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Warum wir uns die Reichen nicht leisten können

Hamburg

Es ist ein Phänomen: neunundneunzig Prozent der Menschheit lassen sich vom reichsten einen Prozent nach Belieben dominieren. Das bewusst zu machen, womöglich zu ändern, tritt der britische Soziologe Andrew Sayer, Professor an der renommierten Lancaster University, mit seinem neuen Buch "Warum wir uns die Reichen nicht leisten können" an. Er räumt mit zahlreichen Euphemismen und Fehlannahmen über die Beschaffenheit des Reichtums und ihrer Effekte auf die Gesamtgesellschaft auf und bemüht sich damit, eine Grundlage für das Handeln aller im politischen Alltag zu geben. In fünf Kapiteln arbeitet er sich durch die Problemfelder, die durch akkumulierten Reichtum offenbar werden oder erst entstehen: seine Herkunft, seine Wirkungsweise in der Gesellschaft, seine weitgehende Autarkie in Zeiten finanzieller Krisen, seine politische Verwurzelung in den Gesellschaften der Welt und seine Effekte auf das Klima und andere planetare Entwicklungen.

Sayer verwendet viel Zeit darauf, seiner Leserschaft klarzumachen, dass sie – vermutlich im gleichen Maße wie die Mehrheit in unseren westlichen marktkonformen Demokratien – gewisse scheinbare Grundgegebenheiten gar nicht mehr in Frage stellt, insbesondere die "Leistungslosigkeit" der meisten Einkommen von Superreichen, die sich zum allergrößten Teil auf Erbe, Zins und Zinseszins, Mieten und mitunter böswillige Spekulation gründet. Auch die Abhängigkeit aller kapitalistischen Produktion an Gütern und Dienstleistungen von Gemeingütern, will sagen, natürlichen Ressourcen und gesamtgesellschaftlich-kulturellen Errungenschaften, zählt für Sayer zu diesen weithin verkannten Faktoren. Er führt zahlreiche schlagende Beispiele für seine Thesen ins Feld, nicht ohne mitunter auch jemanden persönlich anzugreifen. Doch obwohl natürlich der ein oder andere handelsübliche Name wie Warren Buffett, Jeff Bezos oder Mark Zuckerberg fällt, macht der Autor nie einen Hehl daraus, dass die Genannten stets nur als Platzhalter für ihre zweifelhafte Zunft als solche stehen; die meisten von ihnen sind der Öffentlichkeit ungefähr so bekannt wie mittelgroße Felsbrocken in der Asteroidenzone zwischen Mars und Jupiter. Dennoch gehören sie unzweifelhaft zu dem einen Prozent der Menschheit, deren Vermögen 65 Mal größer ist als das der unteren Hälfte der Weltbevölkerung.

Bei seinen Ausführungen streift der Autor auch erhellende Randthemen, die für das Verständnis nützlich sind. So beschäftigt er sich etwa mit der Frage, wovon abhängt, wer im Arbeitsleben wie viel bekommt. Erfrischend direkt räumt Sayer mit dem "linksliberalen Gesäusel" von der Chancengleichheit durch Anti-Diskriminierung auf:

"Tatsächlich hätten wir [...] nur einen diskriminierungsfreien Wettbewerb um massiv ungleiche Chancen."

Diese Ungleichheit ist struktureller Natur: wenn es in jeder Branche 20% gute, 60% mittelmäßige und 20% schlechte Jobs gebe, dann liege es

"im Interesse jedes Einzelnen, dass andere daran scheitern, hochwertige Arbeitsplätze zu finden".

Daran ändere auch eine gerechtere Gesellschaft in Bezug auf prozentuale Berücksichtigung nach Geschlecht oder Hautfarbe im Prinzip nichts.

"Warum wir uns die Reichen nicht leisten können" ist ein sehr genaues, dadurch aber auch recht weitschweifiges Werk. Dennoch lohnt es sich, den Ausführungen des Autors aufmerksam zu folgen – er entwickelt seine Sicht auf die Dinge ungemein methodisch und in der Regel gut nachvollziehbar. Dabei bezieht er sich in seiner Argumentation auf philosophische, historische, wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Analysten aus drei Jahrtausenden: von Aristoteles über Hume, Smith, Marx und den christlich-sozialistischen Denker R.H. Tawney bis zu Keynes und Krugman. Ein umfangreicher Fußnotenapparat ist zur vertiefenden Lektüre beigegeben. Wer hingegen die wichtigsten Fakten und Zusammenhänge auf wenigen Seiten zusammengefasst haben möchte (und sei es nur, um in etwaigen Diskussionen das gebotene Material argumentativ effizienter nutzen zu können), dem sei die Lektüre der grau unterlegten Textkästen, die sich durch jedes Kapitel ziehen, empfohlen; doch ersetzt dies natürlich nicht die Rezeption einer durch den Autor im Haupttext minutiös und wohlgeordnet aufbereiteten Gesamtproblematik. Dennoch gibt es auch Kritikpunkte. Es lassen sich leider mit fortgesetzter Lektüre etliche Redundanzen in Sayers Argumentation feststellen, die vor allem seine Grundthesen betreffen: So werden etwa die Leistungslosigkeit der Reicheneinkommen, die euphemistischen Sprechblasen der neoliberalen Apologeten und die Feststellung effektiver Unproduktivität des Finanzsektors für die Volkswirtschaften immer wieder mit variantenreichen Beispielen und Bezügen in Szene gesetzt. Andererseits wird den von Sayer vorgebrachten Alternativen zum herrschenden System insgesamt relativ wenig Raum gegeben; einige Maßnahmen darunter sind auch unter Kritikern der derzeitigen Zustände nicht unumstritten wie etwa das bedingungslose Grundeinkommen. Etwas detaillierter ausgeführte Ideen, gerade auch zum Wiederauf- und -ausbau des Sozialstaates oder des Genossenschaftswesens als dritter Säule zu privaten und staatlichen Investitionen wären überzeugender gewesen.

Inzwischen gibt es viele Bücher über das Thema der strukturellen sozialen Ungleichheit, und es steht zu befürchten, dass sich auch durch Sayers Werk wieder nur die gleiche Klientel angesprochen fühlt, die in den letzten Jahren darüber bereits alles von Piketty bis Wagenknecht gelesen und verinnerlicht hat. Die anderen sehen die Probleme nicht oder verdrängen sie. Das, und darauf geht Sayer leider fast gar nicht ein, liegt an einer unserer Grundbefindlichkeiten. Wer unterschwellig wahrnimmt, global gesehen eben doch klar zur Gewinnerseite der Reichtums- und Ressourcenverteilung zu zählen (wie wenig begütert in Bezug zur eigenen Gesellschaft er oder sie auch immer sein mag), ist nur schwer zum Aufstand gegen Zustände zu bewegen, die potenziell dazu führen werden, einen guten Teil des eigenen Wohlstands zugunsten ärmerer Weltgegenden und vor allem auch zugunsten der Natur aufgeben zu müssen. Erst wenn dieser Wohlstand durch die Gier der Reichen und das eigene Nichtstun endgültig kippt, wenn deutlich mehr als die Hälfte auch der hiesigen Bevölkerung nichts mehr hat, ist davon auszugehen, dass in unseren gesellschaftlichen Konstellationen ernsthafte politische Umkehrversuche unternommen werden. Dieser Zeitpunkt mag näherrücken; wie in diesen Tagen zu vernehmen, ist die Schere in Deutschland zwischen Arm und Reich inzwischen wieder so groß wie im Jahr 1913. Weil sich aber die Strukturen zur Machterhaltung der Superreichen wie auch der Klimawandel bis dahin endgültig verfestigt haben könnten, wird es dann vielleicht schon zu spät sein, etwas zu ändern. Überraschend optimistisch beendet Sayer dennoch sein Nachwort und schreibt:

"So düster manches aussieht, es gibt auch Grund zur Hoffnung. Die Zukunft ist offen. [...] Das Machtgefüge der Plutokratie wirkt zusehends angreifbarer. Politiken und Wirtschaften ändern sich."

Leider bleibt er uns greifbare Belege für diese letzten Thesen schuldig.

Andrew Sayer
Warum wir uns die Reichen nicht leisten können
Übersetzung:
Stefan Lorenzer
C.H. Beck
2017 · 477 Seiten · 27,95 Euro
ISBN:
978-3-406-70852-7

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