Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Mosaik Literaturzeitschrift
x
Mosaik Literaturzeitschrift
Kritik

Horden von Kleingärtnern bauen mit Zäunen und Pancakes ihren Zirkus auf und verachten und verfolgen alle größer gedachten Lebensformen mit pathologischem Hass

Hamburg

Bei starfruit ist nach dem ähnlich persönlich gelagerten Bekennerschreiben Gerhard Falkners ein Essaybuch von Ann Cotten erschienen. Es trägt den Titel Fast dumm, nach einem Majakowski-Zitat, versammelt Texte von on the road. Cotten setzt damit das neuschweifende Schreiben von ihrem Japanbuch Jikiketsugaki Tsurezuregusa fort. In Fast dumm bereist sie die USA, außerdem zuvor Moskau und später Mexiko, auch Episoden aus Alteuropa finden sich ein. Der stärkste Teil ist die USA Behandlung. Die in Iowa geborene Cotten, seit vielen Jahren nicht wieder in Amerika gewesen, wie es heißt, setzt sich für ihre Verhältnisse superklar mit den abhanden gekommenen Verwandten, der Nation auf der anderen Seite, auseinander. Auf dem Rückumschlag heißt es "Was er nicht ertragen kann, / kann er nicht kapieren". Manchmal nennt sie ihn den Muppet Oger oder den Wischmopp. Doch es ist nicht nur die Auseinandersetzung mit der Akutness des "klimatisierten Alptraums" heute, sondern auch eine Selbstkonstitution der "veröffentlichenden Autorin" Cotten, die zu Konferenzen geladen, als Touristin erkundet, in Reflektionen sich fließen lässt. Das Buch, unterbrochen die Texte von Fotos, Schüssen milchiger Momente in Straßen, Felsen, Displays, am Strand, glänzt durch seine Offenheit, um nicht zu sagen seine Stimmung. Tatsächlich ist, abgesehen von einigen unzugänglicheren Texten, auch Übertragungen anderer LyrikerInnen (Lyrikerennni in Cottens eigener, polnisch adaptiertem Gendering in "gefälliger Reihenfolge"), ein Reiseflow, ein Unterwegssein in Auto und Flugzeug zu spüren, das Gelegenheit anbietet, mitgenommen zu werden. Eindrücke und Erlebnisse, private Analyse und Wertung verschließen sich nicht, Ann Cotten lässt den Außenblick auf Ann Cotten als Mensch unterwegs zu. Nicht sämtliche Sachen sitzen oder wollen unmittelbar einleuchten, doch speziell in besagtem USA Teil entwickelt der Text eine Sogwirkung, ein beinahes Reportagegefühl durch eine Korrespondentin in Guter Sache. Cotten spricht aus, findet vermittelnde Sprache, ohne oberflächlich zu geraten:

"Es fällt mir erst später ein, aber auf der Welt wird ja ganz unterschiedlich mit Immobilien umgegangen, und der Umgang spiegelt die Vorstellungen vom Leben und dessen dauerhafterem Weichbild. Die in den USA herrschende Akzeptanz eines Lebens in Schulden kommt natürlich daher, dass es ein Land der Existenzgründer ist, die sich mit Allmachtsfantasmen und Gründerideologien motiviert haben, oft sehr hart zu arbeiten und ein sehr hohes persönliches Risiko auf sich zu nehmen, oft auch mit bescheuerten Ideen, die nur mithilfe von Freunden durchgebracht werden können – die ganze Misere der Selbstbetrügerei und der ganze Heroismus des Just do it. Ein Leben als Arbeiter wird in diesem Gedankenaufbau nie als ein normales, brauchbares Lebensmodell angesehen, sondern immer nur als vorübergehende Durststre rechnet, am Ende sollten wenigstens genug fürs Begräbnis erwirtschaftet werden."

Vielleicht hat die USA unter anderem deswegen ein so starkes Drogenproblem, weil der einzige Schutzraum vor dieser sportlich-bedrohlichen Durchökonomisierung [...] der Rausch ist. Dort blüht das "so geht es nicht" auf in eine sprachlose, mysteriöse, selbstlose Tropenblume vom Sein."

Von New York über Washington nach Detroit, Kansas, Arizona, L.A. geht die Reise. Quer durch das riesige Land, dessen Distanzen problematisch sein können, Vermittlung und Dialog erschweren. "Es steckt voller Konflikte". Inmitten der Gedichte, unter anderem von Auden, Langston Hughes (darin die Zeile "And make America great again!"), Jordan Lee Schnee, auch einem Text von Grandmaster Flash, sowie Majakowski, Jessenin und weiteren sowie eigenen, schreibt Cotten, während in Washington:

"Die vielen Monumente des Kapitols zeigen sich im Caspar-David-Friedrich-Licht, gleich darauf gibt es einen Sonnenuntergang am Potomac River, der Prachtstücke klassischer US-amerikanischer Naturfotografie auf die Festplatte serviert. Ich kann die Vorstellung weißer, sanftstimmiger, graumelierter nice men, die Sachen reparieren können und gerne zelten und sensibel auf ihre Frauen eingehen, wenn man sie nur respektiert nicht mehr ertragen. Alles, was hier als gut gilt, hat eine ausschließende Komponente, die jedoch komplett verleugnet wird. Mit dem Rassismus ist es wie mit den meisten anderen Problemen in unserem gespenstischen Posthistoire: theoretisch herrscht Konsens, dass er abzuschaffen ist, jedoch laufen die Apparate weiter, die ihn aufrechterhalten. Und all diese Leute, die dagegen sprechen, aber ihr Leben nicht ändern, profitieren laufend davon."

Zäune in der Landschaft, der bible belt, Kirchen so häufig wie Häuser, die Gesetze, die trespassing mit Schusswaffenselbstjustiz ahnden, manipulative Plakate allgegenwärtig, Straßenschilder, die statt den Weg zu zeigen Sponsoren aus der Wirtschaft würdigen, die diese und jene Straßensauberhaltung finanzieren, öffentliche Verkehrsmittel gegen Null... die Liste ist lang und Cotten zählt sie gar nicht bewusst ab, um ein Bild in schwarzen Farben absichtlich zu malen, all die mindestens kritischen Alltäglichkeiten im US-Raum fließen natürlich in ihren beobachtenden, reflektierenden Wiedergabeschreibstil ein. Bisweilen wie ein Tagebuch von diesem und jenem gefüllt, ist der Alptraum in purer Masse aus hominidem Sozial- und Kulturverlust bzw. Mangel nichts weniger als arg. Fast dumm ist ein Protokoll. Direkt, ernst, drängend düster. Cotten resümiert:

"Wie muss man die Menschenentwertung bejahen um zu finden, dass Wasser und Sozialversicherung, Bildung und Obdach und Kommunikationsmittel nicht direkte Grundrechte sein sollen? Wenn diese Felder kollektiv wären, alle arbeiten müssten, alle einen Anteil bekämen – wenn das Wasser nach einem im Rat gerecht beschlossenen Schlüssel verteilt würde –, dann finge es von neuem an, dass sich manche drückten, nach Tricks, Auswegen und Gelegenheiten suchten, hierarchische Subkulturen aufzubauen. Die nämlich, deren Normalitätsgefühl von unverdienten Vorteilen geprägt ist. Sie werden nicht zufrieden sein, bis sie wieder oben sind."

Ann Cotten · Manfred Rothenberger (Hg.) · Institut für moderne Kunst Nürnberg (Hg.)
FAST DUMM / Essays von on the road
Fotografien: Ann Cotten, Marquis
starfruit publications
2017 · 248 Seiten mit 17 Farb- und 9 s/w-Abbildungen · 25,00 Euro
ISBN:
978-3-922895-32-9

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge