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Kritik

Mut zum Taumeln

Worauf man sich mit Ann Cottens „Lyophilia“ einlässt
Hamburg

Am Schluss kommt alles von selbst. Was man sich vorstellt, ist einfach da. Ohne Produktion. Keine Plackerei, keine Wartezeit, alles herrschaftsfrei. Man wünscht sich einfach, was man will. In Ann Cottens Erzählung „Proteus oder Die Häuser denen, die darin wohnen“, die längste in ihrem Band „Lyophilia“, wird gegen Ende eine merkwürdige Ad-hoc-Utopie beschrieben, ein Paralleluniversum, das die Protagonisten aus Versehen betreten. Zu tief sind Zlatko und Ganja in die berühmte Höhle von Postojna im slowenischen Karst eingedrungen. Und plötzlich sind sie da und kriegen Schnaps. Am Anfang der Erzählung hatten die beiden hier noch unter Stalagmiten fast religiös anmutenden Sex, während ahnungslose Touristen für ihr Geld das Gestein bewundern. Zlatko ist Ich-Erzähler, alkohol-affin und Saxofonist. Ganja ist eine erfolgreiche linke Politikerin, ehemalige Punk-Grande-Dame und Mutter von drei Kindern.

Zwischen dem ersten und zweiten Besuch, der Ur-Szene und der Wunschmaschine, liegen nun rund zweihundert Seiten poetisch-proteischer Taumel: aus der schlammigen Höhle in die europäische Regional-Realpolitik, das Festival-Wesen, Kneipen — und wieder zurück. Ganja ist in einer von Fotografen festgehaltenen Beziehung mit jemand, der Depp heißt. Und ein Sexroboter ist. Ihr Sohn Igor wiederum ist too cool for school, dealt, verführt Zlatko im Outfit eines Space Cowboys auf der Tanzfläche, schlägt sich mit ihm vorm Klo, fährt mit ihm ins wilde Versprechen Berlin. Und dann gibt es noch Xin, einen chinesischer Ginseng-Unternehmer, der vor seiner Zeit in Slowenien im Ruhrpott lebte, ein weiterer Liebhaber von Ganja wird und dessen Sprache durch ihre grammatischen Fehler eine eigentümliche Weisheit gewinnt. Und Lore Ipsum, eine Grafik-Designerin, die Zlatko sehr schlecht behandelt, wofür er immerhin geghostet wird.  

Zwischendurch erfährt man auch noch, dass der berühmte Hausbesetzer-Slogan „Die Häuser denen, die drin wohnen“ an ein Unternehmen verkauft wurde. Oder war das schon wieder in einer anderen Erzählung? Und was hat das jetzt mit „Lyophilia“ zu tun? So heißt der Hit von Zlatkos Band. Was wird gemocht, wenn man lyophil ist? Sich zu lösen. Und Lyophilisierung heißt zudem Gefriertrocknung. Damit kann man verderbliche Ware konservieren. In Cottens Buch hilft das Verfahren aber, um Zeitreisen unternehmen zu können. Dier Transvestni Electra Bregenz nutzt das beispielsweise, um ihren Eltern dabei zuzuschauen, wie die sie zeugen. „Dier Transvestni“ ist polnisches Gendering. „Alle für alle Geschlechter benötigten Buchstaben kommen in gefälliger Reihenfolge ans Wortende.“ Man gewöhnt sich beim Lesen dran und wird tendenziell etwas aufmerksamer. Electra Bregenz ist Teil des Lesekreises, der die Kernbelegschaft der zweiten längeren Erzählung „Amore (Kafun)“ ausmacht. Ein Lesekreis ist ein „konsequenzreiches Hobby“; Amore Kafun ist ein Asteroid in Privatbesitz; die Entwicklung der Lyophilisierung hat mit Oswald Wieners Bio-Adapter zu tun und Wilhelm Reichs Organon und Japans strengen Sitten …  und dann ist das ganze doch angekündigt als „Science-Fiction auf Hegel-Basis“? Können vielleicht die anderen, viel kürzeren Prosa-Texte wie die sprachphilosophische Unterhaltung „In einer Kneipe im All“ oder die „Putztruppenweisheiten“ übers Staubsaugen als Fortbewegung im Weltraum das alles erklären? Nein, weil der Prozess Resultat und das Resultat Teil des Prozesses ist.  

Also ist es vielleicht hilfreich, ein wenig auf Abstand zu gehen bzw. erstmal, den Schutzumschlag des Buchs abzunehmen und sich das Ölgemälde „Rückbau“ von Igor Trautschke, das ihn ziert, ein bisschen genauer anzuschauen. Dargestellt wird ein quaderförmiger grauer Bau mit etwas Gelb, Orange, Blau an der Fassade. Auf Stelzen steht er überm Grün. Zwei kleine Fließgewässer sind zu erkennen, die an Fahrbahnen erinnern. Dahinter Landschaft. Menschenleer. Auf der linken Seite des Gebäudes steht — anstelle eines Blurbs —: „Wir wollten besser sein, wollten uns aber gleichzeitig nicht ändern.“ Ist das eine Anspielung auf die Avenidas-Debatte? Vermutlich nicht. Vielmehr ist damit ein Grundkonflikt der meisten Figuren dieser 460 Seiten beschrieben. In diesem wilden Durcheinander von Ereignissen und Gedanken sind die Menschen stets in sehr komplexen Systemen unterwegs, in denen großspurige Gedanken — seien es komische Vorstellungen von Staaten oder sogenannte Selbst-Entwürfe — in Konflikt geraten mit einem gehetzten Leben, das beständig erneuernder Sehnsucht bedarf. Der Klappentext behauptet, die Erzählungen seien „wie ein Schuss ins Knie“. Und wie gesagt: Man taumelt durch diese Texte, denn es wartet überall eine Menge Umwelt, Mensch, Technik, Politik, Philosophie, was in Bezug gesetzt sein will, aber der Text liefert keinen falschen Kitt aus vorgegaukeltem Sinn. Man muss diese Bewegungsform annehmen und wird immer wieder Stellen finden, an denen man in den teils absurden Gesprächen und Szenen etwas versteht, wo das Durcheinander aufklart, Sprache schön und deutlich wird. Aber dann muss es trotzdem weitergehen. Sci-Fi auf Hegel-Basis meint vielleicht auch, den Fortschritt als Taumel zu zeigen, zu verunsichern, ob alle möglichen technischen Errungenschaften irgendwas bringen, wenn die Menschen oder Protagonistennie nicht mehr wissen, etwas mit sich anzufangen.

… und weil im Internet unbegrenzt Platz ist: Auf S. 83, am Anfang der Proteus-Erzählung zitiert Ganja am Telefon Zlatko das Gedicht „Bilder“ von Heiner Müller:

Bilder bedeuten alles im Anfang. Sind haltbar. Geräumig.
Aber die Träume gerinnen, werden Gestalt und Enttäuschung.

Schon den Himmel hält kein Bild mehr. Die Wolke, vom Flugzeug
Aus: ein Dampf der die Sicht nimmt. Der Kranich nur noch ein Vogel.
Der Kommunismus sogar, das Endbild, das immer erfrischte
Weil mit Blut gewaschen wieder und wieder, der Alltag
Zahlt ihn aus mit kleiner Münze, unglänzend, von Schweiß blind

Trümmer die großen Gedichte, wie Leiber, lange geliebt und
Nicht mehr gebraucht jetzt, am Weg der vielbrauchenden Gattung

Zwischen den Zeilen Gejammer auf Knochen der Steinträger glücklich
Denn das Schöne bedeutet das mögliche Ende der Schrecken.

Nach mehreren Anläufen scheint es mir die beste Zusammenfassung von dem zu sein, was in „Lyophilia“ vor sich geht.

Ann Cotten
Lyophilia
Suhrkamp
2019 · 463 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42869-6

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