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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Wo nicht nur Bücher und Menschen lebten

Hamburg

Beginnen wir mit dem Selbstverständlichen: Czernowitz und die Bukowina sind heute auch Stereotypen, dies zum einen; zum anderen wäre kaum einer so berufen, gegen diese sie differenzierend anzuschreiben, wie Corbea-Hoisie es ist, profunder Kenner und sublimer Deuter des Phänomens Czernowitz.

Eben das ist es auch, was er hier betreibt, in seinen „imagologischen” Studien werden Bilder zu Texten verzeitlicht, gleichsam auch mikrologisch herangezoomt, was nicht abstreitet, dass, „(i)ndem Kunst den Bann der Realität wiederholt, ihn zur imago sublimiert”, wie Adorno einst schrieb, darin auch Emanzipation liegt – es gab ihn, den Czernowitzer, als Imagination real wider das Allzu-Reale. Diesem Zitat gemäß, das ich mir Corbea-Hoisie freilich unterschiebe, hat bei ihm auch nie ein brutum factum das letzte Wort.

Stattdessen werden Diskurse fixiert, rekonstruiert, interpretiert und gegeneinander dialektisch in Anschlag gebracht: multikulturelle Romantik, von den Habsburger instrumentalisiert, Nationalismen, Chauvinismen, unappetitliche Ressentiments und ironische Rückzüge ergeben ein facettenreiches, in Momenten wahres Mythengeflecht. Eine kleine Schwäche fällt dabei allerdings auf: Der an Fußnoten, Einwänden, Umwegen und Zitaten reiche Text, der manchmal schon eher moderierte Montage ist, hätte ein Namensverzeichnis vertragen.

Alles in allem ist Czernowitz noch lange nicht erledigt, das zeigt dieser dichte, kluge Band auf jeden Fall, der dem an der Materie Interessierten nicht nur zu empfehlen ist, sondern eine unumgängliche Lektüre.

Andrei Corbea-Hoisie
Politik, Presse und Literatur in Czernowitz 1890-1940
Kulturgeschichtliche und imagologische Studien
Mit einem Vorwort von Moritz Csaky
Stauffenburg Colloquium
2013 · 160 Seiten · 34,80 Euro
ISBN:
978-3-86057-498-0

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