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Kritik

„Ich weiß nicht, wer ich bin“

Anna Stern gibt dem Leser in ihrem Roman „Schneestill“ Rätsel auf.
Hamburg

Der Ethnologie-Student Roel spendiert in einem Bistro dem verfrorenen Mädchen Théa einen Tee, denn er glaubt, sie könne sich selbst kein Getränk leisten. Später stellt sich heraus, dass sie in einem durchaus bürgerlichen Haus wohnt und keinesfalls aus armen Verhältnissen stammt. Aber das ist nur eines der Rätsel, die den gesamten Roman durchziehen.

Roel durchlebt gerade eine „Halt- und Schwerelosigkeit“, vielleicht weil er mit seinem Studium nicht zu Ende kommt oder mit Beziehungen wenig Glück zu haben scheint, so genau weiß man das nicht, jedenfalls fühlt er sich von Beginn an zu der geheimnisvollen Théa hingezogen. Die, so erfährt er - und somit der Leser – kurz darauf, die Mörderin von zwei kleinen Kindern sein soll und gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war. In dem Bistro, hat sie ihm heimlich einen in Origami-Art gefalteten Schwan zugesteckt, so dass er sich fragt:

Kann jemand, der in Sekundenschnelle solch wundersame Dinge faltet, eine Mörderin sein? Die Welt belügen? Wer ist sie wirklich, welche Geheimnisse hat sie zu verbergen? Habe ich mich täuschen lassen? Hätte ich früher erkennen können, wer sie ist?

Roel sucht und findet Théa in dem Haus ihrer Eltern, das mit einem Labyrinth von Regalen, Nischen, Irrgarten und höhlenartigen Verstecken ihm ebenso geheimnisvoll erscheint wie seine Bewohner.

„Verzaubert hielt Roel inne und betrachtete die geheimnisvolle Welt, die sich vor ihm auftat. Wie magisch wurde er von den Bücherregalen angezogen.“

Er verbringt mehrere Stunden bei Théa, die ihm ihre Version der Geschichte des Mordes erzählt. Das alles ist in einem langen Dialog beschrieben, Théa erzählt, Roel gibt die Stichwörter:

ich würde gerne wissen, was damals wirklich passiert ist. Du weißt schon, mit Pauline und Antonie. Warum mussten sie sterben und welche Rolle hast du dabei gespielt?“

Nicht sie, sondern Marlise, die Mutter der Kinder, habe diese umgebracht, sagt Théa, wobei der Giftanschlag ihr gegolten habe. Marlise, die Tochter einer Hausangestellten, gehörte praktisch zur Familie, entwickelte sich aber trotz Fürsorge von Théas Eltern negativ, zeigte sich wenig dankbar und war eines Tages verschwunden. Roel glaubt Théa oder glaubt ihr nicht, immer abwechselt formuliert er seine Zweifel laut oder behält sie für sich.

„Was tue ich hier? Wie komme ich wieder raus? Warum bin ich nicht einfach daheim geblieben? Warum mussten Pauline und Antonie sterben? Hat Théa die beiden getötet?“

Er ist hin- und hergerissen, fühlt sich von ihr angezogen, von ihren Augen, die mit bodenlos und unheimlich konnotiert werden.
So wie Roel sich nicht für eine Empfindung entscheiden kann, so wechselhaft wird auch Théas Stimmung beschrieben. Wie und wer sie wirklich ist, erfahren weder Roel noch der Leser, nicht einmal ihr Name ist eindeutig.

Du darfst mich natürlich Théa nennen. Oder Liz – oder auch Violette, wenn dir das besser gefällt. Mir egal… spielt keine Rolle. Es sind Namen, nichts weiter, und es gibt so viele davon!

Obwohl im letzten Teil des Romans der Mord an den Kindern noch einmal aus einer anderen Perspektive angesprochen und Théas Geschichte indirekt bestätigt wird, bleibt der Leser mit einer gewissen Unsicherheit zurück.
Dass dies die Absicht der jungen Autorin (Jahrgang 1990) ist, zeigen schon die Sätze auf dem Cover:

Ich weiß nicht, wer ich bin, und nicht, was ich morgen sein möchte, aber soll ich dir sagen, was das Schöne daran ist? Solange ich mich nicht entschieden habe, solange ich es selbst nicht weiß, kann ich sein und werden, was ich will, ich kann alles und nichts sein oder ich kann mich dafür entscheiden, gar nie mehr etwas zu sein, verstehst du? 

Ob der Leser das versteht, muss er selbst entscheiden.

Anna Stern
Schneestill
Salis
2014 · 240 Seiten · 24,95 Euro
ISBN:
978-3-906195-17-9

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