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Kritik

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Hamburg

Diesen Herbst startet die Reihe „kurze form“ im Verbrecher Verlag, der erste darin erschienene Band ist „Grundlagenforschung“ von Anke Stelling. Bis auf zwei der Erzählungen sind alle bereits veröffentlicht und wurden für Grundlagenforschung nochmal überarbeitet.

Ich hatte vor diesem Erzählband vier der Romane von Anke Stelling gelesen: Bodentiefe Fenster, Schäfchen im Trockenen, Horchen und Fürsorge (in dieser Reihenfolge) und wusste ungefähr (oder ahnte zumindest), welches Personal mir in den Kurzgeschichten begegnen würde.

Die Hauptprotagonistinnen sind allesamt Frauen; Frauen auf, naja, Sinnsuche, oder vielleicht eher: Frauen, die die Nichtigkeit des menschlichen Daseins schon mal berührt haben oder auch dauerhaft in ihr leben. Wie geht das: Leben? Was ist überhaupt sinnvoll? Welche die richtige Richtung? ___STEADY_PAYWALL___Die Gesellschaft erzählt in dem Zusammenhang oft, Kinder bekommen wäre für Frauen quasi der Ausweg aus all diesen Fragen. Das stimmt natürlich nicht und das bemerken diejenigen unter den Protagonistinnen, die diesen Weg beschreiten, auch relativ schnell.

„Die Bescherung war anstrengend.“
(Heilsversprechen, S. 154)

Da ist Carina, deren Tochter Gloria, gerade zwei Monate alt, das Heilsversprechen in der gleichnamigen Geschichte ist, vor allem für ihren platonischen Freund Jens, vor allem für ihre Mutter Traudel, die beide auf verschiedene Weise versuchen, ihre eigenen Leben via Gloria aufzuwerten. Es ist Weihnachten, Carina ist müde, aber an sie denkt keiner, höchstens als Erzeugerin der Weihnachtserlösung Gloria. Endlich kann Traudel im weihnachtlichen Gottesdienst ihre Enkelin herzeigen und Jens hat auch was zu tun; zum Beispiel damit, Carina und Gloria vor jedem Unbill zu beschützen und vielleicht doch, irgendwie, zu so einer Art Josef für Carinas Maria zu werden.

„Ohne Kinder hätte Claudia sich Kinder gewünscht. Mit Kindern wünschte sie sich den Tod.“
(Feldsalat, S. 14)

Männer kommen in Anke Stellings Kurzgeschichten fast immer als Nebenfiguren vor, erzählt aus Sicht der Protagonistinnen sind sie meist gedankenlos, oft verletzend und generell nicht erreichbar, selbst die, die es gut meinen, wie Hannes in Glückliche Fügung. Die Unerreichbarkeit liegt nicht immer nur an den Männern selbst, stattdessen manchmal auch an den neurotischen Verstrickungen, in denen sich die Protagonistin bewegt.

„Mit Hannes war alles in Ordnung, was Simone, wenn sie ehrlich war, ein bisschen verunsicherte.“
(Glückliche Fügung, S. 71)

Simone zum Beispiel versucht, die Rutschbahn in ein vermeintlich ideales Leben zu nehmen, „schwanger und strickend in einem Haus auf dem Land“, was aber irgendwie auch nicht funktioniert; ihr Leben fühlt sich überhaupt nicht sinnvoller an, nicht echter oder richtiger, sondern immer noch wie das, was es eben ist, (nicht nur bei ihr, bei allen): Eine Ansammlung von mehr oder weniger durchdachten Entscheidungen und Zufällen, die zusammen so ungefähr ein Ganzes ergeben.

Fast alle anderen von Anke Stelling erzählten Männer sind unterwegs zur nächsten, zur vormaligen, jedenfalls zu einer ganz anderen Frau, die, so wird das den Protagonistinnen auch gesagt, halt irgendwie besser sei als sie. Manchmal treten die Erzählerinnen dabei mit den Leser*innen in Konspiration, blicken uns direkt an, sagen:

„Jetzt heult Werner, laut und stockend, weil er es nicht gewöhnt ist, und uns wird unheimlich, weil wir es auch nicht gewöhnt sind.“
(Unbeständig und kalt, S. 108)

Das erinnert an den großartigen Einsatz der vierten Wand in Phoebe Waller-Bridges Fleabag (eigentlich ist dieses Stilmittel, was Serien angeht, überhaupt nur in Fleabag zu ertragen; in keiner anderen Serie möchte ich direkt von irgendeiner*m Protagonist*in angeblickt werden, während sie oder er zum Beispiel eine Straße entlangrennt und mir währenddessen – möglichst humorvoll, klar – erklärt, wie es zu dieser völlig absurden Situation kommen konnte! und so weiter). Phoebe Waller-Bridge hat es geschafft, die vierte Wand auf neue Art zu durchbrechen und den Zuschauer*innen Fußnoten zu geben, sie im besten Sinne zu Kompliz*innen zu machen. Auch Anke Stelling tut das in einigen ihrer Erzählungen.

Apropos Zuschauer*innen: Anke Stellings Kurzgeschichten sind – glaube ich – die ersten, in denen ich den ganz selbstverständlichen Einsatz eines gendernden Asterisks gelesen habe (in Sowohl als auch).

Diese Kurzgeschichten mahnen immer wieder, sie hätten uns doch gesagt, dass es so enden würde, das hätten wir doch wissen können und nicht denselben Fehler machen. Es wäre doch klar gewesen, dass wir uns an diesem Mensch wehtun würden, dass jetzt wir die nächste „Psychotische Ex“ von (zum Beispiel) Heiner werden würden. Gleichzeitig, obwohl das jetzt alles durchaus nicht fröhlich klingt, sind die Texte an vielen Stellen sehr, wie soll ich das sagen: Lustig? Nein, nochmal ohne Fragezeichen: Sie sind lustig. Zumindest ich musste immer wieder (auch) lachen.

Die Erzählungen in Grundlagenforschung versammeln viele Themen, Motive, Arten von Protagonist*innen, die man auch aus Anke Stellings Romanen kennt. Gerade deshalb sind sie hervorragend geeignet für:
1. Menschen, die Anke Stelling ohnehin schon gern lesen und
2. Menschen, die Anke Stelling noch nie gelesen haben.
Dabei lohnt es sich, den ganzen Band auf einmal zu lesen, quasi den Kopf durchs gesamte Panorama zu drehen, die vielen verschiedenen Seiten von ähnlichen Themen zu sehen, vom Versuch, irgendwie weiter- und klarzukommen.

Anke Stelling
Grundlagenforschung
Erzählungen
Verbrecher Verlag
2020 · 192 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
9783957324474

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