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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Wenn Eltern Autor*innen sind, wenn Autor*innen Eltern sind

Zur 25ten Ausgabe der poetin
Hamburg

Während Kindheit und -sein ein riesiger literarischer Topos sind, ist Elternschaft nah dran eines der totgeschwiegenen Kapitel in der Literatur zu sein – so als gäbe es eine unausgesprochene Übereinkunft, dass auf diesem Feld keine literarische Ausbeute zu holen ist, nichts von dort als literarisches Sujet taugt, allenfalls etwas Abnormes. Seltsam, sind diese Zeit und dieser Zustand doch nicht nur eine viele Menschen verbindende, sondern langjährige, vielschichtige, sicher auch intensive Erfahrung.

Aber trotz Büchern wie Handkes „Kindergeschichte“ oder Antonia Baums „Stillleben“, gibt es keine wirkliche Tradition von Literatur über Elternschaft. Schön also, dass die 25. Ausgabe der poetin ganz dem Thema Autor*innenschaft und Elternschaft (das Konzept wurde maßgeblich von Carolin Callies erarbeitet, die auch das Vorwort verfasst hat) gewidmet ist und dieser Lücke nachspürt, auf den Grund zu gehen versucht, sie füllt. Auf vielfältige Weise und in den Genres Prosa, Lyrik, Essay und Interview.

Als erstes kommt die Prosa-Sektion, deren Texte teilweise Elternschafts-Situationen inhaltlich verhandeln, teilweise aber auch aus der Position des Elternseins verfasst sind, z.B. gibt eine Autorin Dialoge mit dem eigenen Kind wieder. Mir haben hier vor allem Katharina Korbachs Auszug „Kirschbaum, im Frühling“, der auf intelligent-unterschwellige Weise die Sehnsucht/die Frage des Kinderwunsches verhandelt und David Fuchs leicht bissige, lebendige Erzählung „Die schläft nur“, über übereifrige Eltern und das Belassen von Kinderwelten, gefallen.

Schon diese erste Genre-Strecke zeigt, wie schwer sich selbst Autor*innen die dieses Thema in den Fokus rücken, bei dem Versuch tun, es auf unaufdringliche, nicht pathologische Weise in den Texten präsent zu machen. Es gelingt fast allen, aber die Schwierigkeit offenbart sich dennoch.

„der Kugelhund, du hast es längst erraten, ist
kugelrund. mit seinem roten Hundemund
verschlingt er jede noch so kleine Leckerei
auf seinem Weg zur Bäckerei: ein Krümel
hier, ein Restchen da, ein Zipfel Wurst von
Tante Trullala“
(Ulrike Almut Sandig)

Auch in der Lyriksektion gibt es wieder Texte, die das Thema inhaltlich angehen und umkreisen, und andere, die aus der Position der Elternschaft heraus verfasst sind. Das Genre der Kinderlyrik, zu dem die Texte der zweiten Abteilung oft gehören, ist ja ein schwieriges Thema (bei einem Pecha-Kucha-Abend der Akademie zur Lyrikkritik in Berlin habe ich dazu letztens einen tollen Beitrag von Christina Rossi gehört).

Trotzdem gibt es viele Highlights in der Lyriksektion, angefangen bei Michelle Steinbecks rotzigen „futurekid lovesongs“, über Daniela Seels halb spielerische, halb fanalische Beiträge, Jan Volker Röhnerts Vierzeiler, bis hin zu meinen ganz persönlicher Favoriten: den großartigen Doppelbeiträge von Carl-Christian Elze und Janin Wölke. Aber auch die Beiträge von Walle Sayer, Kathrin Schadt, Ron Winkler und Hendrik Jackson haben mir gefallen. 

An die Lyriksektion schließt direkt die Sondersektion „Geburtsgedichte“ an, in der Kerstin Preiwuß einen kleinen Einblick in die Anthologie mit diesem Fokus gibt, die sie gerade mit Dagmara Kraus erarbeitet. Die vorgestellten Beiträge stammen von Souleymane Diamanka, Hiromi Itō und Elo Viiding. Die Gedichte widmen sich dem Wunsch, der Wucht, den Höhen und Tiefen rund um das Gebären, von Körperlichkeit bis zu postnataler Depression.

„Wir beide wissen, dass man als Schriftsteller sein Leben doppelt führt. Man geht den Anforderungen des Alltags nur nach, um Schreiben zu können. Man hält ihn aufrecht, tritt aus ihm und schreibt. Mit Kindern rutscht da Schreiben in den Alltag zurück.“
(Kerstin Preiwuß)

Im folgenden Essay-Teil geht es oft um die Vereinbarkeit von Schreiben und Kinderhaben, von Autor*in sein und Elternschaft, aber auch um das Verständnis, den Blick auf die Dinge, den man für Kinder ganz neu entwickeln muss, weil man nicht einfach sein sonstiges Verständnisverfahren bei ihnen anbringen kann.

In den Interviews geht es auch um die Vereinbarkeit von Schreiben und Elternschaft, um Lebensplanung bei Autor*innen generell, aber es gibt auch eines mit der Kulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyal über Gebären als Synonym für alle Formen des Schaffens und einen Briefwechsel zwischen Melanie Katz und Simone Scharbert, poetischer als die anderen Beiträge.

Insgesamt liefert die Ausgabe eine eindrucksvolle Dokumentationspalette. Schon allein die ungewöhnliche Erfahrung, dass einige Autor*innen in ihren Viten ihr/e Kind/er anführen, gibt zu denken. Man ist es gewöhnt, schreibende Personen nicht nur als öffentliche Personen, sondern als Menschen zu sehen, die ständig aus ihren eigenen Erfahrungen schöpfen. Gerade weil so wenige Autor*innen ihre Erfahrungen als Eltern in ihren Werken direkt verarbeiten, sieht man sie wohl (außer sie sind Freund*innen, Bekannte, etc.) selten als Eltern, nimmt sie als solche wenig war, eher als Einzelkämpfer*innen; auch die berühmte Frage: Kann man davon leben, meint meist das Individuum, eher nicht die Familie.

Insofern trifft diese Ausgabe wirklich einen Nerv. Sie macht einen guten Anfang, ist sicher noch nicht der Gipfel der Auseinandersetzung mit den darin verhandelten Themen. Aber irgendwo muss angefangen werden.

 

*
Anmerkung der Redaktion:
Veranstaltungshinweis: die poetin bei niemerlang 21.11.2018 in Leipzig.

Andreas Heidtmann (Hg.)
poetin Nr. 25
poetenladen Verlag
2018 · 272 Seiten · 9,80 Euro
ISBN:
978-3-940691-94-1

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