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Kritik

Knopfsemmeltage

Hamburg

Die Gedichte von André Schinkel in „BODENKUNDE“ sind eigen, nicht unbedingt im Sinne von eigentümlich, aber doch anders. Herzzerreißend
und – erwärmend zugleich sind beispielsweise diese beiden Zeilen eines Herbstgedichtes:

Das Surren der Schüssel am Dachrand, nach
Einem vergeblichen Testton des Alls.

In seinen Gedichten begegnen immer wieder ungewöhnliche Sympathieträger in hoffnungslos ausweglos scheinenden Situationen, sei das nun die einsame Satelitenschüssel am Rande des Dachs, oder auch ein missmutiger Schwan namens Fürchtegott:

[...] Der Schwan, der Fürchtegott

Heißt, dreht mißmutige Runden, weil die Startbahn,
Die Schloßtümpel heißt, für ihn zu kurz ist.

Überhaupt schenkt André Schinkel Tieren sehr viel Aufmerksamkeit und räumt ihnen häufig und wie nebenbei – „wo die Taube, bärengrau, steppt“ – Platz in seinen Gedichten ein.

Etwas, für das ihm Respekt gebührt, ist der Mut zu ebenso abrupten wie starken Brüchen innerhalb seiner Gedichte. So springt, um ein Beispiel hierfür zu nennen, ein Gedicht ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken und ohne jegliche Vorwarnung von Naturidylle zu schimmelnder Hundescheiße und wieder zurück:

[...] Das sind die Spuren
Der Reiher, sagst du, die ziehn
Über die Köpfe ohne zu fragen, wo-
Hin. Die Hundescheiße setzt
Schimmel und Staub an: als würde
Sich alles dadurch noch wenden.
Du gehst vor mir her – in den Weiden
Flirrt, in den Weiden dräut das Licht.

Die Gedichte sind tendenziell eher länger. Es gibt auch sehr kurze, die aber nicht für sich alleine stehen, sondern Teil eines Langgedichts sind. André Schinkel schreibt sehr formbewusst, beispielsweise finden sich in vielen seiner Gedichte Endreime. Bei längeren Gedichten, die Endreime verwenden, kommt es leicht zu einem eigentümlichen Rezeptions-Phänomen: Egal wie viele gelungene Endreime das Gedicht aufweist, der eine, der leicht wacklig dasteht, wird einem immer sofort ins Auge stechen und wie isoliert und im grellen Scheinwerferlicht vor einem stehen. Eine Kette ist so stark, wie ihr schwächstes Glied, ein reimendes Gedicht, wie sein schwächster Reim – ich frage mich, ob das stimmt, oder ob das dem Gedicht gegenüber nicht etwas unfair ist. Auch fühle ich mich mit der Bezeichnung „schwächster Reim“ nicht wohl, ist es doch ein negatives Werturteil, das in einer richtig – falsch Dichotomie des Denkens zu wurzeln scheint, was wiederum nichts in der Literaturkritik verloren haben sollte.

Kehren wir also lieber wieder zurück zu den Gedichten von André Schinkel. Ja, bei seinen längeren endreimenden Gedichten gibt es immer wieder Reime, die herausfallen. Aber das kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Manche fallen heraus, weil sie zu gezwungen wirken, wie: „das Wasser leuchtet“ und „die Welle feuchtet:“, und damit nicht überzeugend sind. Aber es gibt auch andere, die herausfallen weil sie ganz einfach unerwartet sind, wenn beispielsweise „Wackelei“ mit „Kakelei“ reimt, oder „Kacke“ mit „Jacke“. Und das kann durchaus erheiternd sein, wenn man in der richtigen Tagesverfassung hierfür ist.

Thematisch dreht sich der Gedichtband um die Facetten der Liebe, von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt, was schon gleich zu Beginn verraten wird, fängt doch das erste Gedicht mit den Worten „UNSERE LIEBE“ an.

Was André Schinkel sehr gut gelingt, ist das Hineinzoomen in historische Figuren. So ist ein Gedicht aus der Sicht Nefertitis (auch Nofretete genannt) geschrieben. Der Titel dieses Gedichtes verrät uns auch einiges darüber, was André Schinkel mit seinen Gedichten vorschwebt, warum er so oft zu Reim und refrainartiger Wiederholung einzelner Verse greift: „NEFERTITI SINGT“. Gedicht ist für ihn Gesang und damit zugleich immer auch liedhaft. Hat man das einmal verstanden, lassen sich die Gedichte gleich ganz anders lesen, besser verstehen.

Historische Bezüge lassen sich auch in anderen Gedichten finden, wie in einem Prosagedicht, das den Moment des Todes eines Mannes durchlebt, der auf der Flucht von einem anderen mit einem Pfeil getötet wird. Dabei denke ich sogleich an Ötzi, auch wenn der Name im Gedicht nicht explizit genannt wird. Dieses Gedicht ist überaus einprägsam in seiner Bildlichkeit und es verrät, dass André Schinkel ein guter Erzähler ist. Zuletzt war von ihm mit „Das Licht auf der Mauer“ 2015 ein Band mit Erzählungen erschienen.

Das Inhaltsverzeichnis ist in diesem Fall von besonderem Interesse, da es Jahreszahlen zu den Gedichten angibt. Die Gedichte stammen demnach aus den Jahren 1995 bis 2017, was einen sehr großen Zeitrahmen darstellt und einem die Unterschiedlichkeit mancher Gedichte besser verstehen lässt. Bei einigen Gedichten werden gleich zwei Jahreszahlen angegeben, wie beispielsweise: „Idyll (1995/2012)“.

Enden möchte ich an dieser Stelle mit einem der wenigen für sich stehenden kurzen Gedichte aus „BODENKUNDE“:

DER FÄCHERBAUM

In meinem Herzen steht ein Fächerbaum, –
In deinem auch, aus Zufall kaum;
So sind wir immerfort, in allen Stunden
Durchs Fächerherzbaumnetz verbunden.

André Schinkel
Bodenkunde
Mitteldeutscher Verlag
2017 · 44 Seiten · 9,95 Euro
ISBN:
978-3-95462-902-2

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