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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Trips im Trip

Hamburg

Der letzte Roman Anna Kavans, Eis, soeben bei Diaphanes erschienen, ist ein rätselhaftes, fast unzugängliches Stück Text. Die ihr Leben lang mit Depressionen, Sucht und seltsamen Beziehungen operierende Kavan hat in Eis möglicherweise einem psychischen Zustand literarisch Gestalt verschafft, ohne dies vielleicht vordergründig zu wollen. Denn vordergründig scheint Eis eine Sci-Fi-Sache zu sein, nicht einmal besonders originell, bei der ein männlicher Erzähler nach der Frau aus Glas sucht. Das Ganze in einer schon zerstörten bzw. fast völlig zerstörten Welt, die nicht aus ihrer Abwärtsspirale kann und sich nicht nur in Kriegen selbst auslöscht, sondern zudem von einem umgekehrten Klimawandel heimgesucht wird im Sinne von Winter’s coming.

Das Entscheidende ist der Sprung in der Realität. Der Erzähler handelt aus einer fast aberwitzigen Realitätswahrnehmung heraus, die so para-logisch ist, wie sie sich Kavan eben hinbiegt, beziehungsweise vielleicht selbst halluziniert hat. Alles wirkt wie in einem Parcours an seinen Plätzen erstarrt, nur um in dem Moment, wo wieder eine Frau im Mantel das Interesse des als „Spion“ offiziell tätigen Erzählers weckt, zum Leben zu erwachen, ein knapp geschildertes Schlachtfeld vollspritzt - Schnitt - ___STEADY_PAYWALL___in einem Hotelzimmer sich zu streiten - Schnitt - ein Drachenopfer in einem polaren Fjord zu begehen - Schnitt - zum Hohen Haus vorgelassen zu werden - Schnitt - zu telefonieren, dann wieder in Starre zu verfallen.

Beinahe dumpf reiht Kavan Satz an Satz aneinander, hart, verhärmt, ohne Lust oder Muße an irgendeiner Stelle literarische Tiefenmittel oder sonst welche Kniffe einzusetzen. Faszinierend, wie sich gerade so, und auch erst mit der Zeit, ein vollkommen eigenwilliger Stream aufbaut. Wie er deprimiert, ohne es herauszufordern, wie er jenseitig herüberscheint. Ab und zu stechen einzelne Sätze heraus, die erhellend wirken, gewissermaßen dem storymäßigen Realitätsverlust in dieser „Landschaft aus Nylon / auf eigentümliche Weise schien die Unwirklichkeit der Außenwelt eine Erweiterung meines eigenen wirren Geisteszustandes zu sein“ kurz abschwören, und einen möglichen autobiographischen Status verzeichnen.

Ich fühlte mich derealisiert.

[...] Das Pfeifen einer Lokomotive [...] es erinnerte mich an ein ausrangiertes Filmset [...] Es war kaum zu glauben, dass die Station tatsächlich im Betrieb war, dass irgendetwas tatsächlich funktionierte. Ich spürte das Ungewisse der Realität in meiner Umgebung und in mir selbst. Was ich sah, hatte keinen Bestand, alles war aus Dunst und Nylon, nichts war dahinter.

[...] Sehr früh am Morgen, als ich noch schlief, stand sie auf und ging zum Blumenmarkt, war zur Frühstückszeit mit einer frischen Nelke wieder da, strahlend, fröhlich, voller Leben, noch hübscher als im Dunkeln. Ich wollte sie bei mir behalten, durch sie in der Gegenwart Fuß fassen, doch sie sagte: „Nein, ich muss jetzt gehen, ich muss meine Arbeit machen“, lächelte auf freundlichste Weise und versprach mir, abends mit mir zu tanzen. Ich sah sie nie wieder.

Neben diesen Beschreibungen einer Glasmädchen-Sucht sind es die ungerührten Brutalitäten der zwischen Mittelalter und Zukunft angesiedelten Scharmützel, die das Seltsame, Präsente von Eis ausmachen, ihn auch als einen Vorgänger zumindest ähnlich gelagerter Extrempositionen wie Pierre Guyotats Flows ausweisen. Das Original erschien 1967 praktisch direkt mit Kavans Tod und übt bis heute nicht unerheblichen Einfluss in verschiedenste Richtungen aus. Es ist so offen, wie es scheinbar verschlossen ist. Dieses Buch ist, was es macht. Es negiert, bis auf sein Sci-Fi-Pastiche, bisherige Formen von Narration, kann zu Recht als fragil-kantiges Romanexperiment durchgehen. Eine frostige Leseerfahrung im ganzen Wortsinn. Denn in Kavans Eis-Welt besteht alles aus Folgen von Verfolgung, Aggression, Unterdrückung und Unklarheit. Nicht nur die Umgebung ist feindlich, weiß, vereist, fortschreitend, die Menschen sind es erst recht. Symbolisch wie empfunden.

Sie musste sich weiterquälen, auf das Verhängnis zu, das sie unwiderstehlich anzog. Systematische Schikane und Misshandlung, wenn sie völlig wehrlos war, hatte ihre Persönlichkeit deformiert, sie zum Opfer gemacht, der Zerstörung anheimgestellt [...] Die ihr zugefügten bleibenden Verletzungen hatten ihr Schicksal seit langem besiegelt.

Auf dem Weg zur „Erfüllung“ jenes Schicksals bleibt nichts erspart, das Ende ist in Sicht, es ist nicht hier, zu Erden, die verdammt ist. Fast epitomatisch das Schlussbild der beiden im (noch) warmen Auto auf der road to..., später geklaut in der Endeinstellung von The Thing:

Die Welt schien bereits ans Ende gekommen zu sein. Es spielte keine Rolle. Unsere Welt war jetzt der Wagen; ein kleines, helles geheiztes Zimmer; unser Zuhause im ungeheuren, gleichgültigen, eisigen All. Um die von unseren Körpern erzeugte Wärme zu erhalten, drängten wir uns dicht aneinander. Sie wirkte nicht mehr angespannt oder argwöhnisch, lehnte sich an meine Schulter.

Anna Kavan
Eis
Übersetzung:
Silvia Morawetz und Werner Schmitz
Diaphanes
2020 · 184 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3035801354

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