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Kritik

Den Tag pflücken

Hamburg

Angelica Seithes Gedichte „pflücken“ den Tag – und eröffnen darüber die herrlichsten Perspektiven, ob sommerliche Lethargie

Leg dich zur Katze schlaf
dir Sonne unters Fell           (S.21) 

oder winterlicher Aufbruch

NEUSCHNEE

Klarer Morgen
Schneewehe
ankert am Dach

Bug nach Osten
Unser Segel
in den Atem gedreht

Fahrt voraus
ins Licht                       (S.10)

Da schreibt jemand, der um Sehnsucht weiß – und um die verschlungenen Wege, die sie nicht selten nimmt :

ZUGBRÜCKE

Einmal ging ich hinüber
von Pappeln
schlankweg erwartet

Da war so viel Blau
so viel Weiß
die Schuppen im Wasser
die Wünsche von Wolken bewegt

Ich hatte nur einen:
Ich wollte zurück              (S.16)

Vor Augen ist mir beim Lesen eine jener Zugbrücken, die Vincent van Gogh im lichtdurchfluteten Süden Frankreichs verewigt hat. Nicht, dass das Ziel das lyrische Ich enttäuscht haben dürfte – „so viel Blau“. Eher hat die Sehnsucht jenen Vorsprung verloren, von dem sie lebt. … „zurück“ – merkt der Leser am Schluss – hat schon in der Zugbrücke gesteckt. Vertraut mit dem antiken Mythos gibt die Autorin ihm eine neue, weibliche Lesart :

LABYRINTH

Das Zentrum gefunden
Den König geküsst. Doch
um den Palast zu verlassen
kein Faden, kein Knäuel

Nur Dunkel und eine
Katze mit glühenden Augen

Ihr folgen
sie findet den Weg aus jeder
Verstrickung macht sie sich frei
Sie läuft
um tückische Ecken und springt
wenn sie rauskommt
ins lebende Licht                 (S.17)

Das Personal des Mythos – Ariadne, Minotaurus, Theseus – wurde kräftig durchgemischt. Anstelle eines zu tötenden Ungeheuers im Zentrum ein König, den es zu küssen gilt. Das eigentliche Ungeheuer – Theseus, der „Held“, der seine Retterin zurücklässt – mit Recht aus der Geschichte verbannt. Ariadne bräuchte nun ihrerseits Rettung. „Faden“ und „Knäuel“ wären – mit Nietzsche gesprochen – eher die „apollinische“ Lösung. Demgegenüber hat die „Katze mit glühenden Augen“ eher „dionysische“ Züge, teilt gar mit dem Minotaurus animalische und bedrohliche Qualitäten. Und ist – wenn ich es recht sehe – nicht so sehr im Inneren des Labyrinths als vielmehr im Inneren Ariadnes zur Rettung abrufbar. Solcherart das Vertraute neu oder doch im neuen Kontext zu sehen, gehört zu den Freuden und Verlockungen, die Angelica Seithes neuer Gedichtband bereit hält. …   Kongenial nimmt „AUS DER TIEFE“ (der Ttel ein Anklang ans biblische De Profundis) Edvard Munch, Der Schrei, 1893 auf. Der lyrische Text nimmt Form und Statur des Bildes auf : „verflüssigt die Landschaft“. Ein einziger riesiger Resonanzraum, dem sich der Mitmensch, seine ersehnte Kompassion gleichwohl entzieht :

Dein Leib vom Schreien krumm
und niemand
schaut sich um                  (S.19)

„DAS KIRCHLEIN VON AUVERS-SUR-OISE VOR DEM GEWITTER (Vincent van Gogh, 1890“ war für mich immer ein Inbild der Gefahren, die die Moderne für Glaube, Kirche, Religion beinhaltet. Angelica Seithe lehrt mich, es neu und anders zu sehen – in einer individualisierten Lesart, die das Bild sehr viel stärker in der Biographie des Malers verortet :

Noch tragen Pfeiler das gewellte Dach
das sich zu ducken sucht
als hörte es…
schon jetzt

den Schuss                     (S.22)

Leben meint stete Wahl : Wege zu gehen oder auszuschlagen, Türen zu öffnen oder verschlossen zu lassen :
VERSÄUMNISSE

Das Tor durch das du
nie gegangen bist
verschlossen noch
(…)

(…)
Die Schwelle zu betreten war
Verbot

Heut bannt dich seine Bogenform
(…)
als lade es dich ein
das Tor
durch das du nie gegangen bist  (S.50)

Auch wenn die Autorin an anderer Stelle (S.94) genießt, Heraklit durch die verewigende Kraft des Bildes gleichsam Lügen zu strafen – tatsächlich ist sie seines „Du steigst nicht zweimal in denselben Fluss“ ganz inne. Das Tor mag gleich geblieben sein. Öffnen lässt sich das Tor von damals nie mehr – allenfalls noch das von heute. Man könnte darüber in Depression verfallen, die „WINTERTRÜBNIS“ in vollendete Symmetrie und Kreisstruktur fasst :

Mein Wasserhahn tropft
Ich spüre nichts von Traurigkeit

Ich bin wie ausgestopft
ein Vogel
dessen Federkleid man anschauen kann
Du weißt, er flog einmal in andrer Zeit
(…)

(…)

Der Hahn wird heute repariert
Ich spüre keine Traurigkeit
Er tropft                        (S.36)

Nicht die „Traurigkeit“ bildet die „-trübnis“, eher das „nicht Spüren“. Geradezu erlösend geriete hier die „FÜGUNG“ :

Das warme Fell einer Katze
das mir fehlt – vielleicht
suche ich
im Samt deiner Stimme
ein Lebendes
das mich berührt
sich mir aufs Herz legt
und schnurrt                    (S.87)

Alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit – weiß schon Nietzsche. Und rührt damit an Grundprobleme unserer menschlichen Existenz : mit fester Hand halten zu wollen, was nicht zu halten ist.

SPLITTER

Heut fällt mir
alles aus der Hand
das Heft das Hemd
das Spargelglas zerspritzt
am Boden – ich
trete über klebrige
Zeit wische auf
die splittrige
Erinnerung
an dich                        (S.48) 

In Geschichten hingegen – wie „BRÜGGE“ (S.28f) – gelingt es ab und an, das Paradox, die Zeit, die vergehende, festzuhalten :

Wir hören sie klöppeln
Sie klöppeln Erinnern
Wir hören und hören
den hölzernen Ton              (S.29)

Lineare und (im Traum, in der Kunst) aufgehobene Zeit treffen im Gedicht „SCHLITTENHUNDE“ aufeinander – als Perspektive der Hunde einerseits, des lunar faszinierten lyrischen Du andererseits :

Sie ziehen deinen Schlitten
(…)
den Blick geheftet auf ein Ziel
das du nicht siehst

Es zieht sie mächtig an und sie

ziehen dich. Doch du
blickst in den Mond
der übern Berg gestiegen
silberne Töne
in die Bäume hängt              (S.60)

Immer wieder scheint ein Ur-Anliegen der Poesie auf, jenes nämlich, Zeit zu konservieren. Das „Konservieren“ darf dabei durchaus wörtlich genommen werden :

PFLAUMENMUS

Ich koch dir
den Sommer mit Zimt
und füll ihn in Gläser
Noch ist er heiß
So macht man ihn
haltbar

den Vorrat an Duft
für die Worte im Winter

Wenn nur das Glas
mir nicht aus der Hand fällt
mit Hagel und Herbst
und vor jeder Zeit             (S.70)

Kunst macht den „Sommer“, die erfüllte Zeit, „haltbar“. Das heißt auch, sie kann ihn nicht so bewahren, wie er ist, sie muss ihm vielmehr eine (neue) Form geben. Alles das unter dem Vorbehalt des Endes, das vorzeitig, vor der Zeit, kommen kann. „vor jeder Zeit“ lautet die zugespitzte Formulierung am Ende des Gedichts – und bringt damit das Andere der Zeit, die Ewigkeit, ins Spiel, das sich nicht linear, allenfalls zyklisch erfassen lässt.
Ewigkeit ist machbar, bleibt immer Gnade, Geschenk, Widerfahrnis im zugespitzten Augenblick – sei es eines Glockengeläuts, sei es des Eintauchens in die tiefe eines Bildes :

ANGELUSLÄUTEN
  nach einem Gemälde von J.-F. Millet, 1859

Sie beten

Sie neigen den Kopf
als schauten sie die Scholle an
Ein ferner Kirchturm steht
die Harke steht
der Korb mit den Kartoffeln
und der Karren stehen
Die Säcke schlafen drin
als wär’s ein Kind

Schon ist es Abend und
es weht kein Wind             (S.44)

Zentrales Bild des Glaubens wird an anderer Stelle die „Klosterruine“. Sie deutet auf „verlassene Himmel“. Aber so eindeutig liegen die Dinge nicht; die Ruine ist und bleibt eine Ruine und zugleich so beseelt wie auf einem Bild von Caspar David Friedrich. :

IM HERZEN GEFALTET
(…)

(…)

(…)

Nur die Ruine, gewachsen im Wald
rührt mich noch an
zerbrochen, das schöne Gefäß
in dem einmal Geist gewesen
Geist, der ins Freie flog

Und doch
als ginge er um an diesem Ort
bleibe ich stehen

die Hände
tief in den Taschen –
im Herzen gefaltet             (S.53)

„die Hände / tief in den Taschen“ sind denkbar weit entfernt davon, denkbar gut gesichert davor, den Gestus des Gebets zu vollziehen. „im Herzen“ indessen sieht es anders aus.
Angelica Seithe ist eine Meisterin der Ambivalenz – und eben darum eine Meisterin der Dichtkunst. Paradoxerweise setzt sie ihre Worte so genau, dass sie ins Schillern und Schimmern geraten :

SPÄTSOMMERNACHT

Ein Apfel
fällt aus dem Rahmen
mir zum Fenster herein
greifbar und
unantastbar zugleich

Nun liegt er
tief unten im Korb
wo Träume lagern

Nur manchmal
in goldener Nacht
sein Fleisch und
wunderbar innen
der bittere Kern                (S.65)

„der bittere Kern“ ? Gewiss. Aber kommt er überhaupt an gegen das „wunderbar innen“, das der Leser geschluckt hat wie einen Angelköder – und das ihn nie mehr los lässt ?  
Ein Wort scheint mir häufiger zu begegnen als in den früheren Bänden : “Wort“. Dem einher geht eine gestiegene Zahl von Gedichten poetologischen Charakters.

ARBEIT AN EINER TEXTSTELLE

Wenn du hinaufsteigst
zum Licht
Die Stufen, Silbe
für Silbe, steil
(…)
Ächzend nimmst du
die hundertste Stufe
steigst immer weiter –
bis schließlich ein Schimmer
erscheint
und das Licht dich
endlich empfängt
strahlend und windig
und weit                      (S.82)

Wen wird der Schimmer nicht an die Joyce’sche Epiphanie erinnern ? Gedicht und Text stehen einander in der modernen Poetik als Widerpart gegenüber : das Gedicht als Widerfahrnis, der Text als etwas Gemachtes, quasi textil Erarbeitetes. Bei Angelica Seithe geht das Gegensatzpaar eine ebenso verblüffende wie stimmige Symbiose ein. Gedichte sind Resultat harter Arbeit am Wort – solange „bis schließlich ein Schimmer/ erscheint“. Der wiederum ist nicht machbar, sondern ganz und gar Widerfahrnis. Der wiederum macht das Gedicht zum Gedicht. Dieses Gedicht bleibt immer aus auf ein Du. Die Kormorane der Fischer auf dem Li-Fluss leben in Gefangenschaft. Sie machen die Beute – für andere ! – und können sie nicht verzehren. Die Dichterin schleust sich ein unter diese Kormorane. Mit dem Selbstbewusstsein der Autorin hat sie den Fischern ein Angebot zu machen, das die Bildhälfte sprengt : gemeinsamer Genuss, wie er der Autorin auch ohne von außen verhängtes Handicap nur mit ihren LeserInnen möglich ist :

BEI DEN KORMORANFISCHERN
AUF DEM LI-FLUSS

Wer bindet die Kehle mir zu?
(…)
Ich tauche
(…)
und schnappe ein Wort, ein stummes …
(…)
Binde mich los – Ich

will diesen Fisch, den ich fange
Ich teil ihn mit dir            (S.63)

 

Angelica Seithe · Jürgen Brocan (Hg.)
Solange wir bleiben im Licht
edition offenes feld
2020 · 104 Seiten · 16,50 Euro
ISBN:
9783752813517

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