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Kritik

Ich bin nämlich Fallschirmspringerin

Hamburg

Die Erzählung des Mädchens ohne Vater und Mutter über die Kuh. Kühe gibt es wenig, denn sie werden gegessen. Bei den Kühen stehen an allen vier Ecken Beine. Aus den Kühen werden Frikadellen gemacht, jeder bekommt eine, und die Kartoffeln wachsen für sich. Die Kuh gibt von selber Milch, andere Tiere versuchen es, können es aber nicht. Schade, dass sie es nicht können, sie sollten es lieber können. Die Mädchen haben sich an Frikadellen satt gegessen, sie liegen im Schlaf und riechen. Ich finde es langweilig.

Dies ist ein Fragment eines Schulaufsatzes, nicht in die erhaltene Fassung von Die glückliche Moskwa von Andrej Platonow aufgenommen, dafür als umfangreiche kritische Ausgabe nun bei Suhrkamp erschienen, mit eben mehreren Varianten und Kommentaren, Anmerkungen zur komplexen Textgestalt dieses unvollendeten letzten großen Romans des Unglücklichen. Ein literarisch zu Lebzeiten lebendig begrabener Totengräber einer Sowjetunion unter Stalin war Platonow, erstaunlicherweise nicht nur ein genialer Wortkünstler, sondern auch ein durch und durch produktiver Erfinder, der als Ingenieur maßgeblich für die Metro, für Messgeräte und Bewässerungseinheiten überall im Land Verbreitung fand, ironischerweise.

Sartorius besuchte zweimal seinen alten Dienst, saß an dem kahlen Tisch, versuchte ein Projekt zum Wiegen von Unwägbarem zu entwerfen und empfand keinerlei Gefühle, weder Traurigkeit noch Vergnügen.

[...]

Gleich tauche ich unter und bin inmitten aller verschollen!, bedachte er unbestimmt und leicht seine Absicht.
Zu ihm trat ein nebulöser Mensch, den man sich unmöglich merken kann und vergisst.
„Genosse, wissen Sie nicht, wo hier die Dominikowski-Gasse beginnt? Vielleicht wissen Sie es zufällig, ich habe es auch gewusst, aber den Faden verloren.“

2x Platonow in nuce. Bitter, komisch und auf der Spitze, vor allem zutiefst originell und auf eine schwer zu beschreibende Weise vollkommen realistisch bei aller Absurdität. So ist auch Die glückliche Moskwa, deren zweiter Teil als Manuskript entwendet und vernichtet wurde: Undurchsichtig, grell, todtraurig und apokalyptisch satirisch. Dabei so verwirrend, dass auch die Nachworte nicht wirklich hinterherkommen, dieses Sprachkunstwerk jenseits dessen, was da steht, zu entschlüsseln und eher das Ganze noch einmal nachzuerzählen versuchen – und ein zweites Mal Verwirrung stiften. Was genau geschieht? Moskwa Tschestnowa ist Fallschirmspringerin, eine symbolische „Sowjetamazone“ vielleicht, voller Zuversicht, die aber unerklärlicherweise praktisch auf der Straße lebt und wie durch ein Gorki-Panorama ständig neue Liebschaften mit den merkwürdigsten Gestalten eingeht, alle tief verzweifelt oder rührig mit scheinbaren Sinnlosigkeiten beschäftigt. Moskwa taumelt durch diesen Roman, der eigentlich zumindest im erhaltenen ersten Teil gar nicht unbedingt ihre Geschichte ist, sondern ein Panorama eines allgemein schrill-schrecklichen Alltags, verliert in der Metro ein Bein, wird durch die Prothese aber nur noch mehr verehrt und streunt, bis der Text abbricht durch die Stadt, Felder, Kornsonne einer prophetischen aber ungenannten (gestohlenen) Zukunft entgegen. Dazwischen gestreut sind die Portraits jener Leute, die möglicherweise alle auch Abbilder von Platonows eigenen, disparaten Interessen sind.

Zu Moskwa:

Sie flog mit brennenden roten Wangen, und die Luft peitschte grob ihren Körper, als wäre sie nicht der Wind des himmlischen Raums, sondern ein schwerer toter Stoff; unvorstellbar, dass die Erde noch erbarmungsloser war. So bist du also in Wirklichkeit, Welt!, dachte Moskwa Tschestnowa unversehens, während sie durch den Dämmer des Nebels hinabjagte. Du bist nur weich, wenn man dich nicht anrührt! Sie zog am Ring des Reserveschirms, sah den Boden des Flugplatzes mit den Signallichtern und schrie vor plötzlicher Qual auf – der sich öffnende Fallschirm riss sie mit solcher Kraft nach oben, dass sie ihre Knochen spürte, wie den Schmerz in allen Zähnen zugleich. Zwei Minuten später saß sie schon im Gras, vom Fallschirm bedeckt, sie kroch unter ihm hervor und wischte sich die Tränen weg, die der Wind ihr geschlagen hatte.

Zu Sambikin:

Sambikin, aus Ersparnis seiner Zeit nachlässig und unreinlich geworden, empfand die äußere Weltmaterie als Reizung der eigenen Haut. Er verfolgte den weltweiten Lauf der Ereignisse Tag und Nacht, und sein Verstand lebte in Angst vor seiner Verantwortung für das gesamte wahnsinnige Schicksal der Stofflichkeit.

Zu Sartorius:

Sartorius stellte sich auf die Beine und ergriff ein Glas mit Wein. Kurzgewachsen, mit einem gewöhnlichen, lebhaften und warmherzigen Gesicht, von gedanklicher Phantasie hingerissen, war er glücklich und anziehend. Moskwa Tschestnowa konnte sich an ihm nicht sattsehen und beschloss, ihn irgendwann zu küssen. Er sagte inmitten seiner verstummtem Kameraden:
„Trinken wir auf die namenlosen Zyklopen, auf die Erinnerung an alle unsere umgekommenen geschundenen Väter und auf die Technik – die wahre Seele des Menschen!“ [...]
Ach die Physik ist ein Miststück!, begriff Sartorius seine Lage. Tja, was bleibt mir nun weiter übrig als Dummheit und persönliches Glück!

Zu Komjagin:

Aber Tschestnowa fragte ihn nur, wie er lebe und ob er sich nicht langweile so allein und unnütz.
„Es geht“, sagte Komjagin. „Ich lebe ja nicht, ich bin bloß irgendwie ins Leben verwickelt, man hat mich in diese Sache verstrickt ... aber vergebens!“
„Was ist vergebens?“, fragte Moskwa.
„Ich hab keine Lust“, sagte Komjagin. „Dauernd muss man sich aufblähen: mal denken, mal reden, mal irgendwohin gehen, irgendwas tun ... Aber ich hab zu nichts Lust, ich vergesse dauernd, dass ich lebe, und wenn es mir einfällt, wird’s gräulich ...“

Der Roman ist voller makabrer Momente, eine fürchterliche Hirnoperation an einem Jungen, eine Damensektion in der Pathologie „auf der Suche nach der Seele“, der beiläufig erzählte Suizid eines 11-jährigen, der zahnlose Diebstahl eines alten Brots aus dem Dreck und die anschließende Verprügelung des glücklichen Diebes, die enigmatischen Auslassungen und Kommentare Moskwas und und und.

Gewiss ist dieser weitere Geniestreich Platonows nicht einfach zu lesen und er ist auch nicht in den absoluten Höhen der Baugrube, aber trotz aller Fragmentiertheit und mit ein wenig Geduld erschließt er sich vor allem als weiteres Sprachkunstwerk, das mindestens in einer Liga mit Charms, Bulgakow etc. stehen sollte. Erst 1993 erstveröffentlicht, hat man Platonows Kunst zwar viel Säure angetan, aber spätestens mit der Serie an kritischen Wiederveröffentlichungen bei Suhrkamp müsste sich ihre Reputation kontinuierlich steigern lassen, – Beckett war eigentlich Russe.

Andrej Platonow
Die glückliche Moskwa
Übersetzung:
Lola Debüser und Renate Reschke
Suhrkamp
2019 · 221 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42896-2

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