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Pedrina - Die Pute, die ein Pfau sein wollte / la perua quer quería ser pavo real
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Pedrina - Die Pute, die ein Pfau sein wollte / la perua quer quería ser pavo real
Kritik

Marotten

Hamburg

Anna Ospelt hat bislang verstreut Kurzgeschichten und Gedichte publiziert. Ihre Liebe zur Recherche offenbarte die 1987 in Vaduz geborene Autorin bereits in im Jahr 2015 erschienen Band „Sammelglück“, in dem sie 10 ausgewählte Sammlerinnen und Sammler aus Liechtenstein vorstellte. Nun legt sie mit „Wurzelstudien“ ihr literarisches Prosadebüt im Limmat Verlag vor, ein Buch, das keine Gattungsbezeichnung trägt und auch, anders als der Titel vielleicht vermuten lässt, keine wissenschaftliche Abhandlung enthält, sondern eine Art Tagebuch einer Aneignung ist in Form einer poetischen Forschungsreise, einer Reise mit Baumblättern, vor allem aber mit und zu Wurzeln, pflanzlichen, historischen und menschlichen.

Das Buch ist gegliedert in vier Kapitel, die als Mappe I bis IV bezeichnet sind, zwei dazwischen eingeschobene Kapitel, die die Titel „Loses Blatt zwischen den Mappen“ und „Schnipsel zwischen den Seiten“ tragen, und eine Rahmenhandlung in Form eines Pro- und Epilogs, die die Herkunft dieser Mappen fiktionalisieren. Denn es seien Fundstücke, die die Ich-Person beim Eindringen in einen verfallenden Pferdestall ___STEADY_PAYWALL___gesehen und an sich genommen habe. Diese Ich-Erzählerin kann als weitgehend ident mit dem Ich der Autorin angesehen werden, die mit ihrer Hinwendung zu Wurzeln ihr Interesse an dem offenbart, was versteckt unter Oberflächen ruht, wächst und wuchert. Von Beginn an zeigt sie eine akribische Hinwendung zur Pflanzenwelt, als sie festhält, dass sie am 29. April 2017 „eine Stunde lang“ den Frühjahrsschnee von Laubbäumen schüttelte, auch die Kräuter „habe ich abgepinselt“. Die Vorgehensweise weist auf eine Biologin und Archäologin hin, die leidenschaftlich hegt, forscht und sammelt, Stück für Stück, Fragment für Fragment.

Mappe I ist die umfangreichste und enthält die literarisch überzeugend gestalteten Ergebnisse einer Recherche zum 1892 in Hamburg geborenen Verleger Henry Goverts, der im März 1945 wegen seiner Verbindung zur Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis nach Liechtenstein fliehen musste und 1988 in Vaduz starb. Der Name „Goverts“ ist für Ospelt von Kindheit an präsent, denn

:[a]uf dem Grund der abgerissenen Govertsvilla bin ich aufgewachsen. ... Wer war wohl dieser Henry Goverts, der auf die gleiche Hängebuche blickte wie ich meine ganze Kindheit hindurch?

Nebenbei stellt sich heraus, dass Goverts wie die Autorin Gedichte schrieb, sogar „Verfasser einiger Gedichtbändchen“ war und dass er wie die Autorin Soziologie studierte. Am Anfang ihrer Auseinandersetzung stehen Erinnerungen, auch Betrachtungen, die gelegentlich etwas überspannt anmuten.

Die Hängebuche in Henry Goverts Garten
ist die Hängebuche im Garten seiner Eltern
ist die Hängebuche im Garten meiner Eltern
ist die Hängebuche Henry Coverts
ist Henry Coverts.

Nun beginnt eine Aneignung in Form eines Stalking post mortem. Sie pflückt Blätter der Hängebuche, betrachtet durch das Skelett eines teilverwesten Blatts hindurch die Welt wie durch seine Augen, geht Waldwege in Vaduz ab, auf denen auch er einst wandelte, stets mit einem Hängebuchenblatt in der Hand, als würde sie mit ihm Hand in Hand gehen. Später reist sie mit einem Blatt des Baums an Orte, die mit Goverts verbunden waren, das Berliner Gymnasium, an dem er maturierte, wo sie sich als Urenkelin vorstellt, das Deutsche Theater, an dem er 1918 Regievolontär bei Max Reinhardt war, sucht nach ehemaligen Weggefährten, forscht in seinem Bibliotheksnachlass in Vaduz, liest seine Briefe und Gedichte. Sie fährt auch in seine Geburtsstadt Hamburg, sucht seine früheren Wohnadressen auf, wird bei ihren Nachforschungen im Staatsarchiv „versehentlich“ unter dem Namen Goverts registriert. Diesem literarischen Erzählprotokoll fügt die Autorin verschiedenste Stimmen hinzu, ausgewählte Zitate und Aussagen von ihm selbst sowie einigen seiner Bekannten und Wegbegleiter, etwa Carl Zuckmayer. Und so setzt sich aus den vielen Puzzleteilen allmählich eine Biografie Henry Goverts zusammen, die einige wesentliche Aspekte beleuchtet und manche Leerstelle lässt.

In der eher dünnen Mappe II geht die Autorin den Spuren der eigenen Familie, ehemaligen Besitzern einer Gerberei, und damit dem eigenen Stammbaum nach.

Ich stehe am Grab meiner Großeltern und schlage Wurzeln. Sie reichen hinab und versuchen, hinabzudringen, Eingang in die Geschichten zu finden.

Sie konstatiert in ihrer fast zwanghaften pflanzlichen Aneignung, dass man aus den Buchstaben ihres Namens Anna Barbara Ospelt weder die Namen Baum noch Stamm schreiben kann, entdeckt aber, dass das Wort „Arbor, lateinisch für Baum“ in ihrem Namen steckt.

Ganz anders wiederum imponiert die Sammlung von Mappe III, in der es um Anschauung bzw. Betrachtungen und um zum Teil paradoxe Wahrnehmungen geht, die miteinander verknüpft und gelegentlich aphoristisch zugespitzt sind. Es ist eine Fülle kleiner Geschichten, Notate und Anmerkungen, „Konnexion“ genannt, die menschlichen Begegnungen und Lektüren, Zahnwurzeln und Wurzeln von Hyazinthen und Hortensien in den Mittelpunkt stellen, von aus der Erde gerückten Stolperwurzeln, rhizomatisch wurzelnden Stammbäumen, invasiven Neophyten und der Tatsache erzählen, dass zur „freien Ortsbewegung nur wenige Pflanzen befähigt“ sind, weil sie mit ihren Wurzeln fest im Boden verankert sind. Zugleich tritt der Wunsch nach einer Metamorphose immer stärker in den Vordergrund, der Verwandlung in eine Pflanze, die manchmal konkret scheint, wenn es heißt ...

Neuerdings hinterlasse ich Blätter, Erde und Nadeln in der Dusche.

... was der Wunschphantasie eines Augenblicks entspringt, (vielleicht auch nur Folge von Gartenarbeit oder einer Nacht im Freien ist), der die nächste Konnexion entgegensteht:

Ich möchte kein Baum werden, ich möchte ein Baum werden wollen.
Ich möchte daher poetisch ein Baum werden wollen, ...

ein Baum also, der seine Wurzeln im Mund trägt, einer, der auf Papier wurzelt. Oder wenigstens eine Pflanze wie Efeu mit ihrem „besonders aggressiven“ Rhizom. Und so wird die Ich-Figur in Mappe 3 schließlich zu jener „Ivy wie Efeu“, die als Romanfigur „Ivy Blum“ zum Zentrum von Mappe IV wird. Dieses Kapitel enthält ein Exposé zu einem Werk mit dem Arbeitstitel „Lilienstein“ mit Textprobe, inhaltlichem Konzept und Charakterisierung der Akteure. Nun könnte man zwar rätseln, was die Autorin damit bezweckte, und ja, man kann Dr. Google beiziehen und den Begriff Lilienstein eingeben, doch fehlt ob der vielen Vielleichts die Ambition, denn nach den drei vorgehenden Mappen enttäuscht diese Ansammlung von Sätzen.

Ergänzt werden die Texte von Amateurfotografien, die die Autorin während ihrer Streifzüge und Experimente machte. Eindrücklich sind besonders jene Motive, die Mensch und Pflanzenteile gegenüberstellen und Ähnlichkeiten herausgreifen, etwa der Vergleich einer Blattäderung mit den Venen des menschlichen Unterarms oder ein Fingerabdruck der Autorin, „meine Maserung“, die an die Jahresringe von Baumstämmen denken lässt.

Anna Ospelt
Wurzelstudien
Stipendium der Stiftung Nantesbuch im Rahmen des Deutschen Preises für Nature Writing
Limmat Verlag
2020 · 128 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-85791-893-3

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