Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

Brauchbare Texte und Bilder

Hamburg

Das wespennest ist eine halbjährlich erscheinende Zeitschrift, die sich in ihrer Vielfalt als überaus horizonterweiternd erweist. Eine Zeitschrift für brauchbare Texte und Bilder, wie uns der Untertitel verrät. Aktuell haben wir die Nummer 176 vor uns, das Wespennest ist damit eine Zeitschrift mit beachtlich langer Tradition. Themenschwerpunkt dieser Ausgabe ist „Klima“. Aber vor diesem Schwerpunkt gibt es auch noch einen offenen Abschnitt und ganz am Schluss einen Rezensionsteil. Dieses Nebeneinander von Schwerpunktsetzung und offengehaltenem Freiraum ist sehr bereichernd. Die Ausgabe beginnt mit dem Aufruf Zurück zur Zukunft, einem Denkanstoß von Georg Seeßlen zum Thema Zukunft:

Gewinner im Neoliberalismus ist nicht, wer am meisten Zukunft ermöglicht, sondern derjenige, der am meisten Zukunft verbaut, was einerseits aus dem gewöhnlichen Konkurrenzkampf aller gegen alle entsteht, andererseits aber auch aus einer Kultur von Angst und Verachtung. Die kollektive Angst vor der Zukunft und die individuelle Angst vor der Zukunftslosigkeit neutralisieren sich sozusagen. Wir begreifen, was man unter rasendem Stillstand versteht.

Und er beschließt seinen Beitrag dann mit der vergleichsweise versöhnlichen Erkenntnis, dass Zukunft der Raum sei, „der niemandem und allen gehört.“

Es folgt Amptat, Ach je, ein Beitrag von Andreas F. Kelletat zu Thomas Kling. Erzählt wird die Freundschaft von Thomas Kling mit Martin Sottkowski und das schmerzhafte Zerbrechen dieser Freundschaft über die Zeit hinweg. Man erfährt darin viel über den jungen Thomas Kling, was man vorher möglicherweise noch nicht wusste, wie beispielsweise dass er seinen ersten Gedichtband nach Erscheinen und der vernichtenden Kritik des Freundes zerstückelt und bei der Frankfurter Gegenbuchmesse in kleinen durchsichtigen Zellophantütchen als „Büchergulasch“ zum Verkauf angeboten hat. Das Ende des Beitrages wird dann sehr emotional. Es wird berichtet, wie Sottkowski aus der Zeitung vom Tode Thomas Klings erfährt und wegen eines Umzugs die postalische Traueranzeige mit Einladung zum Begräbnis zu spät erhält, woraufhin er einen scheinbar völlig überzogenen Schreikrampf erleidet. Im Anschluss begleiten wir Sottkowski nach Hause, wo er seine Mappe zu Thomas Kling hervorholt und mit uns nochmals durchgeht. Und er zwingt sich auch, den letzten hasserfüllten Brief voller gekränkter Eitelkeit, den er Thomas Kling wenige Monate vor dessen Tod geschrieben hatte, nochmals zu lesen. Darin kündigte er ihm wegen einer Lappalie, einem PS in einer Rezension von Thomas Kling über einen Übersetzungsband aus dem Finnischen, ungemein bösartig die Freundschaft auf. Wenn man auch nur ansatzweise eine Ahnung davon hat, wie schlecht es dem todkranken Thomas Kling am Ende ging und wie kostbar ihm jeder der Krankheit abgerungene Augenblick für sein Schreiben war, fragt man sich schon, mit welchem Recht ein Mensch einem anderen in so einem Moment einen solchen Brief zu schreiben wagt. Unter anderem wirft Martin Sottkowski darin Thomas Kling in Bezug auf Georg Adomait vor, was er in Wahrheit nur sich selbst in seinem Umgang mit Thomas Kling vorwerfen kann: In seinem Brief wirft er Thomas Kling fehlende Rücksichtnahme auf einen alten Mann vor, welcher, ebenso wie sein vermutlich letztes Buch, doch eine besondere Behandlung verdienen würde. Zugleich nimmt er selbst aber mit seinem Brief absolut keine Rücksicht auf den zu diesem Zeitpunkt bereits schwerkranken Thomas Kling:

Woher nimmst du dir das Recht, ein in fünfzig Jahren entstandenes Lebenswerk eines alternden Mannes (grins man nur!), an dessen Bekannt- oder Freundschaft dir einmal mehr lag, als dir die Erinnerung heute eingesteht, so hundsföttisch abzufertigen? 150 Zeilen hast du für diesen Kalevala-Quark und keine drei für ihn. In dem Wissen zumal, dass „Weithin wie das Wolkenufer“ wohl sein letzter Band mit Übersetzungen sein wird, vielleicht überhaupt sein letztes Buch? Komm mir nicht mit der Reich-Ranickischen Strenge des Kritikers, den solche Privatdinge nicht kümmern dürfen.

Schockiert von der anmaßenden Unmenschlichkeit dieses ominösen Martin Sottkowski recherchiere ich zu seiner Person nach. Und stelle fest, dass Martin Sottkowski ein Alter Ego von Andreas F. Kelletat selbst ist, der über seine eigene Freundschaft zu Thomas Kling aus der Perspektive eines beobachtenden Dritten schreibt. Mit diesem Wissen liest sich der Text nochmals ganz anders, gerade der erste Abschnitt ist durchaus humorvoll mit einem Schuss Selbstironie. Wichtig zu wissen wäre zudem, dass es sich dabei um einen Auszug aus einem größeren Projekt handelt. Denn der Text „gehört in eine autobiografisch grundierte Prosasammlung mit dem Arbeitstitel AugenBlicke.“ Vier Prosabände sind bereits in der Edition Noack & Block (Berlin) erschienen.

Der nächste Beitrag im Wespennest, die Gummibärchenkampagne, setzt sich zusammen aus vielen kleinen „Minutennovellen“ von Helwig Brunner, in welchen es unter anderem um eine Socke mit zwei offenen Enden (bzw. um ein Fußtunnel), oder um Spamferkel geht, welche „nicht nach Gegrilltem riechen und sich problemlos in Spamordnern halten lassen“. Vegan sind Spamferkel wohl auch. Blättern wir also weiter zum nächsten Beitrag:

[…] ich, armes ding. gestern noch
war schwimmhaut, heute das wohltemperierte klavier

So bringt Dieter Schönecker die Evolutionsgeschichte der Menschheit in einem seiner Gedichte auf den Punkt.

Die Erzählung Wie ich mich rüste von Katharina Bendixen ist eine Kostprobe aus ihrem im Juli im poetenladen erscheinenden Erzählband Mein weißer Fuchs. Es ist ein märchenhafter Text, der eine im Inneren völlig ausgehöhlte Familie zeigt. Erzählt wird aus der Perspektive des kleinen Jungen, der am Beginn sieben Jahre alt ist und am Ende achtzehn und bis dahin an einer Rüstung aus der Angst des Vaters und dem Fleiß der Schwester baut. Diese braucht er um die Familie verlassen zu können, etwas, das seiner größeren Schwester nicht gelungen ist:

Wenn sie schläft, pflücke ich ihr den Fleiß aus den Haaren und bringe ihn in mein Zimmer. Er verwandelt sich in Eisenschuhe, und das ist gut, denn ich muss meiner Schwester versprechen, dass wenigstens ich bald gehe.

Es folgen Gedichte von Petar Matović, welche von Jelena Dabić aus dem Serbischen übersetzt wurden:

1!, 2!, 3!: wenn du aufwachst, wird die Syntax
zerfallen, die Rede wird zu Poesie werden und
es wird keine Missverständnisse mehr geben:

Steffen Brenner stellt dann seinen Gedichten zwei Liedtextzitate von Jerry Reed und Randy Pie vorweg. „spirit of ʹ76“ heißt es in einem der Gedichte und das trifft es recht gut:

diese stadt am abgrund: die spielautomaten
               erteilen uns unsere absolutionen
während wir die martinis im gleichgewicht
zu halten suchen.

Ganz anders dann der darauf folgende Beitrag Kriegsaufräumer von Alice Grünfelder in welchem sie über die wenig bekannte Tatsache berichtet, dass die Briten und Franzosen im ersten Weltkrieg in großem Ausmaß Chinesen nicht als Soldaten, aber als Kriegsarbeiter anstellten:

Von den insgesamt knapp hundertvierzigtausend Chinesen lebten etwa hunderttausend in siebzehn britischen Militärlagern verstreut über Nordfrankreich; etwa vierzigtausend „Kulis“ wurden von den Franzosen angeheuert. Neunzig Prozent der Chinesen waren Analphabeten, hatten keine Ahnung, wo Europa liegt, hatten nur das Geld für sich und ihre Familien vor Augen. Wussten nicht, dass die chinesische Regierung sich nur deshalb und zögerlich auf diesen Handel eingelassen hatte, um nach dem Krieg ihre Provinzen Shandong und Qingdao von den Japanern zurückzuerhalten, die diese den Deutschen zu Kriegsbeginn 1914 abgenommen hatten.

Und damit wären wir beim Klima-Schwerpunkt des Heftes angelangt, welcher mit Von der biologischen Vielfalt der Literatur mit einem Bericht des isländischen Dichters Sjón beginnt. Dieser war vom Potsdam-Institut für Klimaforschung (PIK) eingeladen worden um dort den Sommer 2017 in einer „kleinen, turmartigen Sternwarte“ in Potsdam zu verbringen und dabei „über die Rolle des Schriftstellers in Zeiten des Klimawandels, der globalen Erderwärmung und aller verheerenden Folgen nachzudenken, die dies für den Lebensraum und die Zukunft der Menschheit bedeutet.“ Im Wespennest berichtet er über diesen Aufenthalt und legt dar, dass er es als Aufgabe der Literatur erachte, „auf dieses veränderte Weltbild zu reagieren und es selbstständig mit den Mitteln der Literatur zu verarbeiten.“ Neben dem PIK-Aufenthaltsbericht (aus dem Isländischen von Betty Wahl) kann man in weiterer Folge dann auch noch drei Gedichte von Sjón lesen (aus dem Isländischen von Betty Wahl und Tina Flecken):

es ist lang bis zum morgen und noch länger bis der tag dämmert
als der mann hochschreckt
vom rufen der heidevögel […]

Fredrik Albritton Jonsson (aus dem Englischen von Sandra Lehmann) stellt dann in Die Kunst, in anderen Maßstäben zu denken fest, dass der Klimawandel in seiner Größe für unsere heutige Gesellschaft schwer zu begreifen sei, da die breite Öffentlichkeit meist nur sehr kurzfristig für wenige Jahre vorausdenken und obendrein nur über eine kurze Aufmerksamkeitsspanne verfügen würde. Im weiteren Verlauf untersucht er, inwiefern die Gesellschaft im viktorianischen Großbritannien eine andere Auffassung von zeitlichen und räumlichen Größenmaßstäben hatte als wir heute, denn:

Größenmaßstäbe wahrzunehmen erfordert gleichermaßen Übung wie Technik. Entsprechend gibt ein Größenmaßstab nicht einfach ein bestimmtes Entfernungsverhältnis in einem Modell oder auf einer Karte an, sondern ist eine eigene Form zu denken und sich zu den Dingen zu verhalten, die für verschiedene Gesellschaften und Zeiten spezifisch ist.

Der Blick in die Vergangenheit könnte im besten Falle unsere „Vorstellungskraft weiten und uns helfen, neue Verbindungen zwischen Vergangenheit und Zukunft herzustellen.“ Etwas, das wir alle im Hinblick auf den Klimawandel wohl dringend nötig hätten.

Valeska Bertoncini stellt uns in Ekstasen der Tatsachen Hans Jürgen von der Wenses Warnemünder Wetterbücher vor, welche er von 1920 bis zu seinem Todesjahr 1966 führte. Dieser wurde uns schon im Editorial als geheimer Star des Klima-Schwerpunkts angekündigt:

Der geheime Star dieses Klima-Schwerpunkts ist Hans Jürgen von der Wense, der 46 Jahre lang exzentrisch-poetische „Wetterbücher“ führte, und der, wie Valeska Bertoncini in ihrem Text beschreibt, „mit seinen Freunden ins Gewitter“ ging „wie andere ins Konzert“

In seinen Wetterbüchern führt er mehrmals täglich in Tabellen mit eigenem Abkürzungssystem die verschiedenen Wettervorkommen an.

Um die Nuancen des nur scheinbar immer Gleichen besser auffächern zu können, stellt er unter anderem eine eigene Liste mit 88 Farbnamen, zu der später noch mindestens 50 weitere hinzu gefügt werden, für die Beschreibung des Himmels, der Wolken und des Meeres zusammen:

Farben welche vorkommen
wouvermannblau (verwandt mit irish blue, bei bewölkt).
quadrantenblau (Meer, gediegen, bei leichtbewegt)
irish blue (bei bewölkt)
quellmannsblau (Meer, heiter)
sechskaufmannsblau (Meer, tief)
cölestinblau (Meer, Oktober, Galitzenstein, helldurchschossen)
perlkindblau = astralin (Zwischenfarbe, morgens) […]

Darauf folgt dann ein Interview unter dem Motto Das Klimathema ist eine Chiffre, welches Ilija Trojanow mit Ulrich Brand, Professor für Internationale Politik, führt. Darin geht es unter anderem um die Tatsache, dass der Klimawandel sich höchst ungleich auf verschiedene Länder auswirkt und auch weiterhin auswirken wird. Als Ursache für die Nord-Süd-Spaltung, Verarmung und ökologische Probleme macht er die Grenzenlosigkeit des Kapitalismus verantwortlich. Auf diese Grenzenlosigkeit würden die Naturwissenschaften nun dezidiert mit dem Bestimmen von Grenzen reagieren, was aber laut Ulrich Brand nur ein erster Schritt sein könne, da es ein grundlegenderes Umdenken bedürfe. Die Beispiele, welche Ulrich Brand im Verlauf des Gesprächs bringt, sind global, da auch der Klimawandel eine globale Herausforderung ist:

Das avancierteste Beispiel weltweit ist ja die Verfassung von Ecuador, wo 2008 die Rechte der Natur in die Verfassung hineingeschrieben wurden. Jetzt ist hoch umkämpft, was dies bedeutet. De facto macht die Regierung, jetzt unter Lenín Moreno, vorher unter Rafael Correa, eine Ressourcen-ausbeuterische Politik. Aber es ist ein interessanter Bezugspunkt, dass die Grundlegung des Staates per Verfassung sagt, wir müssen die Rechte der Natur anerkennen.

Maximilian Probst und Daniel Pelletier benennen Die sieben Todsünden des Journalismus in Punkto Klimaberichterstattung. Denn die globale Erderwärmung wurde bislang zum einen von einem Versagen der Politik und zum anderen von einem medialen Versagen begleitet. Probst und Pelletier legen dar, dass die Krise des Klimas in Zusammenhang mit der Krise der Demokratie zu sehen ist: „Wir möchten in unserer Analyse aufschlüsseln, dass die Klimakrise verkoppelt ist mit der Krise der Demokratie, Klima und Demokratie beide zugleich auf der Kippe stehen.“ Die von ihnen zusammengestellten sieben Todsünden des Journalismus in Bezug auf den Klimawandel wären zusammengefasst:  1. Lange Zeit wurde in den Medien der falsche Eindruck vermittelt, es gäbe in der Forschung noch grundlegende kontroverse Debatten über die Ausmaße und Ursachen des Klimawandels, als in der Forschung tatsächlich schon längst ein breiter Konsens darüber herrschte. Mit dem künstlichen Vortäuschen einer de facto nicht vorhandenen Debatte wurde sehr erfolgreich von den in Wirklichkeit schon längst nicht mehr infrage gestellten erschreckenden Tatsachen abgelenkt. 2. Die Klimakrise gilt immer noch als Spezialgebiet der Naturwissenschaften, weswegen viele Journalisten aus anderen Themenressorts sich nicht zutrauen, darüber zu schreiben, was in weiterer Folge dazu führt, dass die Klimakrise, „die gewaltigste Herausforderung, vor die die Menschheit je gestellt war“ in den Medien nur ein Nebenschauplatz ist. 3. Die Zurechnung der Klimakrise als Thema einer einzelnen Partei, den Grünen. 4. Die Gleichsetzung von Klimaschutz mit „Verzicht auf lieb gewonnene Gewohnheiten und materielle Annehmlichkeiten“. 5. Verschleierung der Verantwortlichkeiten. Die Hauptverursacher des Klimawandels werden in den Medien kaum als solche genannt, stattdessen wird der Eindruck vermittelt, dass jeder daran schuld sei und alle etwas dagegen tun müssten, was schwerwiegende Folgen hat: „Fatal ist diese Verallgemeinerung, die einer neuen Kollektivschuldthese gleicht, weil sie Verantwortung und Handlungsoptionen verschleiert.“. 6. Die Klimawandelberichterstattung verliert sich in Einzelheiten und stellt kaum Zusammenhänge dar. 7. Der Klimawandel wird meist nur am Rande thematisiert und viel zu selten auf Titelseiten und im Hauptprogramm.

Oliver Scheiber schreibt in Ginger und Fred über „die Vergiftung des politischen Klimas“, da auch hier ein Klimawandel zu beobachten sei, der im Sommer 2018 ebenso wie die Klimaerwärmung einer breiten Bevölkerung als augenscheinliche Veränderung bewusst geworden sei. Er schreibt über eine Politik, in der Vernunft von Gefühlen ersetzt wurde und Geschichtsvergessenheit und Narzissmus überwiegen, was alles durch die Schnelllebigkeit von Social Media & Co noch zusätzlich verschärft und beschleunigt werden würde. Oliver Scheiber schließt seinen Beitrag dann mit einem Appell, das Träumen doch wieder zu lernen:

Unsere Gesellschaft muss Smartphone und Fernbedienung beiseitelegen und das Träumen wieder lernen, das Träumen von großen Projekten und dem großen humanistischen, gesellschaftlichen Fortschritt. Denn, wie sagt Fellini: „Der einzig wahre Realist ist der Visionär.“

Bodo Hell begibt sich auf Tornados Spur und folgt der mit Fotos dokumentierten Route, bzw. den Routen des Tornados von 1916, welcher große Schäden in Wiener Neustadt angerichtet hat. Damals gab es 35 Tote und mehr als 300 Verletzte. Der Tornado begann mit mehreren Ästen, Vorläufertornados, die sich dann zu einem Haupttornado zusammen fügten. Bodo Hell geht dem Ereignis auf verschiedenen Ebenen nach: Es gibt meteorologische Erklärungen zur Entstehung des Tornados, Fotos der Tornadoschäden aus dem Stadtarchiv Wiener Neustadt und dann geht Bodo Hell der Spur des Tornados auch tatsächlich im Gelände nach und zugleich in der Erinnerung und den Erzählungen der ortsansässigen Bevölkerung. So stößt er unter anderem auch auf die Geschichte von Adolf Hofer, „damals ein junger Bursch, hatte Fronturlaub (1916)“, der von der Windhose vier oder fünf Meter in die Luft gehoben worden war und sich beim Sturz auf den Boden das Bein gebrochen habe, wobei „seine Vorgesetzten vermuteten, er habe den Unterschenkelbruch nur markiert (oder sich anderswie zugefügt), um nicht mehr einrücken zu müssen, wer glaubte schon so eine verrückte Geschichte“. 

Ryan Crawford (aus dem Englischen von Sandra Lehmann) schreibt in Erdglob nun nun darüber, dass die Menschen sich so verhalten würden, als wäre es selbstverständlich, dass im Ernstfall ja sowieso eine rettende Arche käme und die Menschheit „nicht müde wird zu ignorieren, dass eine vormenschliche Zeit der unwiderlegbare Beweis für eine nachmenschliche Zeit ist.“ Etwas, das schon Kant erkannt habe:

Wie viele seiner Zeitgenossen musste Kant anerkennen, dass eine Revolution der Natur einst, vor relativ langer Zeit, ein einzig aus Pflanzen und Tieren bestehendes Naturreich unter sich begrub, er musste den zeitgenössischen Geowissenschaften einräumen, dass es eine vormenschliche Vergangenheit gab, in der sich ein irreversibles Artensterben vollzogen hatte. Jedoch kommt Kant eine besondere Stellung unter seinen Zeitgenossen zu, insofern er hieraus den konsequenten Schluss zieht und die Möglichkeit, ja, die historische Unabweisbarkeit einer nach-menschlichen Zukunft erkennt.

Angela von Rahden ist dann selbst das beste Beispiel für die These von Ryan Crawford (dass die Menschheit „nicht müde wird zu ignorieren, dass eine vormenschliche Zeit der unwiderlegbare Beweis für eine nachmenschliche Zeit ist.“). Denn auch sie geht in ihrer utopischen Erzählung Latimeria wie selbstverständlich von einem Überleben einiger nach der großen (Flut-)Katastrophe aus. Nachdem die überlebende Menschheit bereits mehrere Generationen in durch Wasserpumpen trockengelegten Gebäuden verbracht hat, die sie wegen dem Dauerregen kaum mehr verlässt, kommt die Idee auf, die Evolution quasi rückgängig zu machen und zu versuchen, den Menschen wieder Kiemen wachsen zu lassen, was zu mehr Bewegungsfreiheit in einem unter Wasser gesetzten Planeten führen würde.

Die Germanistin Eva Horn arbeitet gerade an einem Buch zur Kulturgeschichte des Klimas und spricht im Interview Planetarisch denken mit Andrea Roedig über ihr Verständnis von Klima, „als etwas, das uns persönlich, politisch und kulturell angeht.“ Auch sie zeigt uns, wie bereits Fredrik Albritton Jonsson in seinem Beitrag, dass wir aus der Vergangenheit lernen können, Dinge anders zu denken:

In der gesamten Kulturgeschichte des Abendlandes spielt Klima eine wichtige Rolle, allerdings anders, als wir uns das heute vorstellen. Dieses andere Verständnis von Klima interessiert mich. Von der Antike bis ins späte 18. Jahrhundert galt es nämlich als ein kulturbestimmendes Phänomen: Welche politischen Systeme sich etablieren, wie sich Mentalität der Bewohner ausprägt, wie die Architektur aussieht – all das wurde mit dem Klima in Verbindung gebracht. Kulturen, so fand man, richten sich ein in ihrem Klima, mit ihren sozialen Institutionen, ihrer Religion – sogar die Kunst, dachte man, entspricht den Einwirkungen des Klimas.

Das 19. Jahrhundert habe dann einen anderen Klimabegriff  entwickelt, der vorwiegend auf meteorologischen Messungen beruht. Infolge dessen wurde das Klima zunehmend global gesehen und zu etwas, „das man nicht erfahren, nur noch errechnen kann.“ Und wer Abkühlung in der angeheizten Klimadebatte dringend nötig hat, dem sei wiederum ein Blick in die Vergangenheit empfohlen, denn lange vor dem „global warming“ ging wegen tatsächlicher Abkühlungsphasen, wie der Kleinen Eiszeit vom 15. bis zum 19. Jahrhundert, die Angst vor einem „global cooling“ um und eine totale Vereisung der Erde wurde befürchtet, wie Eva Horn im Interview mit Andrea Roedig erzählt.

Von Vielfalt und Wanderschaft, der letzte Beitrag vor dem Abschnitt mit Buchbesprechungen, ist eine Poetikvorlesung von Ilija Trojanow über Religion. Das mag vielleicht überraschen, zumal in einer Zeitschrift wie dem Wespennest. Es zeigt aber einmal mehr die programmatische Offenheit der Zeitschrift. Man stolpert zwar etwas verwirrt und orientierungslos hinein in dieses unvermutete Nachsinnen über Religionen und Religion an sich. Zugleich hat man aber den Verdacht, dass Ilija Trojanow damit vermutlich nur unheimlich weit ausholt um dann in einem großen und kaum vorhersehbaren Bogen schlussendlich doch punktgenau wieder beim Klima-Thema zu landen und anzukommen. Und ja, so ist es tatsächlich:

Zweifellos, jenen, die ans ewige Leben nach dem Ende der Zeit glauben, muss der wachsende CO₂-Ausstoß geradezu als göttliche Subvention zum Erreichen des Klassenziels erscheinen. Alle anderen, die der Idee des Weltuntergangs keinen Reiz abgewinnen können, sollten mitwirken, unsere endzeitliche Grundierung zu exorzieren.

2018 war der heißeste Sommer aller Zeiten. Wer den diesjährigen Sommer bereits fürchtet, dem sei das aktuelle Wespennest wärmstens empfohlen. Denn mit der neuen Klima-Ausgabe des Wespennests ist man optimal für den kommenden Sommer gerüstet, ganz gleich ob wir damit mitten hinein in die angeheizte Klimadebatte springen wollen, oder doch lieber in die kühlenden Tiefen eines naheliegenden Gewässers. Das Wespennest eignet sich nicht zuletzt auch deswegen hervorragend als Sommerlektüre, weil es recht großformatig ist und sich damit leicht zum Schattenspender umfunktionieren lässt und zusätzlich auch noch ziemlich robust ist, also der perfekte Notfall-Fächer für Frischluftzufuhr ist.

Andrea Roedig (Hg.) · Andrea Zederbauer (Hg.)
wespennest 176 / Klima
wespennest
2019 · 12,00 Euro

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge