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Kritik

„stairway to eggs“

Hamburg

„Der Titel ist ein Hammer!“, sagte ein Bekannter, als er den neuen Lyrikband von Angélica Freitas sah. Seine Begeisterung mag durch das Cover (Gestaltung: Ihsan San) verstärkt worden sein, auf dem die inneren weiblichen Geschlechtsorgane zu einem stilisierten Frauengesicht verfremdet sind, das uns mit geschminkten Augen anblickt.

steht es für etwas? steht es für nichts?

Der Titel ist ein Hingucker, transportiert etwas scheinbar Unvereinbares. Was bedeutet es, wenn etwas „groß wie eine Faust“ ist? Eine zur Faust geballte Hand kann drohen, zuschlagen, einem Gegenüber voll Wucht derart ans Kinn oder sonst wohin gedonnert werden, dass der andere k.o. geht. Es ist ein männlich wehrhaftes, aggressives Verhalten, das man aus Filmen oder realer Anschauung kennt und das in reizvollem Gegensatz zum Wort Uterus steht. Kann auch er, der Uterus, eine Faust sein oder Faust werden, sich gar selbst zur Faust ballen, weil er männlichen Geschlechts ist, und wogegen will er, muss er sich wehren? Springt er uns jetzt an die Gurgel? Und wie sieht es eigentlich mit der Gebärmutter aus, die im Deutschen mit dem ___STEADY_PAYWALL___weiblichen Artikel versehen ist? Ist sie auch groß wie eine Faust oder bloß ein Fäustchen?

Schon sind wir mitten in binären Stereotypien. Sicher, auch eine Frau kann ihre Faust ballen, zuweilen, etwa in breitenwirksamen Filmen, ballt sie sogar beide Fäuste, doch dort ist diese Geste theatralisch inszeniert nicht als Zeichen der Aggression, sondern transportiert etwas Hilfloses, Hilfsbedürftiges. Meist schlägt sie nicht zu. Stattdessen lässt sie die Hände wieder sinken,

denn eine gute Frau
ist eine saubere Frau

weiß sie, hat für einen Moment bloß eine emotionale Aufwallung verspürt, die sie als unziemlich erkennt, und sich sogleich wieder im Griff, denn sie

ist sanft und gut und sauber

hat allenfalls ihre Hand zur Faust geballt und knallt diese auf den Tisch ... oder trommelt ihre geballten Fäuste (Hollywood-Version) an eine breite Männerbrust, bis er schließlich entschieden ihre Handgelenke packt, ihrem Furor Einhalt gebietet, ihr vielleicht noch den Mund mit einem Kuss verschließt und zeigt, wo und wie, zackbumm, der Bartl den Most holt, wenn er richtig zupackt, ganz ohne Faust, weil sie sich ohnehin ergibt.

Zackbumm also. Schon sitzen wir in der Falle der Geschlechterzuschreibungen,

denn eine barbarische Frau
ist keine gute Frau

eine gute Frau fuchtelt nicht mit der Faust, ist weder Schlange noch Schlampe, nicht lästig, nicht dick, nicht hässlich und stets nüchtern ist auch, denn sie lernt schnell

eine betrunkene Frau
ist eine dreckige Frau

und einmal betrunken bliebe sie dreckig, auch wenn sie sich noch so sauber schrubbt und regelmäßig die Zähne putzt. Das Bild der guten, weil im „richtigen“, männerdominierten Rahmen zurechtgerückten Frau wird von Medien und Werbung perpetuiert und bleibt im Alltag wandlungsresistent. Denn es darf jeder und jederfrau unmissverständlich eine Meinung kundtun, vielleicht sogar die eigene, darf angesichts von Diversität mutmaßen

alles nur Provokation?

wenn eine sich anders verhält, denn schließlich saßen alle mal in einer Gebärmutter (was deutlich kuscheliger klingt als „der Uterus“), haben sich herausgewurschtelt oder wurden unsanft ins Licht der Welt gebracht und somit zur Erkenntnis, dass 1. dieses Organ (der Uterus vulgo die Gebärmutter) sich anatomisch bitteschön eindeutig in einer Frau befindet und dass 2. er natürlich stark und mit eindrücklicher Faust gesegnet zur Faust wird, sie hingegen, also, nun ja ...

es war einmal eine Frau
die wollte über Gender reden

es war einmal eine weitere Frau
die wollte über Kollektive reden

Es heißt übrigens DIE Faust im Deutschen, doch auf Latein heißt sie pugnus, ist männlich wie auch im Portugiesischen (punho) und anderen romanischen Sprachen, was lupenfalsch übersetzt im Deutschen DER Faust hieße und trotzdem nichts mit Goethe zu tun hätte.

Man könnte das mit der Faust auch einfach medizinisch lesen, versuchsweise sachlich und somit emotionslos, ohne Vorbehalt, besondere Zuschreibung oder Interpretation. Will man nämlich einem Laien die Größe eines gesunden Organs veranschaulichen, das im Inneren des Körpers liegt, kann man anschauliche Vergleiche wählen, etwa: „Ihr Herz ist so groß wie ihre Faust“. Man wird sich die Größe sofort vorstellen können. Das Gleiche gilt für die Gebärmutter, denn „Der Uterus ist groß wie eine Faust“, nicht wie irgendeine, sondern jene, die zum selben menschlichen Körper wie der Uterus gehört. Punkt.

Mit diesem Spannungsverhältnis, man könnte stattdessen „Diskussionsbedarf“ sagen, zwischen (Größen)Bestimmung und bedeutungsschweren Geschlechterzuschreibungen einerseits und notwendiger Verrückung bzw. Rahmensprengung andererseits spielen die Gedichte der brasilianischen Journalistin, Dichterin und Übersetzerin Angélica Freitas. Ihr zweiter Lyrikband „Um útero é do tamanho de um punho“ erschien 2012 und wurde von Odile Kennel ins Deutsche übertragen, die eine ausgewiesene Kennerin des lyrischen Kosmos von Freitas ist. Sie hat zuvor bereits deren 2007 publizierten Debütband „Rilke Shake“ übertragen, der 2011 bei luxbooks erschien, derzeit vergriffen ist und demnächst unter dem Titel „Rilke Shake Remix!“ als chapbook erhältlich sein wird.

„Der Uterus ist eine Faust“ liegt einsprachig vor, es können daher nur die Übertragungen ins Deutsche gelesen und beurteilt, nicht aber Vergleiche mit den Originalen versucht oder die Übersetzungsleistung beurteilt werden. Es bleibt auch unklar, ob und inwiefern sich die Zusammensetzung der beiden Bücher unterscheidet. Die vorliegenden Gedichte kann man als poetische Untersuchung bezeichnen, die nachforscht, was denn typisch weiblich ist bzw. was man darunter versteht oder zu verstehen glaubt. Allgemeinplätze, etwa das Sujet „saubere Frau“, werden zugespitzt, mit Humor gedreht und gewendet. Die Dichterin geht dem Dazwischen nach, das man „sehen wollen“ muss, um es überhaupt zu entdecken. Freitas will hinsehen, bis es wehtut, bricht auf mehreren Ebenen Dichotomien auf und wendet sich den Zwischenräumen diverser Verortungen zu.

Da ist zum einen jener Möglichkeitsraum zwischen binären gesellschaftlichen Zuordnungen, die inkompatibel sind mit der Erfahrung, sich weder der Männer- noch der Frauengruppe zugehörig und als Outsiderin zu empfinden. Wie wirken gesellschaftliche Erwartungen auf Wünsche und Ansprüche? Wie entwickelt man das eigene Selbst? Was ist das überhaupt: eine (gute, saubere, ...) Frau? was soll sie wollen müssen, was will sie von sich aus wirklich? Und wie lernt man, genau diese Frau zu werden, die man selbstbestimmt sein will, auch wenn man das eigene Bild noch nicht klar vor Augen hat und sich auch den Rahmen erst basteln, ihn immer wieder adaptieren muss?

Ein zentrales Gedicht heißt „die Frau ist eine Konstruktion“, zugleich Titel des dritten Kapitels: 

die Frau ist eine Konstruktion
das kann nicht anders sein

die Frau muss im Grunde
ein Wohnkomplex sein
alles ist gleich
alles gleich verputzt
nur jeweils anders gestrichen

ich persönlich bin eine Frau
mit Backsteinfassade
bei der Eigentümerversammlung bin ich meist
am schlechtesten gekleidet

...

Das Gedicht endet wenig optimistisch in einer fast litaneihaften Anwandlung:

nichts wird sich ändern –

nichts wird sich jemals ändern –

die Frau ist eine Konstruktion

Auch Google weiß genau, wie und wohin „Frauen gehen“, „Frauen denken“ und was „Frauen wollen“. Freitas hat „3 Gedichte mithilfe von Google“ in ihr Buch aufgenommen, Es sind Ergebnisse einer Recherche, die jede(r) selbst nachvollziehen kann, indem man die genannten Begriffe eingibt. Das Produkt sind Listengedichte klischierter Geschlechterplattitüden und inhaltsleerer Phrasen aus dem Internet, die wohl noch endlos lang fortgesetzt werden könnten. Der Mehrwert dieser Listen ist überschaubar, wenn frau sie nicht wenigstens irgendwo lustig, interessant oder spannend finden kann, sondern bloß verzichtbar. Doch sind sie genauso abstrus und sinnlos, wie die geschwätzigen Zuschreibungen der realen Welt.

Ein weiterer Raum, den das Buch öffnet, setzt sich mit dem Thema Original und Übersetzung auseinander. Denn das Buch ist mehr als ein übersetztes Original. Unzweifelhaft stammen die Gedichte von Angélica Freitas. Doch es ist stimmig (er noch als bei anderen Übertragungen), dass Odile Kennel als Urheberin der deutschsprachigen Fassung bereits auf dem Cover namentlich genannt wird. Im vorliegenden Band ist sie nicht nur als Übersetzerin tätig, die in Fußnoten zudem Erläuterungen beifügt, sondern sie tritt selbst als Lyrikerin in Erscheinung. Sie korrespondiert mit dem titelgebenden Gedicht, indem sie auf das Uterusgedicht von Freitas antwortet und dieses mit einem eigenen Gebärmuttergedicht variiert – ein grandioser, ein stimmiger Einfall und eine gewitzte Bereicherung!

Ergänzend sei erwähnt, dass Freitas lustvoll mit poetischen Formen spielt. Sie integriert poetry-slam-ähnliche Passagen, poetologische Hinweise, liedähnliche Zeilen, abgewandelte und scheinbare Zitate sowie gereimte Verse, die Kindergedichten nachempfunden sind. Immer wieder lässt die Dichterin, lässt Kennels Übertragung Witz, gelegentlich abgeklärten Sarkasmus, auch Aberwitz aufblitzen, der von Melancholie grundiert ist, die Vergeblichkeit des Aufbegehrens und ein mögliches Scheitern mitdenkt, Einsamkeit kennt und um die stets „falsche Lesart“ der Poesie weiß. Im titelgebenden Gedicht weist die brasilianische Lyrikerin folgerichtig dann auch auf ihre Lesart des Buchtitels hin:

der Uterus ist groß wie eine Faust
haut aber nicht aufs Auge

Angélica Freitas · Odile Kennel
Der Uterus ist groß wie eine Faust
Aus dem Portugiesischen (Brasilien) übertragen von Odile Kennel
Elif Verlag
2020 · 112 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-946989-30-1

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