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Artichoke #17
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Artichoke #17
Kritik

Glückselig die Sanftmütigen: ein dunkles Kapitel Bulgariens.

Hamburg

„Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.” – lautet die dritte Seligpreisung in der Bergpredigt (Matthäus 5,5). Darin stellt Jesus den „nach Gerechtitgkeit Hungernden” das Tausendjährige Reich in Aussicht. Seine ZeitgenossInnen werden sich darunter die Befreiung von der römischen Besatzung vorgestellt haben. Ähnlich lautet Psalm 37,11: „Aber die Sanftmütigen werden das Land besitzen, und werden sich ergötzen an Fülle von Wohlfahrt.”

„Die Sanftmütigen” ist auch der 2015 in Sofia erschienene Roman des 1981 geborenen Angel Igov betitelt. Gegenstand sind die historischen Schauprozesse, die nach ___STEADY_PAYWALL___Machtergreifung der Kommunisten 1944/45 in Bulgarien stattfanden. In so genannten Volksgerichten wollte man wollte mit dem faschistischen Regime abrechnen, das an Seite der Deutschen in den Krieg gehetzt hatte, aber auch mit allen, die den neuen Herren im Land hätten in die Quere kommen können. 28.000 wurden verhaftet, davon über 11.000 angeklagt. Unter den Urteilen wurden knapp 3000 Todesstrafen verfügt.

Die Auseinandersetzung mit diesen Vorkommnissen, bislang in Bulgarien unaufgearbeitet, fand bei Erscheinen reges Interesse. Die deutsche Übersetzung der „Sanftmütigen” durch Andreas Tretner erhielt heuer den Preis der Leipziger Buchmesse. Erst im Vorjahr hat ein anderer aus dem Bulgarischen übersetzter Roman – Georgi Gospodinovs „Die Physik der Schwermut” – in der polnischen Übersetzung den Mitteleuropäischen Literaturpreis bekommen. Nach den beiden Preisverleihungen darf man hoffen, dass die Literatur des südosteuropäischen Landes hierzulande ebensoviel Aufmerksamkeit erhält wie derzeit – Corona-Sommer 2020, in Sofia wird heftig demonstriert – der Unmut seiner Regierungskritiker in den Medien.

Bislang bekam man nur – neben den Philosophen Kristeva und Krastev – die Auslandsbulgaren Elias Canetti, Ilija Trojanow und Dimitré Dinev deutsch zu lesen. Diesen gemeinsam ist die liebevolle Art des Erzählens, ohne wertende Untertöne. Es fehlen Bitterkeit und Spott, wie für viele osteuropäische Literaturen kennzeichnend, wenn es um erlittenes Unrecht geht. Auch die ausgezeichnet übersetzten Bulgaren Gospodinov und Igov beschreiben das Absurde und Gemeine arglos und unvoreingenommen.

Dabei wird in „Die Sanftmütigen” die Banalität des Bösen zur Sprache gebracht. Igov widmet sich dem sozialen Klima zurzeit der Menschenopfer im Stalinismus. Wir kennen es aus Kunderas „Der Scherz”. Igov zeigt in „Die Sanftmütigen” die Stimmung aus der Froschperspektive der Täter: geäußert von der Unrecht sprechenden „Volksstimme”.

Im Gegensatz zu Gospodinovs vergnüglichen, in Anekdoten gestifteten Überlegungen (deutsch von Alexander Sitzmann), machen es „Die Sanftmütigen” der Leserin schwer: Das nicht-bulgarische Publikum weiß über die Ereignisse rund um die kommunistische Machtergreifung in Bulgarien noch weniger Bescheid als das einheimische, und die spärlichen Erklärungen im Anschluss, den Sternchen im Text folgend, können die Zweifel ebensowenig ausräumen wie die grobkörnigen Fotografien die Prozesse vermitteln. Aber es liegt auch nicht daran, dass nur gelernte Bulgaren den Roman als Schlüsselroman lesen mögen. Die Personen der Handlung lassen sich genausogut als Prototypen verstehen – wie  Rushdies „Mitternachtskinder” auch für nicht-indisches Publikum lesenswert ist.

Das Erzählkonstrukt bleibt aus einem anderen Grund sperrig: Die Geschichte des Studenten und Dichters Emil Strezov und seiner Freunde erfährt der Leser aus dem Munde eines Chors. Im antiken Drama trieb ein solcher Chor die Bühnenhandlung voran. Ohne wie im epischen Brecht-Theater zu kommentieren, gibt die Stimmensumme der „Sanftmütigen” zum Besten, was  einem der Ihren, dem Protagonisten, widerfährt. Mitunter sprechen Einzelne, ohne aus der Masse herauszutreten, ihn in zweiter Person an. Der unauffällige Strezov kommt wie sie aus dem Milieu der Habenichtse und Gelegenheitsdiebe im übel beleumundeten Sofioter Stadtviertel Jučbunar. Das Phänomen der Masse, von Elias Canetti in „Masse und Macht” beschrieben, entlarvt Angel Igov mit diesem Kunstgriff als unheilvolle Stimme aus der unverantwortlichen Masse.

Emil Strezov, ein Schustersohn und Dichter aus der Provinz (wie Iossif Dschugaschwili alias Stalin), lässt sich von den Kommunisten zum Ankläger machen und fällt in den „Volksgerichten” am liebsten Todesurteile. Er ist 1943 nach Jučbunar gezogen, als die Bombardements der Alliierten Sofia eben in Schutt gelegt haben, studierte Deutsch, die Sprache des vormaligen Verbündeten, und hielt Stunden für die Kinder reicher Leute. Mit patriotischen Gedichten, die in Bulgarien eine lange Tradition haben, verschafft er sich im Viertel Anerkennung. Viele der jungen Männer, die hier herumhängen, bewundern die selbstbewusste Liljana. Die kämpferische Feministin hat aus ihrer Vergangenheit als Partisanin Verbindungen zur neuen Macht. In der Zeitschrift der Vaterländischen Front wird ein Erguss des schüchternen jungen Mannes gedruckt, im Stil von Schiller und Heine. Es heißt „An die Henker” und ist gegen die Kollaborateure mit den Deutschen gerichtet. Für diese Landsleute fordert der nur poetisch tatkräftige Strezov ein Tribunal. Als ein paar Monate nach der Machtübernahme der Kommunisten Schauprozesse anstehen, kommt jemand auf ihn. Dabei ist Emil kein überzeugter Kommunist, auch seine Freunde Kosta und Elias nicht. Während der Jude Elias sein Gewissen behält und Stotterer Kosta sich mit einem Job als Lagerhausaufseher zufriedengibt, bringen andere es noch weiter. Allen geht es, mehr als um Gerechtigkeit, um die Gunst Liljanas. Daneben steht gutes Essen, v.a. Köfte, den hungrigen Nachkriegsbulgaren aus dem Erzählerchor über allen politischen Werten.

Mit lockerer Zunge, großsprecherisch, im lokalen Gaunerjargon, erfahren wir Aufstieg und Scheitern dieses Vertreters eines Subproletariats, der am Ende, nicht länger der Ihre, von den „Sanftmütigen” fallengelassen wird. Strezov, gescheitert, macht sich davon, während sie behaupten: „Das Buch deines Lebens aber schreiben wir.”

Im Schlussatz des Romans bezeichnen sich diese „Sanftmütigen” sogar als „Schwarzfahrer der Geschichte, <...> mit zahllosen Augen begabt”. Sie standen hinter dem Protagonisten, solange die Machthaber der Stimme des Kollektivs Bühne gaben, dann sind sie von der Bildfläche verschwunden. So wurde, sagt uns Igov, Bulgariens Geschichte um den Verantwortlichen geprellt. Igov zeigt die  „Volksgerichte” als zynisches Spiel der Machthaber mit dem beherrschten Volk, dem das Theater vorgespielt wird, es hätte eine Stimme.

Das Einarbeiten einzelner Meinungen ins Ganze des „Volks” war die Aufgabe, die sich der Autor vorgenommen hat. Ihre Meisterbarkeit hat 1978 Bora Ćosić in „Die Tutoren” bewiesen, dessen Übersetzung ins Deutsche durch Brigitte Döbert 40 Jahre nach dem Ersterscheinen 2015 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. Seit er Alexander Ilitschevskis „Der Perser” aus dem Russischen übersetzt hat, vertraue ich Übersetzer Andreas Tretner vorbehaltlos; das Uneinheitliche in der Sprache muss demnach am Original liegen.

Denn die Kantigkeit der Sprache macht „Die Sanftmütigen” schwer leserlich: Im mit Brocken örtlicher Gaunersprache durchsetzten Gassenjungenjargon von Jučbunar finden sich Einsprengsel aus den Parolen der regierenden Kommunisten ebenso wie die Propaganda der geschlagenen, mit Hitler-Deutschland verbündeten Faschisten und pathetische Freiheitsgedichte, die in Bulgarien, wo man bis ins 19. Jahrhundert gegen die osmanischen Herren rebellierte, einen orthodox-christlichen Duktus haben. Man erlebt das beim Lesen allerdings nicht. Im Deutschen ist an einer Stelle von „großer Sause” die Rede, ein typischer 1960-erjahre-Ausdruck, an anderer zeitnah davon, jemanden „zu ficken”; dann wird „das Neueste bekakelt”...  Wer Ćosićs „Tutoren” kennt, hat erfahren, wie viel sich aus einer derart verkommenen Sprache machen lässt und um den unbearbeiteten Kauderwelsch ist einem Leid.

Die saloppe Diktion, wünscht sich der Leser, hätte wie in Vargas Llosas „Die Stadt und die Hunde”, übersetzt von Luchting, gelingen können. Sie erinnert vor allem an Bulgakovs „Der Meister und Margarita”, in einem ähnlichen Milieu spielend und mit vielen ostslawischen Diminuitiven, die nicht unbedingt Verniedlichungen meinen. Aber wie die genannten Spitzbubenromane kommt „Die Sanftmütigen” nicht in Schwung. Dennoch bleibt zu wünschen, dass der Berliner eta-Verlag weiter dafür sorgt, dass die Literatur Bulgariens deutschsprachige Leser und Leserinnen erreichen mag!

Angel Igov
Die Sanftmütigen
eta Verlag
2019 · 17,90 Euro

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