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Eine äußerst performative Sprache gebraucht Andrej Platonows Die Baugrube von 1930, als Taschenbuch bei Suhrkamp dieses Jahr aufgelegt. In Gabriele Leupolds sagenhafter Neuübersetzung geht dieser Mikroroman, enorm verdichtet und politisch bis über den Rand auf wie ein Kraftfeld. Bis in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts ungedruckt, scheint Brodskys couragierte Einschätzung, „die Unterdrückung der Baugrube habe die russische Prosa um 50 Jahre zurückgeworfen“ zumindest emotional den Punkt zu treffen. Zu abgefahren verschoben ist das Erzählen dieses Platonow.

Direkt und bühnenhaft schunkelt sich ein verplanwirtschaftetes Ensemble (inklusive Bären) durch eine nach Vorschrift zu buddelnde Grube, verschärft von „Genosse Aktiv“, der lästernden „Missgeburt“ und allgegenwärtigem Hunger, begleitet von Verwesung und Fortschritt zugleich bei jedem Atemzug.

„Ich kenne keinen anderen Roman, der unter dem Segel des wahrhaft und wahnhaft geglaubten Guten so ungebrochen dahinfährt“, schreibt Sybille Lewitscharoff in ihrem Nachwort. „Eine schärfere Abrechnung mit dem Stalinismus, die derart unter die Haut geht, wurde, zumindest in Romanform, nie geschrieben. Die Wirkmacht der Baugrube ist gerade deshalb so groß, weil an keiner Stelle die Richtigkeit der unentwegt verkündeten Parolen angezweifelt wird [...] Über den haarsträubenden Unsinn, den die Figuren bei Platonow verzapfen, wird man schwerlich lachen können. Jedes Wort tötet mindestens hundert Menschen.“

Gruselige Szenen mit gespenstischen Pferden, bissigen Hunden, lebenden Leichen und verqueren Dialogen, die allerdings wesentlich wissender durchscheinen, als Lewitscharoff hier postuliert, ist die kurze und doch so ungemein schwer und langwierig zu lesende Baugrube ein Beispiel für engagiertes Schreiben, das im selben Moment auch künstlerische Maßstäbe setzt. Übersetzerin Gabriele Leupold, die auch für den umfangreichen Anmerkungsapparat verantwortlich zeichnet, schreibt von einer „Kodiertheit des Sprach- und Wirklichkeitsmaterials, [...] die für heutige Leser kommentierungsbedürftig“ sei. Die „gehäuften sprachlichen Regelverstöße“ fangen schon bei den sprechenden Namen der ProtagonistInnen an, wie Woschtschew, der verwelkende Blätter in seinem Sack für Vergängliches sammelt, zu dem es heißt:

Im Russischen klingen die Bedeutungen von wosk, Wachs, woobschte, ganz allgemein, das biblische wotschtsche, vergebens, an. Darüber hinaus finden sich seine Lautkombinationen im gesamten Text in zentralen Begriffen wie: weschtschestwo, Substanz, suschtschestwowanije, Existenz, obschtschij, gemeinsam, ... – ein weiterer sowjetischer Jedermann.

Einige Beispiele aus Andrej Platonows Sprachtechnik in Der Baugrube:

Nach Mitternacht kam Pruschewskij in seine Wohnung – einen Anbau im Obstgarten, öffnete das Fenster in die Dunkelheit und setzte sich zum Hinsetzen. Ein schwacher örtlicher Wind begann ab und zu die Blätter zu bewegen, aber bald trat wieder Stille ein. Im Rücken des Gartens lief jemand und sang sein Lied; das war wahrscheinlich der Rechnungsführer vom Abendlehrgang oder einfach ein Mensch, dem zu schlafen zu öde war.

[...]

Koslow gerät noch, das zu erleben.

[...]

Pruschewskij betrachtete den leeren Bezirk der angrenzenden Natur, und es tat ihm leid, dass seine verlorene Freundin und viele notwendige Menschen leben und sich verlieren müssen auf dieser tödlichen Erde, auf der noch keine Behaglichkeit hergestellt ist –

[...]

Das Herz des Bauerns hatte sich selbständig in der Seele, in die Kehlenenge gehoben, und dort presste es sich zusammen und entließ sich aus der Hitze des gefährlichen Lebens in die obere Haut. Der Bauer schnappte mit den Beinen, um seinem Herzen beben zu helfen, aber das Herz war abgequält ohne Luft und konnte nicht tätig sein. Der Bauer riss den Mund auf und schrie vor Todesgram, er bedauerte seine heilen Knochen vor der Verwesung zu Staub, seine blutige Körperkraft vor dem Verfaulen in Fäulnis, die Augen von dem schwindenden lieben Licht und den Hof vor ewigem Waisentum.
„Tote lärmen nicht“, sagte Woschtschew dem Bauern.
„Tue ich nicht“, sagte willig der Liegende und erstarb, glücklich der Macht gefällig zu sein.

Die Baugrube ist ein mundoffen-machendes Zeugnis der Kraft einer immensen Literatur, deren Schicksal es ist, die Unzeit zu bekämpfen und zu einem späteren Zeitpunkt, zum Glück, zu triumphieren – was das auch immer bedeuten mag. Jedenfalls veröffentlicht ist und gefeiert sei Andrej Platonow für diesen ernsten Rausch über den Grat des Sagbaren hinaus, und damit sei vor allem Gabriele Leupold gepriesen für ihre Bearbeitung des Stoffes, ihr Sprachgefühl und die Achtsamkeit im Umgang mit der neuen LeserInnenschaft dieses so wichtigen wie erstaunlichen Kurzepos.

Andrej Platonow
Die Baugrube
Übersetzung:
Gabriele Leupold
Suhrkamp
2019 · 238 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-518-46978-1

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