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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
Kritik

Ein Wort sucht und findet ein anderes

Hamburg

Die 23. Ausgabe des Literaturmagazins poet stellt eine Premiere dar, denn erstmals heißt der poet nicht mehr poet, sondern poetin. Die Ausgabe setzt sehr bewusst einen Schwerpunkt auf Autorinnen, enthält aber trotzdem einige wenige Texte von Autoren. Wie nötig der Literaturbetrieb solche Schwerpunktsetzungen hat, lehrte mich zuletzt das Schreibheft Nr.89.

Auf dem Cover der poetin ist ein weiblicher Medusenkopf mit 23 bunten Haarsträhnen, für jede der 23 Ausgaben eine, die ihr in alle Richtungen fröhlich zu Berge stehen. Bunt und vielfältig, so möchte sich diese Ausgabe also präsentieren.

Dass aus dem poeten eine poetin wurde, ist eine positive Überraschung und es bleibt abzuwarten, wie es damit weitergeht. Ob jetzt wohl die nächsten 21 Ausgaben poetin heißen werden? Oder ob sich, bei einem halbjährlich erscheinenden Magazin würde sich das auch anbieten, von jetzt an poet und poetin abwechseln? Die erste poetin auf dem Cover jedenfalls sieht sehr unternehmungslustig und nicht so aus, als würde sie sich so schnell unterkriegen und wieder beiseiteschieben lassen, jetzt, wo sie endlich da ist.

GESCHICHTEN

Die poetin ist in fünf Kapitel unterteilt und beginnt mit einem Prosa-Abschnitt. Es fällt auf, dass es sich dabei entweder um Romanauszüge (ein Auszug aus einer längeren Erzählung ist auch darunter), oder um Kurzprosa handelt. Klassische Kurzgeschichte, die sich ja gerade für ein Zeitschriftenformat besonders eignen würde, ist keine darunter. Romanauszüge zu veröffentlichen, ist eine eher heikle Angelegenheit. Denn der Spannungsbogen, das Erzähltempo ist dabei natürlich auf ein viel größeres Format ausgerichtet. Einfach einen kurzen Abschnitt aus diesem Ganzen heraus zu reißen und zu präsentieren, kann gut gehen, muss es aber nicht.

Der erste Romanauszug stammt von Nikolas Hoppe. Der Text versperrt sich mir etwas, da er meines Erachtens in dem kurzen Auszug nicht genug Raum hat, sich richtig zu entfalten. Was hängen bleibt ist dann die Tatsache, dass es in dem Text viel um seltsame Namen geht. Namen, die mir hier natürlich alle fremd sind, wohingegen ich sie im Roman an dieser Stelle vielleicht schon lange kenne, also bereits überlese. Im Auszug stolpere ich aber über die ständigen Namensnennungen:

„Wann kommt Kleinkopf?“
„Uncle Charlie.“
„Wann kommt er?“
„Er kommt, wann er kommt.“
Ich nenne Uncle Charlie nie Uncle Charlie. Auntie Edna verlangt, jeden Besucher sofort „Uncle“ oder „Auntie“ zu rufen.

Auch ist die Sprache eine eher kindliche, da scheinbar aus der Erzählperspektive eines Schulkindes erzählt wird. In der Kürze des Auszugs bleibt mir diese Sprache fremd und wirkt einigermaßen gekünstelt. Im Roman kann das dann aber wieder ganz anders wirken, weil man sich mit der Zeit natürlich an den Stil gewöhnt und ihn ab einem gewissen Punkt dann nicht mehr als ungewohnt empfindet. Zu der kindlichen Erzählperspektive kommt hinzu, dass sich die Figuren in punkto Vorurteile gegenseitig übertreffen, nicht nur das Kind Joseph hat diese, auch die Erwachsenen, was das ganze Figurenensemble sehr unsympathisch macht und einer Identifikation mit den Figuren im Wege steht. Auf die Länge eines Romans kann das immer noch aufgehen, in dem kurzen Auszug bleiben mir die Figuren deswegen aber bis zuletzt fremd.  

Es folgt Kurzprosa von Doris Konradi. Die einzelnen Texte stehen jeder für sich, sind durch kleine Verschiebungen wunderbar absurd – „Ich  sitze auf dem Tassenrand, wärme mir die Füße im Tee.“ – und bleiben, dank ihrer Knappheit, bis zuletzt rätselhaft.

Tatjana van der Beeks Romanauszug „Sternkinder“ erzählt familiäres Alltagsleben. Es passieren keine großen Ereignisse und erzählt wird mit viel Ruhe, beispielsweise wie ein Papierflieger gefaltet wird:

Alrischa faltet das rechteckige Papier halb, sie knickt die oberen Ecken auf die mittige Linie, faltet die Spitze nach unten, sie zieht ihren Fingernagel über die Papierkante, es macht ein trockenes Geräusch. Sie knickt wieder die Ecken zur mittigen Linie, dreht das Papier auf die Rückseite und macht zwei Tragflächen, erst links, dann rechts.

Am Ende wird nochmals erläutert, was der Titel schon erahnen ließ: Wir sehen hier nur scheinbar eine ganz gewöhnliche Menschenfamilie vor uns, eigentlich sind es aber Sterne. 

In Jule Sonnentags Auszug „Krokodile“ aus einer längeren Erzählung erinnert sich eine Frau ausgehend von einem Foto zurück an eine Reise in die Heimat ihres Mannes und damit zugleich an die Zeit vor Trennung und Scheidung. Im Rückblick treten die Brüche innerhalb der Familie deutlicher anhand von kleinen Ereignissen und Details hervor. Im Rückerinnern werden zwei vorgeblich schlafende Krokodile in einem zu kleinen Gehege, die aber in Wirklichkeit nur auf den einen Moment lauern, in dem sie unerwartet zuschnappen können, zum Symbol für die bereits in der Luft liegende Bedrohung für die zu diesem Zeitpunkt nur mehr äußerlich intakte Kleinfamilie.

„Die Grönländerin“ von Janine Adomeit ist wieder ein Auszug aus einem Roman. Sie greift darin mit beiden Händen in das große Dramatik-Fass um über die inhaltliche Ebene Spannung zu erzeugen. Hier der Plot im Kurzabriss: Ein junges Paar, Jeppe und Lone, möchte heiraten, aber da das Geld dafür nicht reicht, nimmt er für ein Jahr einen Job in Grönland an. Lone kauft bereits das Hochzeitskleid, aber dann stürzt Jeppe mit dem Hubschrauber ab und wird nicht gefunden. Daraufhin bricht Per, der Bruder Jeppes, der Lone die Schuld an dessen Tod gibt, nach Grönland auf, um ihn zu suchen. Auch Lone bricht auf, aber wohin, das wird nicht verraten, möglicherweise ebenfalls nach Grönland, wo es zu einem Aufeinandertreffen von Per und Lone kommen könnte. Damit fungiert der Auszug als Ouvertüre oder Einleitung zum Roman.

Märchenhaft und voll Menschlichkeit, das sind die Kurzerzählungen von Johannes Koch. Darin verliebt sich beispielsweise ein Kranfahrer in den größten Mann der Welt, oder es wird mit einem Kind, das blinkt, verstecken gespielt:

Du drehst dich um und siehst eine Landschaft. Bäume, Gräser, Steine und ein Gebüsch, das in schnellem Takt blinkt. Du tust so, als würdest du es nicht sofort sehen, suchst vielleicht erst noch ganz woanders, aber irgendwann wird es albern, du gehst auf das blinkende Gebüsch zu, und das Blinken wird immer schneller, weil das Kind deine Schritte hört und aufgeregt ist. Du schiebst die Zweige auseinander. Das Kind sitzt da, blinkt und hält sich die Hände vors Gesicht, als würde das irgendetwas nützen.

Den Abschluss des Prosateiles bilden zwei weitere Romanauszüge. Bei David Fuchs geht es um ernste Schülergespräche in einem seltsamen Museum. Anna Katrien Liedmeier evoziert vage Revolutionsstimmung in São Paulo, aber es geht dann doch mehr um zwischenmenschliche Beziehungen. Der Text gibt sich so, als ginge es um Weltbewegendes, versucht das mit der Verortung in Brasilien zu untermauern, wird seinen eigenen Ansprüchen dann aber wenig gerecht:

Mein Tagesplan heute sollte tauglich sein. Er bietet einigen Freiraum für Flexibilität. Das ist nicht an jedem Tag so, aber an diesem wird es möglich sein, den ganzen Tag gleichmäßig abzuarbeiten, bis am Ende alles getan ist, was zu tun war.

GEDICHTE

Dieser Abschnitt ist sehr kurz und präsentiert nur zwei Dichterinnen und einen Dichter, da im Anschluss daran noch zwei weitere Kapitel mit Gedichten folgen, eines zum Schamrock-Festival und eines zum zwischen/miete Lyrikwettbewerb.

Den Anfang in diesem ersten Gedichtblock machen Gedichte von Augusta Laar. Gedichte lassen sich wirklich über alles schreiben, das wird immer wieder unter Beweis gestellt, also selbstverständlich auch über den vorgeblichen Tod von Harry Potter im letzten Film, was mir noch in keinem anderen Gedicht als dem von Augusta Laar untergekommen ist. Unerwartetes findet man auch in anderen ihrer Gedichte:

huihihi wir tragen hüte
aus gitarrensaiten hey hey my my

sagt die app die mit sich selbst spricht

Die Gedichte von Franziska Wotzinger hören in sich selbst hinein, spüren ihrem eigenen Puls nach:

körperpulsallüren
rauschen
nachtwärts

durch die
gänge

dringt ein
nichts

hohltönig
mit ganz viel

h

Der Beitrag von Christian Schloyer ist quasi Werbung in eigener Sache, was ja auch seine Berechtigung hat, da sein Gedichtband JUMP ‘N‘ RUN wie die poetin auch im poetenladen erschienen ist. Die Besonderheit seines Bandes lässt sich optisch auf einen Blick erfassen, aber in Worten nicht ganz so leicht erklären. Es sei also empfohlen, einen Blick in die poetin oder in seinen Gedichtband zu werfen. Der Text ist in kleine Portionen aufgespalten, die über die ganze Seite springen und hüpfen. Dazu gibt es ganz viele Pfeile und Leitern und kleine herumlaufende Männchen, Stoppschilder oder auch eine Rakete, die auf das nächste Level verweist. Kurz und gut, wir sehen uns zurückerinnert an ein schwarz-weiß-Computerspiel aus alten Zeiten. Die drei Doppelseiten (Level 10, Level 19 und Level 26) in der poetin, laden zum hüpfenden Lesen im Vorbeilaufen ein:

hier wird dir lauwarm
gewahr ich bin auf einem kalauer
ausgerutscht
[...]

Etwas anstrengend wird es nur, wenn ich versuche, die Textfragmente in der richtigen Reihenfolge zu lesen, also den Pfeilen getreu der Verkehrsordnung zu folgen und weder Stoppschilder zu überlaufen, noch gegen die Einbahn zu springen und vor allem keinen einzigen Text links liegen zu lassen. Chaotisches Lesen macht hier eindeutig mehr Spaß, ich kann mir damit ganz leicht lesend „meinen eigenen Text“ zusammenbauen, was, glaube ich, mehr im Sinne des Autors ist und wodurch das Ganze ungemein viel an Bewegung gewinnt.

GEDICHTE. INTERNATIONAL

Dieser Teil ist dem Schamrock-Festival gewidmet. In der Einleitung zu diesem Kapitel schreibt Augusta Laar über das Schamrock-Festival:

Das Schamrock-Festival in München ging aus der Reihe von Schamrock-Salons hervor und etablierte sich inzwischen zum einzigen Festival für Lyrikerinnen weltweit. [...] Auf freundliche Einladung von poetin 23 möchte ich hier fünf internationale Lyrikerinnen vorstellen, stellvertretend für 50 Festival-Dichterinnen aus 18 Ländern: Anja Golob aus Slowenien, Liāna Langa aus Lettland, Zulema Moret aus Argentinien, Gonca Özmen aus der Türkei, und Rati Saxena aus Indien.

Zunächst wird hier immer ein Gedicht in der Originalsprache abgedruckt, dann folgen deutsche Übersetzungen. Besonders schön ist das bei Rati Saxena. Bei den anderen Sprachen kann ich, auch wenn ich sie nicht spreche, zumindest noch die einzelnen Buchstaben entziffern. Bei Hindi geht das aber nicht und das Gedicht wird damit für mich zum ausschließlich optisch lesbaren Bildgedicht.

In den Gedichten von Anja Golob (übersetzt von Uljana Wolf und Urška P. Černe) lassen sich Lyrik ebenso wie die Liebe als etwas Verbindendes erfahren. Es wird auf einem Drahtseil über dem Abgrund balanciert und eine Brücke gebaut, um ansonsten unüberbrückbare Distanzen zu überwinden:

Dann steh ich auf. Dann fang ich an: verhandle mit den Wolken, kann
                                                                                                                                       ich
bei Morgenrot bitte acht Träger hämmern ins Firmament, aus Stahl,
                                                                                                                 nach Norden
vier, nach Süden vier. Dann such ich Stahldraht im Eisenladen von
                                                                                                                           Calais.
Dann leg ich los. Ich esse nicht, schlafe nicht, füttre mit meinem
                                                                                           Brabbeln die Vögel,
die mir vom anderen Ufer bringen, was ich wissen muss, ich baue, ohne
                                                                                                                              Unterlass,
bedacht, immer gerichtet auf das, was auf mich wartet, dann.

Von Liāna Langa sind drei Gedichte in der poetin 23 enthalten (Übertragung von Matthias Göritz, Interlinearversionen von Amanda Aizpuriete und Beata Paškevica). Es überrascht die Vielfältigkeit dieser drei Gedichte, da jedes für sich überzeugt und dabei aber jeweils ganz eigene Wege einschlägt. Das erste erzählt von einem wiederkehrenden Traum einer Frau, der sich immer etwas weiter entwickelt. Erst in der vorletzten Strophe erinnert sie sich im Traum daran, dass ihr Mann, dem sie träumend immer und immer wieder begegnet, schon zwanzig Jahre tot ist. Das Ende der letzten Strophe lautet dann:

Die kleine Matrjoschka kann nicht von allein aus der großen aussteigen.
Sie schläft, bald wird sie 67, sie träumt.

Damit gewinnt das Gedicht eine ungeheure Bodenlosigkeit, denn die Träume hören einfach nicht auf, könnten vielmehr nochmals von ganz vorne beginnen. Das beinhaltet auch die Möglichkeit, dass sie neuerlich vergessen könnte. Liest man das Gedicht wieder und wieder, wird es dadurch immer unheimlicher und gewinnt an Stärke, da das Gefühl der Ausweglosigkeit immer größer wird.

Das zweite Gedicht von Liāna Langa ist ein siebenteiliges Gedicht und enthält ganz wunderbare Zeilen, die irgendwie für sich stehen und leuchten:

Woher kommen diese Wörter und wohin gehen sie,
verschwitzt, sich an den Händen haltend wie Erstklässler?

Oder, um noch ein zweites Beispiel zu nennen:

Auf den Gehwegen blühen Kreiderosen auf, wenn du gehst,
endlich den Kopf verlierst.

Das letzte Gedicht von ihr ist dann sehr kurz und im Querformat abgedruckt, sodass man das Buch drehen muss. Und es handelt, in aller Kürze, ausgerechnet von der Wagner-Oper Rienzi. Über eine Oper in fünf Akten von Richard Wagner ein kleines Gedicht zu schreiben, ist eine ungeheure Leistung, gerade auch in Punkto Komprimierung. Die Vergleiche, die sie darin findet, um das Schöne mit dem Schrecklichen zu verbinden und zugleich die Handlung der ganzen Oper in einem Bild zu fassen, haben es in sich. Nachzulesen ist das ganze Gedicht in der poetin 23.

Im ersten Gedicht von Zulema Moret (übersetzt von Wolfgang Ratz) wird in indirekter Rede vom lyrischen Ich nacherzählt, wie ein Mann es wiederholt zurechtweist und anschreit, was es nicht alles zu unterlassen habe, da sie ihm sonst die Flügel stutzen würden. Dieses unbestimmte „sie“ taucht erst in der letzten Zeile sehr unvermittelt auf:

wenn du so weitermachst / wirst du es büßen /
drohte er / über kurz oder lang /
werden sie dir die Flügel stutzen.

Gerade durch die Beiläufigkeit, mit der dieses „sie“ so plötzlich auftaucht, wird es bedrohlich, zu einer gesichtslosen Masse. Das zweite Gedicht erzählt dann davon, wie das Ich „über Berge von Beinen, Augen, Eingeweiden“ vor der blonden Frau aus der gestrigen TV-Serie davonläuft, da diese dem Ich gerne die Hände abhacken möchte. Kaum etwas würde einem nach solch einem Einstieg mehr überraschen, als ein simples Gedicht über einen Wohnungsumzug oder zwei kurze Reise-/Liebesgedichte. Doch ja, genau die folgen nun. Der Bruch ist so radikal, dass es schwer fällt, die beiden Horror-Alptraumgedichte vom Beginn noch als solche ganz ernst zu nehmen. Und umgekehrt kann ich auch das, an sich wahrscheinlich nicht einmal schlechte, Liebesgedicht nach dem Bild der Blondine mit „bösen blutunterlaufenen Augen“, welche Hände abhacken möchte, nicht mehr wirklich als Liebesgedicht rezipieren. Die Gedichtauswahl ist doch bedeutsamer, als man sich für gewöhnlich bewusst ist.

Besonders zauberhaft ist das erste Gedicht von Rati Saxena (Übersetzung Hindu/Engl. Seth Michelson; Engl./Deutsch Bernhard Widder). Es erzählt, wie eines Morgens im Leintuch ein Loch entdeckt wird, „das Ergebnis eines tiefen Schlafs“ und wie dieses Loch dann genäht wird, also zu einem Fenster wird, „um einige wenige neue Träume zu erspähen.“ Und das ist natürlich erst der Anfang:

Am nächsten Tag wachte ich mit einem neuen Loch auf,
verwendete nun Farben mit dem Faden.
Am Abend hatte ich eine Tür errichtet.
Nun konnten meine Träume wandern,
anstatt aus einem Fenster zu starren,
sie waren befreit, streiften durch die ganze Nacht.
Jeder Morgen ergab neue Löcher;
jeden Tag hantierte ich mit Zwirn und Farben.

Die Gedichte von Gonca Özmen (übersetzt von Barbara Yurtdas) lassen sich in zwei Kategorien unterteilen. In der ersten gibt es ein Ich, dem ein Ihr gegenübersteht. Die unbestimmt bleibende Menge attackiert dieses Individuum, das für sich steht und anders ist.

Solange ich mich erinnere, war ich ein Vogel für eure Steinschleuder

In der zweiten Gedichtkategorie gibt es die Unterscheidung Ich – Ihr nicht, sondern es gibt stattdessen ein Uns, oder ein Ich und Du:

Nicht uns, den Schatten gehört die Welt

GEDICHTE. ENTDECKUNGEN

Dieser Abschnitt stellt vier junge Dichterinnen und einen jungen Dichter vor und damit die fünf GewinnerInnen aus 182 Einreichungen des ersten bundesweiten zwischen/miete Lyrikwettbewerbs für PoetInnen unter 35 Jahren: Elisa Weinkötz, Steffen Bach, Nouria Behloul, Nasima Sophia Razizadeh und Julia Rüegger.

Gedichte müssen nicht immer schön sein, können auch schön scheußlich, bzw. schäußlich sein, wie uns Steffen Bach sehr unverblümt vor Augen führt:

vermutterter. die straße kotzt in meinen hals,
mein kopf scheißt in die tauben. wer hat gesagt
ich muss noch meine bremse reparieren?
daraus wird nur ein schäußliches gedicht.

Selten hat mich etwas so verwundert wie dieses eine Wort „schäußlich“. Es sticht sofort heraus. Ja, es ist falsch, aber es stimmt trotzdem. Das Wort „schäußlich“ unterscheidet sich nämlich durch das „ä“ stärker von „scheißt“. Optisch wäre zwischen „scheißt“ und „scheußlich“ mit dem „sche“ und dem „ß“ sofort ein Kurzschluss gegeben. Das „ä“ hingegen lässt „schäußlich“ zu etwas Unerhörtem werden, das für sich steht. Lese ich „schäußlich“, stolpere ich über dieses „schäu“, bleibe daran hängen und lese sehr schnell ein „schau“ mit. Schau! Dieses Gedicht möchte aufmerksam auf sich machen, ganz genau gelesen werden. Der feine Unterschied zwischen „eu“ und „äu“ ist nur sichtbar, nicht hörbar. Würde ich es vorgelesen bekommen, wäre kein Unterschied zwischen „scheußlich“ und „schäußlich“ auszumachen. Ein scheußliches Gedicht zu schreiben, ist keine große Kunst. Ein schäußliches Gedicht hingegen ist in jedem Fall etwas: sehr besonders.

Nouria Behloul wird mit drei Gedichten in der poetin 23 vorgestellt. Zwei davon sind auf Deutsch, eines auf Englisch. Und damit haben wir zwei Nouria Behlouls vor uns, die völlig verschieden sind. Die deutschen Gedichte sind verträumt spielerisch. Dem englischen Gedicht hingegen wohnt eine ungeheure Kraft inne, schon die erste Zeile sitzt wie ein Schlag in die Magengrube, bei dem einem schlichtweg die Luft wegbleibt:

Somebody is stepping upon my Imagination

Aus den Zeilen dieses Gedichts scheinen uns Wut und Verzweiflung anzuschreien:

Ruthless monsters and monsteresses
You’re kicking pigeons because they’re dirty
- Have you ever looked at your hands?
or are you too busy digging your grave?

Hier wird etwas zugelassen, freigelassen, was im Deutschen keinen Raum findet. Dadurch entwickelt dieses Gedicht im Gegensatz zu den beiden andere eine ungeheure Wucht und Geschwindigkeit, die überzeugt.

“Zehnfingersystem Herzschlag” von Julia Rüegger ist ein fünfteiliges Gedicht. In jeder Strophe wird darin eine andere ungewöhnliche Metapher auf das Herz übertragen. Das Herz rotiert „einmal täglich um sich selbst“, es ist „ein abschweifender Planet“ oder auch „ein Geschwür“ und es wird gar überlegt, es gegen ein Schweineherz zu tauschen:

Dann wäre ich um ein paar Gramm leichter
auch um die deinen, sicherlich
und trüge im Gegenzug dafür
die Liebe eines Schweins zu einem andern in der Brust.

Die Frage – Herz oder Kopf? – beantwortet Julia Rüegger mit: beides! Und so folgt ihren Herzgedichten ein einzelnes für sich stehendes, aber in seiner Logik zu den anderen zugehöriges Gedicht, in dem der Kopf zu einem Museum wird, das auf Besucher wartet.

Die Gedichte von Nasima Sophia Razizadeh sind zart und zugleich bestimmt, man merkt, dass sie jedes Wort mit Bedacht an seine Stelle setzt:

nachts, wenn keiner mich kennt noch kannte und meine Augen
keinen Blick erwidern noch fliehen und mein Denken,
Statthalter eines Tageslebens, ruhig durch meine Gefäße rinnt.

Elisa Weinkötz ist die Gewinnerin des zwischen/miete Lyrikwettbewerbs. Die letzten beiden Gedichte von ihr stechen vor allem durch den übermäßigen Aufwand an grafischen Mitteln hervor, was nicht unbedingt im Text begründet zu sein scheint. Das eine dieser Gedichte ist zentriert, das andere linksbündig, es wird darin mit der Schriftgröße gespielt, es gibt einfache Durchstreichungen ebenso wie doppelte, wobei ich den Unterschied und den Grund, warum sie sich zweimal für eine einfache Durchstreichung und einmal für eine doppelte entschieden hat, beim besten Willen nicht erkennen kann. Und dann gibt es auch noch verschwindende Buchstaben und eine einzelne, ebenso ausschweifende wie nichtssagende Fußnote. Obwohl so viele verschiedene Mittel verwendet werden, bleibt Elisa Weinkötz dabei aber sehr brav, da man um sehr vieles radikaler mit grafischen Mitteln arbeiten kann. Sie probiert Verschiedenes aus, ohne sich wirklich für etwas davon zu entscheiden. Die Gedichte sind damit sehr unentschieden, spielen nur, gehen nicht aufs Ganze.

Warum mich diese Spielereien so stören ist einerseits, dass sie nicht im Text selbst fußen sondern aufgesetzt wirken und andererseits, dass die Worte von Elisa Weinkötz das schlicht und einfach nicht nötig haben. Weniger ist mehr. Deswegen sind ihre ersten beiden Gedichte für mich wesentlich überzeugender, da hier die Worte noch für sich sprechen dürfen:

dein atmen in der paralleltonart irgendwo dort
hinter den hyazinthen ein blauen in der
weißradikalität des himmels

Betrachtet man rückblickend nochmals dieses Kapitel zum zwischen/miete Lyrikwettbewerb als Ganzes, so besticht die Auswahl durch Unterschiedlichkeit wie Eigenständigkeit der einzelnen Beiträge, was für die Jury spricht.

GESPRÄCHE. LITERATUR UND REICHTUM

Der letzte Abschnitt enthält Kurzstatements einiger Autoren und Autorinnen aus der poetin 23 zum Thema Literatur und Reichtum, sowie fünf ausführliche Gespräche zum Thema mit Annett Gröschner, dem Performancekollektiv Pik7, Eva Roman, Lars Bullmann und Eva Leipprand. Die Gespräche behandeln unterschiedliche Aspekte von Reichtum und thematisieren auch Armut und die prekäre finanzielle Lebenssituation vieler Autoren und Autorinnen. Annett Gröschner erzählt im Gespräch mit Kathrin Bach, wie schwer es ist, wenn man zusätzlich zu allem auch noch Alleinerzieherin eines Sohnes ist:

Ich erinnere mich noch sehr heftig daran, wie er mit 10 in einem Schulaufsatz geschrieben hat: “Früher wollte ich immer Schriftsteller werden, aber dann habe ich an meiner Mutter gesehen, dass das nichts bringt. Und jetzt möchte ich lieber Astronaut werden.“

Das Performancekollektiv Pik7 (Angelika Waniek, Martina Hefter, Ulrike Feibig) denkt mit Jan Kuhlbrodt darüber nach, was Reichtum noch alles sein kann:

Ich fühle mich manchmal reich, wenn ein Tag voll ist, voll mit schönen Dingen. Dann habe ich das Gefühl: Ich bin erfüllt, reich.

Eva Roman erzählt Katharina Bendixen davon, wie es ist, wenn man nicht einmal mehr Geld zum Essen hat, weil das gerade einmal für die Zimmermiete reicht:

Ich habe alles gegessen, was zur Möblierung gehörte, Dekospaghetti aus einem Glas und ganz am Ende noch das Olivenöl, esslöffelweise mit Zucker vermischt.

Lars Bullmann spricht mit Florentine Emmelot über das Verhältnis von Literatur und Marxismus:

Aber der Punkt, den ich absolut interessant fand, war immer, Literatur nicht als freischwebendes Gebilde zu sehen, sondern verflochten in diese Problematik gesellschaftlicher Widersprüche.

Und den Abschluss bildet das Gespräch von Eva Leipprand, der Bundesvorsitzenden des Verbands deutscher Schriftsteller, mit Andreas Heidtmann in dem sie über Veränderungen am Buchmarkt ebenso spricht, wie über den Reichtum des Schreibens und auch über den des Lesens:

Mit jedem Buch betrete ich einen neuen Raum, erlebe eine neue Geschichte, sehe durch die Augen eines anderen und erfahre, dass meine eigene Welt nicht die einzig mögliche ist. Ich merke, wie unterschiedlich die Menschen sind, hier und dort, heute und damals, und dass mich trotzdem etwas mit ihnen verbindet. Das ist so etwas wie Reichtum.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die poetin nr.23 eine Ausgabe voller Überraschungen ist, die man mit großem Vergnügen liest. Sie ist extrem vielfältig, setzt aber zugleich sehr starke Schwerpunkte, also einerseits auf Autorinnen, andererseits auf Lyrik. Die Vielfältigkeit dieser Ausgabe entspricht damit sehr gut dem Coverbild mit den in alle Himmelsrichtungen zu Berge stehenden bunten Haarsträhnen. Für mich waren wirklich viele Neuentdeckungen dabei, deren Texte mich beeindruckt haben und bei denen ich mich schon darauf freue, mehr von ihnen zu lesen.

Anmerkung der Redaktion: Alle Autorinnen & Autoren, zu denen wir einen sinnvollen Pfad gefunden haben, sind verlinkt.

Andreas Heidtmann (Hg.)
poetin Nr. 23 / literaturmagazin
poetenladen Verlag
2017 · 216 Seiten · 9,80 Euro
ISBN:
978-3-940691-87-3

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