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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Kritik

Sprachen, Grenzen – Literatur aus Südtirol, Neue Literatur aus Tschechien

Hamburg

Die seit 1979 in Graz erscheinende Zeitschrift „Lichtungen“ bietet seit Jahrzehnten jungen Autoren aber auch bildenden Künstlern ein renommiertes Forum, zumal der länderübergreifende Aspekt für erweiterte Sichtweisen bürgt.

Im vorliegenden Heft 157 werden in bewährter Weise neue Namen präsentiert und außerdem zwei literarische Komplexe vorgestellt, die oft eher am Rande wahrgenommen werden. Mit einer repräsentativen Auswahl wird unter der Ankündigung „Sprachen, Grenzen – Literatur aus Südtirol“ die Aufmerksamkeit auf eine Region gelenkte, die sprachlich und kulturell von einer wechselhaften Tradition geprägt ist. In ihrer „Einführung“ trägt Tanja Raich einschlägige Erkenntnisse vor.

In ähnlicher Weise trifft diese kulturelle Kennzeichnung auch auf den mittelosteuropäischen Raum zu. Im vorliegenden Heft stellen Julia Miesenböck und Veronika Siska „Neue Literatur aus Tschechien“ vor. Es sind Texte von sieben zeitgenössischen tschechischen Autorinnen und Autoren, die sie zum Teil auch selbst übersetzt haben. Auch insofern läßt sich von einem Glücksfall sprechen, daß die anspruchsvolle Aufgabe einer literarischen Präsentation den bewährten Übersetzerinnen Julia Miesenböck und Veronika Siska anvertraut wurde. In einer „Einführung“ geben sie Auskunft über ihre in kundiger Weise erfolgte Zusammenstellung.

So finden sich Texte von bereits arrivierten tschechischen Autoren wie Jáchym Topol, der bereits in guten Übersetzungen in Erscheinung getreten sind. Mit gewohnt starker Prosa wartet Bianca Bellová in ihrer Erzählung „Der Staumeister“ auf, in welcher ein etwas wunderlicher Sonderling über seinen Staudamm plaudert und über die ehemaligen Dörfer im überfluteten Tal nachdenkt. Es scheint, als kommt eine vergangene Epoche auf ganz unkonventionelle Weise zur Sprache.

Zugleich wird die vorliegende Auswahl durch Namen gekennzeichnet, denen bislang zu wenig oder noch gar keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Bei vier der insgesamt sieben präsentierten Schriftsteller lagen bisher noch gar keine Übersetzungen in das Deutsche vor. Neben erzählerischer Qualität etwa auch bei Lucie Faulerová, dem Drama-Auszug „Essen fertig“ von Jáchym Topol und ausdrucksstarker Lyrik von Svatava Antošová wird zudem auch eine experimentelle Unternehmung wie das performative Gedicht „Erzählung für zwei Stimmen“ von Ian Mikyska berücksichtigt. Zugleich bilden die Jahrgänge von 1949 bis 1994 einen repräsentativen Querschnitt der Generationen ab.

Bei Michal Ajvaz kann man von einem Geheimtipp der zeitgenössischen tschechischen Literatur sprechen, zumal aus seinem umfangreichen Werk bislang lediglich Veronika Siskas Übersetzung des Bändchens „Die Rückkehr des alten Waran“(2018) in deutscher Sprache vorliegt. Im vorliegenden Heft wird ein Auszug aus dem Roman „Die Städte“ abgedruckt, der unter dem Originaltitel „Město“ 2019 in Brno/Brünn erscheint. Ein weiteres Mal wird die atmosphärisch dichte Sprachkraft dieses ungewöhnlichen Schriftstellers unter Beweis gestellt. Virtuos beherrscht Ajvaz das Verschieben zeitlicher Perspektiven und die thematisierte Kraft der Literatur durchzieht sein ganzes Werk wie ein roter Faden.   

Eine Perspektive der besonderen Art auf das realsozialistische Militärwesen bietet der Auszug aus dem Roman „Lebenslauf eines schwarzweißen Lamms“ von Tomáš Zmeškal. Trotz aller staatlich verordneten Parolen von „Gleichheit“ und „Völkerfreundschaft“ sieht sich der angehende Rekrut Václav Čaisl rassistischer Diskriminierung ausgesetzt, die in plumper wie auch unfreiwillig komischer Weise zum Ausdruck kommt. Tomáš Zmeškal, der 1966 in Prag als Sohn eines kongolesischen Vaters und einer tschechischen Mutter geboren wurde, hatte bereits mit seinem Romandebüt „Liebesbrief in Keilschrift“(2008) die Kritiker überzeugt und in Prag den angesehenen Josef-Škvorecký-Preis erhalten.

Mit keinem anderen Nachbarland teilt sich Deutschland eine so lange gemeinsame Grenze, wie mit Tschechien. Rechnet man noch die polnische Nachbarschaft hinzu, ist nachvollziehbar, daß das deutsche Wort „Grenze“ dem Slawischen entlehnt ist, wie sich etwa am Polnischen „granica“ oder Tschechischen „hranice“ zeigt. Die Teilung Europas in Ost und West war eines der Kennzeichen des Kalten Krieges. Dieser Jahrzehnte andauernde Zustand hat Mentalitäten diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs in einer unguten Weise verfälscht, deren Spuren noch heute nachwirken. Unter anderem ist das Bewußtsein, daß Mitteleuropa einen zutiefst europäisch geprägten Kulturraum darstellt, immer noch unterentwickelt.

Das heutige Europa ist glücklicherweise von freien Ländern und offenen Grenzen gekennzeichnet. Neue Herausforderungen können in grenzüberschreitender Zusammenarbeit gemeistert werden. Zum dringend gebotenen gegenseitigen Kennenlernen tragen Unternehmungen wie dieses Heft von „Lichtungen“ bei.

Andrea Stift-Laube (Hg.) · Astrid Kury (Hg.) · Helwig Brunner (Hg.)
Lichtungen 157 / Schwerpunkte: SPRACHE. GRENZEN - LITERATUR AUS SÜDTIROL / NEUE LITERATUR AUS TSCHECHIEN
Lichtungen
2019 · 10,00 Euro

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