste sie an der Taille und tanzte mit ihr, als wäre er nicht schon fünfzig Jahre alt. Diese beiden Frauen haben uns im Hotel gründlich geschwächt; heute früh sind wir mit bleiernen Gesichtern erwacht und mussten reichlich Natron und scharfen Paprika schlucken. Allein der alte Jószi besah sich stolz den Tisch und strich sogar über die Stelle, auf der er getanzt hatte.

Es sind Hundstage; überall schwirren fette Hummeln; wir haben nichts dagegen, dass man den Boden unter unseren Füßen mit Wasser kühlt und dass Bodri, der Hund des Wirts, von einem zum anderen geht, um ein wenig an den Spitzen unserer müden Finger zu kauen.

Szepi schläft im Sitzen ein und schnarcht der Sonne entgegen, und auch wir öffnen die Augen, mal mehr, mal weniger.

Stromern ist eine interessante Lektüre, sprachlich auf einer reduziert, zeitlosen Ebene angesiedelt. Ein Nachwort von György Dalos rundet den Band passend ab. Gelléri hat eine eigenständige Stimme und eine ungewöhnliche Ladungsdichte an Bord – gut gemacht, Guggolz!

Andor Endre Gelléri
Stromern
übersetzt aus dem Ungarischen von Timea Tankó
Guggolz Verlag
2018 · 269 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-945370-18-6

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