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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Zerinnern

Hamburg

So ziemlich alle „Regeln“ bricht Anne Carson in ihrem neuübersetzten (Marie Luise Knott) Gedichtband Irdischer Durst. Und zwar nicht primär sprachliche, sondern zuvorderst kompositorische. Carson montiert, springt und verbiegt die Genres zu völlig unvorhergesehenen Wirkungen. Wie in den 60ern der Begriff Film-Essay irgendwann auftauchte, der das inhaltliche Verwenden von Schnitt und Bild in den Vordergrund rückte statt eines „erzählerischen Abspielens“, könnte man Carsons Lyrik als Gedicht-Essays bezeichnen. Immer wieder drängt das „klassisch Gedichtete“ per Schnitt sich hinein, wirkt irgendwo fast wie ein Zitat aus Zeiten, in den „Dichtung“ noch möglich gewesen, um im nächsten Abschnitt von ___STEADY_PAYWALL___fingierten Interviews mit der antiken Fragment-Quelle (Mimnermos) abgelöst zu werden, natürlich erst nach einem prä-interpretatorischen Nachwort.

Fr. 8

Denn der Sonne Los ist Mühsal alle Tage
                Er schaut auf den Mythos.
Schau: jeden Knochen jeden Himmel jeden Tag jedes Du hinauf –
     Er geht zur Arbeit Seinen
Weg die blauen Ohrläppchen des Ozeans hinauf geht er
     rosenplötzlich ausgesandt von jemands
schon morgen er geht Sein tagseitig goldwärts geneigtes Bett
     reiten er streift dahin
über Schlafländer von West nach Ost bis plötzlich
     rosengestoppt jemands
schon frühmorgens den Uhrrücken öffnet. Er
     tritt hinein.

[...]

Wie Sex ist Licht erst dann eine Frage, wenn du im Finstern stehst. Mimnermos gibt keine Antwort. Sondern (denn er ist schließlich ein Forscher) eine Auslegung: „ein lahmer Mann kennt den Sexakt am besten“.

Carsons Montagen und Experimente weisen auf geniale Weise weit über den bloßen Stoff hinaus („Gerissen“). Sie sind es, die dürsten. Ihr Mimnermos, mit allen freudianischen Wassern getauft, erinnert sich: „Geheimnisse bewahren mich davor mich aufzulösen.“

Sie montiert und arrangiert Wissen. Enzyklopädisches Wissen. Kuratierte Museen zwischen Buchdeckeln. In ihren darauf folgenden miniaturartigen Prosagedichten geht Carson verschiedenen „Übers“ nach:

Über Haupt und Neben

Zu den Hauptsachen gehören Wind, das Böse, ein gutes Schlachtross, Präpositionen, unerschöpfliche Liebe, die Art der Königswahl. Zu den Nebensachen zählen Schmutz, die Namen philosophischer Schulen, in Stimmung sein oder ohne, Pünktlichkeit. Alles in allem gibt es mehr Hauptsachen als Nebensachen, dennoch gibt es mehr Nebensachen, als ich hier notiert habe, aber sie aufzulisten entmutigt. Wenn ich mir vorstelle, wie du das hier liest, möchte ich nicht, dass es dich gefangen nimmt und du von deinem eigenen Leben abgetrennt wirst durch einen glasbespickten Maschendrahtzaun, grad wie Elektra.

In der Canicula di Anna deckt Carson eine Anna / Anne (?) im Werk des Perugino auf, des bedeutendsten Malers Umbriens, aus Perugia – einer Stadt, die sich durch eine Stadt unter der Stadt, in der Felsrocca, auszeichnet. Sozusagen eine Unterwelt mit Straßen und Häusern, aber ohne Himmel. Dies ist das formal „klassischste“ Gedicht in Irdischer Durst. Versehen mit kommentierenden Bemerkungen: „Nun, wir sind Gegenstände in einem Wind, der sich gelegt hat, so sehe ich das.“

28

In der Fluchtlinie
eines Bartes
und den sich bewegenden Lippen
eines anderen Mannes
beobachte ich sie.
Täuschen wir uns nicht
über die Freiheit.
Eine Linie an und für sich erkennt man nicht.
Einen Pinselstrich ohne Farbe
gibt es nicht.
Aber die dreidimensionalen
blauen Knubbel
auf Annas Armen
sind eine vom Maler geschaffene Illusion.

Der Band schließt mit einem Inventar der Städte, arrangiert mit Barrikaden aus Zeichen gegen den einfachen Fluss. Das Leben der Städte, das aus Perugia herausführt in eine weitere Welt des (akademischen) Wissens. Anne Carsons Mahlen, Rollen, Spülen von Wissen zu neuen, dabei unaufdringlichen, Textgebilden so frei wie flexibel-entspannt, kommt zu einem knapp bemessenen Ende mit der:

Ein-Mann-Stadt

Magritte-Wetter heute sagte Max.
Ernst und schlug den Kopf an einen Findling.

Zuvor sind verschiedene Arten und Weisen entdeckt worden, dem Lebekörper Stadt einen Sprachkörper beizugesellen. Gedicht-Porträts gefertigt aus Gefundenem und Erfundenem. Carson ist eine Situationistin der Ansprache. Irdischer Dunst ein stets überraschender Besuch.

Entgegenwärtigungsstadt

Ich hörte dich hinter mir her.
Wie ein Löwe über Fahnenstangen und.
Einmal spürte ich die ganze Straße entlang.
Die Gebäude wanken und ich.
Kauerte mich klein auf die Hacken.
Mitten im Raum.
Und starrte.
Dann öffnete ich meine Wundnaht.
Und du gingst vorüber.

Anne Carson
Irdischer Durst
Übersetzung:
Marie Luise Knott
Matthes und Seitz Berlin
2020 · 120 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-962-1

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