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Kritik

Ich bin für Frieden, Armut und Polyamorie – welche Partei soll ich wählen?

Andre Rudolph schreibt sich mit einem confessional Dialog über Jobcenter, Gott und all die Hülsen dazwischen in den Ruin, denn „dazu sind Dichter ja da“.
Hamburg

Gerade noch wurde Leif Randts „Allegro Pastell“ mit ganzseitigen Berichten in den Feuilletons der großen Zeitungen bedacht, und als „Dokument einer ästhetischen Zeitenwende“ (SZ) oder „Ausgangspunkt einer neuen literarischen Jugendbewegung“ (Zeit) dargestellt. Dabei gibt es ein kleines graues Buch mit großer Sprengkraft, in dem ich all das finde, was als so bahnbrechend neu an Leif Randts Roman gepriesen wird. Die Gedichte dort, es sind nicht sehr viele, dafür sind sie sämtlich mehrere Seiten lang, beginnen mittendrin, mitten in der kaputten neopastellfarbenen, posttherapeutischen Welt, und direkt mit dem vermeintlichen oder echten Anspruch an Dichtung:

    „dazu sind wir dichter
    ja da, damit wir auch ihnen individuelle
    freiräume ermöglichen, [...]“

Als direkte Ansprache fungieren sie sowieso, denn alle Gedichte beginnen mit der identischen Überschrift: „hallo!“

Eine Anrede, die man als Aufruf verstehen kann, sich den Fragen auszusetzen, die die Gedichte stellen, sich nicht beruhigen zu lassen von den wiederkehrenden Refrains, denn die in dem neuesten Gedichtband von Andre Rudolph mit dem langen Titel „Ich bin für Frieden, Armut und Polyamorie – welche Partei soll ich wählen?“ versammelten Gedichte sind in Wirklichkeit eine enorme Anklage, die direkt ins Herz der lange schon bestehenden Krankheit dieser Gesellschaft trifft. Einer Krankheit aus Hass, Angst und Orientierungslosigkeit, der sehr lange durch Verdrängung begegnet wurde.

    „ahnen sie etwas von der schuld ihrer ahnen,
    oder langweilt sie das? -“

Einer der Refrains lautet „dazu sind dichter ja da“, und persifliert damit das Nützlichkeitsverdikt, dem nahezu alles untergeordnet wird. Als zögerlichen Widerspruch lässt Rudolph kursiv gedruckt Zeilen vom Traum in einen Dialog mit der durch Pragmatismus zurechtgestutzten Wirklichkeit treten. Und das ist sozusagen der Prolog, der die Bestimmung des Dichters, orientierungslos und ohne Konzept, direkt in den eigenen Ruin führt.

Bei Rudolph klingt das so:

    „leider war mein letztes buch so schwer, dass davon
    der ganze verlag zusammengekracht ist,
    dieses hier erscheint jetzt

    bei random house, kennen sie?“

Und es liegt nahe, darin eine Anspielung darauf zu sehen, wie viele engagierte unabhängige Verlage, wie der luxbooks Verlag, bei dem Rudolphs erste drei Gedichtbände erschienen sind, aufgeben müssen, und das eben nicht aus einem Mangel an Qualität, sondern weil Qualität offenbar zu schwer ist für den Buchmarkt.

Also Ruinen, aber nützliche. Ruinen, in die der Dichter seine

    „[…] gedichte gewisse-
    rmaßen hineinschmieden kann, ja? denn gute
    gedichte sind solche,

    die etwas über das leben aussagen, oder
    über den kapitalismus, oder wenig-
    stens die amorie, oder die

    wie eine serie sind, wissen sie,
    mit der man
    in einer nacht

    fünf staffeln zeit totschlagen kann.“

Das Spiel als Rettungsstrategie lese ich als Klappentext zu dem Buch. Ich weiß nicht, ob ich mich dem anschließen kann und will. Vielmehr lese ich eine absolute Dringlichkeit in jedem Vers. Alles, was Rudolph hier zu Papier bringt, ist ebenso verrückt wie zielführend. Da gibt es Bilder, Vergleiche, Analogien, in denen wir Menschen das wunde Zahnfleisch in Gottes Gebiss sind, oder ein Sparschwein, das ohne fremde Hilfe versucht die letzte Münze aus sich herauszuschütteln. Aberwitzige und absolut überzeugende Bilder für den zerstörerischen Zeitgeist, der den Spielraum für jeden einzelnen von uns immer enger macht. Das entzündete Zahnfleisch als die scheinbar unheilbare Krankheit, an der die Menschheit leidet, und für die es keine Lösung zu geben scheint:

    „ER sie rausreißen und ausspucken will, und sie
    werden so irre davon, dass sie
    auch zu toben und schreien beginnen und ein-

    stimmen in GOttes zorn, und sich selbst auch
    rausreißen wollen, und aus-
    spucken, aber wie,

    und GOtt weiß aber, nicht wahr, und trotzdem,
    und sie wissen, und alle:

    SIE STECKEN FEST.“

Alle Gedichte, die vermutlich in den hier präsentierten Ausschnitten nicht einmal zur Hälfte andeuten können, was in ihnen steckt, sind voller Anspielungen und Bezüge, da ist der Wunsch, und gleichzeitig das, was fehlt, dessen Fehlen alles ruiniert.

    „ich wünschte ein gütiges sprechen, aber eines,
    das kapituliert, ein
    sprechen, das kapituliert, und genau daraus

    bezöge es seine güte, denn es soll gütig sein, jenes
    sprechen [...]“

Diese Art des Sprechens, also auch Denkens und schließlich Handelns, das alles hängt ja eng miteinander zusammen, wäre der Umsturz, während so, wie die Dinge nun einmal liegen, der Sprecher sich selbst als umgestürzte Eiche sieht.

Das Gedicht erscheint bei Rudolph als Körper, vergleichbar mit Scheiße, aber dann, nach hochkomplizierten, immer wieder nahe am Scheitern lavierenden Analogien, kommt der Dichter zu folgendem Schluss:

    „[…] scheiße fällt

    ab, aber in
    hochsprache, das ist der name von trauer.“

Kann man Euphemismus, Schönreden und Verschweigen besser auf den Punkt bringen?

Mit „Ich bin für Frieden, Armut und Polyarmorie – welche Partei soll ich wählen?“, legt Andre Rudolph einen überzeugenden Gedichtband zwischen Verzweiflung und Zorn vor.

Die Frage, welche Partei zu wählen ist, bleibt gerade angesichts der aktuellen Lage, schwieriger denn je. Es gibt auf diesem Gebiet nicht annähernd so gute und überzeugende Angebote, wie im Bereich der Lyrik.

Andre Rudolph
Ich bin für Frieden, Armut und Polyamorie – welche Partei soll ich wählen?
parasitenpresse
94 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3947676569

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