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Kritik

post post alles

Hamburg

„Das Bett ist nie gemacht“, verrät die Ich-Erzählerin gleich im zweiten Absatz. „Der Stoff ist nackt, gibt sich preis.“ Aha, aha: Konfession! „Living authobiography“! Zwei Seiten später folgt dann auch prompt der Verweis auf Tracey Emins „My Bed“ – allerdings ein bisschen anders als vermutet. Jetzt geht es nämlich um eine versiffte Matratze in einem Neuköllner Kellerclub als „intimer Ort für alle“. 20 Jahre sind vergangen seit Emins künstlerischem Selbstbekenntnis, das Internet ist passiert und unser Verständnis von Intimität hat sich grundlegend gewandelt.

Was Anna Gien und Marlene Stark hier erzählen, wirkt roh und direkt erlebt, doch wird die Authentizitätsvermutung schon allein durch den Kunstgriff der doppelten Autorschaft sofort wieder gebrochen – auch wenn die Biografien beider Autorinnen durchaus Parallelen zu der ihrer (Anti-)Heldin aufweisen.

Die titelgebende „M.“ ist DJ und Künstlerin, deren Karriere vor rund zehn Jahren kurz durchstartete und dann sehr schnell absoff. Sie ist noch immer Teil der Kunstszene, doch ihr eigener Beitrag (irgendwas mit Nail Art als Volkskunst) bleibt eher im Hintergrund. Hauptsächlich geht es darum, wie sie betrunken/bekifft/zugekokst durchs Berliner Nachtleben stolpert, in Underground-Bars und auf Ausstellungs-Afterparties auflegt und sehr viel Sex mit sehr vielen Leuten hat. „Die Kunststudentinnen tippeln ein bisschen hin und her, recken die Arme in die Luft und performen dabei so etwas wie zahmgekämmten Exzess“, beobachtet sie, mit einer in Anbetracht ihres Dauerzugedröhntseins erstaunlich mitleidslosen Präzision. Unweigerlich fragt man sich: Ist das, was M. performt, dann also der echte Exzess?

Tatsächlich durchzieht das Buch ein abgeklärter Ennui, der dem Exzess und dem „Echten“ diametral entgegenzustehen scheint. Inhalte spielen letztendlich keine Rolle („Die Kunst, die er verkauft, ist post post alles.“); es geht vielmehr darum, dass sich besagter Galerist insgeheim danach sehnt, von M. mit einem Strap-on in den Arsch gefickt zu werden. Wird hier also lediglich wieder einmal die legendäre Verruchtheit Berlins plus die eigene Kaputtheit gefeiert?

Immer wenn einen die nie endende Orgie zu langweilen beginnt, entlarvt sie sich als „fast mechanisch: Ein Programm, das sich selbst beibringt, soziale Kompatibilität in Datenpools sexueller Erfahrung einzuspeisen, aus denen neues Verhalten konfiguriert wird, eine Ressource für die Optimierung künstlicher Intelligenz.“ Und das ist dann schon wieder ziemlich clever: Die vermeintlich jeder Verwertungslogik Entzogenen als unbezahlte Clickworker einer höheren Macht. In luziden Momenten ist sich M. der Kommerzialisierung ihrer Lust, der Unmöglichkeit, aus einer konsumfreundlich kanalisierten Sprache des Begehrens auszubrechen, durchaus bewusst. Diese Überlegung kulminiert beispielweise in einer Reflektion über die Metadaten der im Sexchat verschickten Bilder, jene „klebrige Verbindung zwischen mir und dem analogen Schwanz am anderen Ende des Glasfaserkabels“, in der sich das ganze Versprechen und der ganze Schrecken der Vernetzung offenbart. Die verzweifelte Anstrengung, stets off-off-off zu sein („Kein Eintrag auf Google Maps, keine Sterne, keine einzige verfickte Rezension auf Tripadvisor.“) entpuppt sich als Illusion, die vermeintliche Entgrenztheit der eigenen Gelüste als „gemütliche Sexbubble“, die vielleicht genauso „schmerzhaft konventionell“ ist wie die Werte und Ziele ihrer Familie, die M. über Weihnachten in der bayrischen Provinz besucht. Bezeichnenderweise ist dies dann auch das Kapitel, in dem man M. am nächsten kommt, nicht nur weil ihre Coolness ein Stück weit bröckelt, sondern v.a. weil die wechselseitigen Abgrenzungen der auf den ersten Blick konträren Lebenswelten im zweiten Moment hilflos und beinahe austauschbar wirken. „Die Wiederholung ist ein Mantra, an das wir uns klammern“, konstatiert M. gegen Ende, und das gilt für die ritualisierten Akte im Porno ebenso wie für einen durch Kinder und/oder Bürojob getakteten Alltag.

Schade, dass diese tastenden Eingeständnisse unterzugehen drohen in einer Überlast an slogan-tauglichen Setzungen, die zwar im ersten Moment den richtigen Nerv zwischen akademisch-durchdacht und straßentauglich-abgeranzt treffen, letztendlich aber leere Behauptungen bleiben („Wir arbeiten uns an uns selbst ab, nicht an den Strukturen.“). Bisweilen lesen sich solche Passagen wie eine Kolumne in einem angesagten Lifestyle-Magazin, die nach größtmöglicher Verdichtung von Pointen auf engstem Raum schreit. „Die Kritik schreibst du dir einfach auf dein T-Shirt, dann machen wir die Depression zur Ikone und dümpeln glücklich in den pastellfarbenen Sombrerogalaxien der Kaufkunst dahin.“ Oder: „Die Soho House Membership Card ist das letzte Gran Exklusivität, das den Exilmünchnern geblieben ist, und selbst dort rennen die gestriegelten Fitnessapp-Neureichen der Kreativnoblesse die mahagoniverkleidete Bude ein.“ Wer hier schmunzelt, darf sich als ironisch-distanzierter Eingeweihter fühlen – Empathie oder gar (Selbst-)Erkenntnis perlt an den glattgeschliffenen Aperçus jedoch ab.

Das im Klappentext angekündigte „Protokoll einer Ermächtigung“ indes versteckt sich eher zwischen den Zeilen. Eine merkliche Figurenentwicklung findet nicht statt, dafür immer wieder eine spielerische Umkehr der Geschlechterrollen, die mit dem „male gaze“ bricht und das „phallische Weib“ zelebriert. Arrivierte Galeristen anal zu penetrieren reicht M. schon bald nicht mehr aus – sie  geht noch einen Schritt weiter. „Nicht mehr selber ficken. Ficken lassen.“ M. ernennt sich selbst zur „Sexgruppenleiterin“, arrangiert und überwacht Treffen, schickt ihren Lieblingsschwanz auf Reisen. „Eine neue Prothese, die ich mir nicht mehr umschnallen muss.“ Aber bedeutet das Streben nach totaler Kontrolle bei gleichzeitigem Rückzug in die Unberührbarkeit wirklich einen Zuwachs an Macht? Und wie feministisch ist es, als Frau alle Menschen in der näheren Umgebung zu „potentieller Beute“ zu erklären? Sicher, die „gemütliche Sexububble“ dehnt sich auf ungeahnte Weise: Es ist jetzt nicht nur möglich, per Doppelklick bestimmte Settings und Praktiken zu wählen, sondern sogar die Protagonistin_innen seiner intimsten Fantasien zu bestimmen. Was bleibt, ist die marktförmige Ausdifferenzierung der eigenen Perversionen. Sichtlich verändert geht M. aus dem Experiment nicht hervor.

Anna Gien · Marlene Stark
M
Matthes & Seitz
2019 · 248 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-694-1

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