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Kritik

Smileys haben kein Rückgrat

Hamburg

„Erst die Emotion, dann das Produkt.“ Adrian Keller kennt sich aus im Marketingsprech der Unternehmen, die er von seinen Fähigkeiten als Werbetexter zu überzeugen versucht. Sein Emotionsträger heißt Max Beier, ein vitaler, simpel gestrickter Charmeur, der stets bekommt, was er begehrt – „Pappfigur und zugleich Werbewaffe“, mit der sich die Kunden identifizieren sollen, bevor sie auf „Kaufen“ klicken.

Doch Adrian, der titelgebende Antiheld in Angelika Stallhofers Debütroman, ist auch ein closet poet, der gern mit Worten jongliert. „Da spült es mir ein paar Silben auf die Zunge“, heißt es an einer Stelle, an einer anderen: „Sein Gesicht beförderte die Grinsekatze als blinden Passagier.“ Als hätte er sich in den falschen Film verirrt, driftet er bei Meetings oder Geschäftsessen immer wieder ab in Tagträumereien, die es einem bisweilen nicht eben erleichtern, der Handlung zu folgen.

Dass Adrian – zumindest anfangs – der Werbewelt als distanzierter Beobachter gegenübersteht und auch in seiner Brust ein Künstlerherz schlägt, erklärt wohl, was seine Freundin an ihm findet: Anna schreibt an ihrem vierten Roman und unterrichtet nebenbei Creative Writing; ihre Wunderwaffe ist das Wort. Auf dem Küchentisch liegt Botticellis „Frühling“ als 1000-Teile-Puzzle, ein grelloranges Notizbuch, daneben obligatorisch vier Zitronen, die wohl der Inspiration dienen sollen, wie einst (angeblich) Schiller ein paar faule Äpfel. Facebook nennt sie abfällig „Panopticon“, Instagram das „Album der Eitelkeiten“, und ihren Freund, wenn sie ihn necken will, schlicht „Schreibmaschine“.

Ein bisschen allzu offensichtlich positioniert Stallhofer hier freigeistige Kreativität gegen schnöden Kommerz, hält Anna hoch als Adrians kritisches Gegengewicht, gleichsam als dessen poetisches Gewissen. Irgendwie ephemer, fast geisterhaft wirkt Anna durchweg, manifestiert sie sich doch fast ausschließlich in mal weisen, mal trivialen Bonmots und den erwähnten Accessoires auf dem Küchentisch. Ist sie vielleicht gar keine reale Person, sondern vielmehr Adrians sensible, „weibliche“ Seite, sozusagen die verkappte Dichterin in ihm?

Bevor jedoch Zeit ist, diesen Gedankengang weiterzuverfolgen, trennen sich ihre Wege auch schon: Adrian nimmt einen neuen Job an; im Auftrag des „Häusermanns“ zieht er für eine Woche in ein Modell-Smart-Home außerhalb der Stadt, während Anna mit einem Kollegen ein Literaturfestival besucht.

Und hier, im klaustrophobischen Kammerspiel unter 33 Kameraaugen, stellt die Autorin ihr ganzes Können unter Beweis. Sie belässt es nicht bei wohlbekannten Parolen von der neuen Sehnsucht nach mehr Sicherheit, die wir alle irgendwie kennen, ohne ihr viel entgegenzusetzen – sie macht aus dieser schwer greifbaren Befindlichkeit ein subtiles Horrorstück. Von „Wellen der Angst“ ist in den Zeitungen die Rede. Wie so vieles in „Adrian“ bleiben sie Black Boxes, die wir selbst nicht recht durchschauen, mit denen wir uns jedoch selbstverständlich umgeben – wie mit all den elektronischen Gadgets, die wir in unseren Alltag integrieren, ohne sie wirklich zu verstehen. Erstaunlich schnell gewöhnt sich Adrian an seines Smartwatch, mit der er das Haus nach Belieben steuern kann, an die smarte Waage, den sprechenden Spiegel, die Bewegungssensoren im Garten, die Kameraaugen überall. Und dennoch: Märchenhaft, fast mythisch klingende Bezeichnungen wie „Zauberhand“ oder „Häusermann“ attestierten den Dingen und Personen eine versteckte Macht, die sich seiner Kontrolle jeden Moment entziehen kann.

Geschickt verbindet Stallhofer Materielles und Immaterielles, an das wir uns bereits gewöhnt haben, mit zunehmend surrealen Elementen: Der Schrittzähler treibt Adrians aufs Laufband, die smarte Waage verbündet sich mit dem Kühlschrank, der ihm im Folgenden die Nahrung verweigert. Ein kleiner, böser Twist: Das Modellhaus heißt „Helene“, wie Adrians verstorbene Mutter. Und ohne allzu tief in die Psychoanalyse einsteigen zu wollen, lässt sich sagen: Das Smart Home ist sowohl schützende Gebärmutter als auch strafende Instanz – und könnte einen, wenn es denn wollte, in Sekunden verschlingen.

Zunehmend verwandeln sich Adrians Träumereien in veritable Wahnvorstellungen. Beier wächst sich aus zu einem realen Antagonisten, mit dem Adrian nicht nur verbale, sondern gar physische Streitereien austrägt, während seine Eifersucht auf Annas Kollegen krankhafte Züge annimmt.

In den Sinn kommen Mark Z. Danielewskis postmoderner Horror-Roman „Das Haus“, oder – wenn Adrian mal wieder mit Schreibblockade auf die gelben Wände seines Arbeitszimmers starrt („Gelb, die Farbe für Konzentration – und Neid“) – Charlotte Perkins Gilmans Kurzgeschichte „Die gelbe Tapete“. Auch Kubricks Science-Fiction-Meisterwerk „2001: Odyssee im Weltraum“, in dem ein empfindungsfähiger Computer mehr und mehr die Kontrolle über ein Raumschiff und seine Insassen übernimmt, winkt von Ferne. Allein gegen Ende möchte „Adrian“ ein bisschen zu sehr Psychothriller sein, greift ins Metaphysische und verheddert sich dann doch wieder in (gewollt) logischen Erklärungen.

Nichtsdestotrotz hat Stallhofer die „creepy line“ technologischer Innovationen gekonnt um ein paar Grade verschoben. Die Vorstellung eines Hauses, das selbsttätig agiert und sich flexibel an die Befindlichkeit seiner Bewohner anpasst, ruft nach der Lektüre dieses Buches jedenfalls kein Gefühl von Geborgenheit mehr hervor – sondern ein profundes Unbehagen.

Angelika Stallhofer
Adrian oder: Die unzählbaren Dinge
Kremayr & Scheriau
2018 · 192 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-218-01124-2

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