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Kritik

coup de foudre

Hamburg

An einem Nachmittag im November wird in der kleinen südfranzösischen Gemeinde mit dem sprechenden Namen Dieulefit, „auf Deutsch Gott-hats-gemacht“, ein Dokumentarfilm mit Untertiteln gezeigt. Bei der anschließenden Diskussion sitzt die Autorin und Übersetzerin Anne Weber oben auf dem Podium und Annette mit ihrer „extrem unimposanten Größe von einssechzig“ ist im Publikum.

Annette ergreift das Wort, wie es so
heißt, das Wort greift über, dehnt sich aus,
und eine, die dort oben sitzt, so eine dieser
großen ernsten Deutschen, schaut Annette an,
als hätte sie gemerkt, dass sie am besten mal
die Klappe hält.

Es ist nicht irgendein Film, sondern die Dokumentation „2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“ von Malte Ludin (geb. 1942), eine Auseinandersetzung mit seinem Vater, zugleich seine Annäherung an eine Tätergeschichte. Hanns Ludin, der sich möglicherweise selbst als Held sah, gehörte zum Führungskreis der SA und war ab 1941 für die Verfolgung slowakischer Juden und deren Deportation verantwortlich. 1947 wurde der Kriegsverbrecher zum Tod verurteilt und hingerichtet.

Annette hingegen, die eigentlich Anne Beaumanoir heißt, was in etlichen Jahren ihres langen Lebens auch nur „einer ihrer Namen“ war, Anne also, die am 30.10.1923 in der Bretagne geboren und von allen Annette genannt wird, ist das Gegenteil dieses Hanns Ludin. Denn sie ist eine der Aufrechten, die während der Naziokkupation Frankreichs Widerstand leistet und Leben rettet. Anne Weber erlebt die erste Begegnung mit ihrer Namensvetterin als eine Art „coup de foudre“, was „in anderen Zusammenhängen“ wohl „vom Liebesblitz getroffen hieße“, wie sie schreibt. Beim Diner nach der Diskussion sitzt die große, ernste Deutsche neben der sehr kleinen, hochbetagten Frau und hört die Kurzfassung von deren Geschichte. Es folgen weitere Begegnungen, nach denen „[w]ie in der Dunkelkammer / langsam Konturen aus dem Nichts aufsteigen“ und Weber sich über das Hören und Nachvollziehen ans Begreifen herantastet. Recherchen später legt sie nun dieses Buch vor, das nicht allein die Erinnerungen dieser Frau chronologisch nachvollzieht, sondern in dem die Autorin immer auch stimmig Teil hat, grundlegende Sympathie zeigt, Anteil nimmt als Berichtende, Hinterfragende und Kommentierende der Geschehnisse, ohne dabei jemals die Ich-Perspektive einzunehmen.

Annettes Geschichte ist bewegt. Sie durchlebt eine unbeschwerte, von Toleranz geprägte Kindheit und träumt von einem Sozialismus, der „ein echtes brüderliches Land, in dem die Menschen ihren Reichtum teilen und gemeinschaftlich verwalten“ anstrebt. Als sie siebzehn ist, beginnt der 2. Weltkrieg. Sie rutscht in die Arbeit im Widerstand, „fängt klein an“, als sie für einen Kriegsgefangenen auf dessen Ersuchen Päckchen transportiert. Dabei bleibt es nicht.

Denn wie das meiste
ist auch das Widerstehen anders, als man es sich
denkt, nämlich kein einmaliger Entschluss,
kein klarer, sondern ein unmerklich langsames
Hineingeraten in etwas, wovon man
keine Ahnung hat. ... Sie lernt, dass
Angst was ist, was überwunden werden kann.

Dieses Hineingeraten, das zuweilen ein Hineinstolpern ist, prägt das widerständige Leben der Anne Beaumanoir, die instinktiv, „ohne viel nachzudenken weiß, was sie jetzt tun muss und was richtig ist“. Halbherzig beginnt sie Medizin zu studieren, während sie „ganzherzig von Opfern und von Heldentaten“ träumt. Sie ist Fahrradbotin, trägt Pakete aus, verteilt Flugblätter. Und sie lernt ihre einzige große Liebe kennen, Roland, ein „Jude deutscher Herkunft“, der eigentlich Rainer heißt und sie zu einer kommunistischen Gruppe der Résistance bringt. Auf eigene Faust gelingt es ihnen, drei jüdische Kinder vor einer Razzia in Sicherheit zu bringen, womit sie gegen Disziplin und Regeln der Widerstandsbewegung verstoßen. Sie schließen sich einer anderen Untergrundbewegung an, für die sie getrennt voneinander agieren. Roland und zwei weitere Männer werden von einem Mob grausam ermordet – bemerkenswert, wie stimmig Anne Weber vorgeht, wenn sie gleichsam eine Stele errichtet, indem sie die Namen der drei Ermordeten aufruft. An anderen bedeutsamen Passagen wiederum unterbricht sie den Fließtext mit dem abgesetzten Wort „Pause“ und schenkt damit sich und uns eine Atem- und Denkpause.

Annette nimmt an vielen Aktionen teil und landet im Sommer 44 schließlich in Südfrankreich, wo sie vom Tod ihres Geliebten erfährt. Nach der Befreiung durch die alliierten Truppen, an deren Seite auch Männer aus Nordafrika kämpfen, gehört sie einer Kommission an, die Kollaborateuren während der deutschen Besatzung nachforscht. Auch hier agiert Annette akribisch und gewissenhaft. Später nimmt sie ihr Medizinstudium wieder auf, wird Neurophysiologin an einer Klinik in Marseille, heiratet, bekommt drei Kinder. Doch die Unabhängigkeitsbestrebungen Algeriens von der Kolonialmacht Frankreich und der folgende Algerienkrieg „poltern sehr ungelegen in ihr schönes Berufs- und Familienglück hinein“, ein Umstand, der sie

aus ihrem Leben unmerklich in ein anderes führte, das
sie nie ausdrücklich gewollt oder gewählt hat, das
aber irgendwann ihr eignes wird und nicht mehr zu
vertauschen mit dem früheren.

Neuerlich „gehorcht [sie] dem Gebot des Ungehorsams“ und ihrem Gewissen, leistet Widerstand, indem sie sich auf die Seite Algeriens schlägt und Untergrundkämpfer der Nationalen Befreiungsfront FLN in Frankreich unterstützt. „Am Ende hat sie vieles, was ihr wichtig war, verloren.“ Denn Annette wird gefasst und als Terroristin zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Es gelingt ihr nach Nordafrika zu entfliehen, zunächst nach Tunis, später arbeitet sie im Gesundheitsministerium Algeriens, wo sie für Ausbildung und Forschung verantwortlich ist. Als Geschenk wird ihr die algerische Staatsbürgerschaft angeboten, die sie neben der französischen annimmt. 1962 endet der algerische Unabhängigkeitskrieg. Annettes Traum von einem egalitären Sozialismus ist ausgeträumt, als sie erkennt, dass es auch hier nur um Einfluss und Macht von Clans, Personen, Parteien, doch nie um die Menschen geht. Wegen der Umbrüche muss sie neuerlich flüchten. Doch während zahlreiche in französischen Gefängnissen inhaftierte FLN-Kämpfer amnestiert werden, bleibt Annettes Haftstrafe aufrecht. Durch Glück entkommt sie in die Schweiz, lebt jahrelang in Genf, bis sie wieder nach Frankreich einreisen darf.

Anne Beaumanoir hat über die Höhen und Tiefen ihres bewegten Lebens eine Autobiografie geschrieben, die 2009 unter dem Titel „Le feu de la mémoire“ erschienen ist und seit kurzem auch in deutscher Sprache vorliegt. Anne Webers Verdienst ist es, dass sie dem Feuer dieser Frau ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Denn sie legt weit mehr als eine bloß sachkundige Biografie vor. Erzählend geht sie den Spuren eines außergewöhnlichen Lebens nach, das sie sich und uns in ein Verstehen übersetzt. Weber bettet die Geschichte in historische Zusammenhänge, die im Rückblick anders zu werten sein mögen, als wenn man sich, wie Annette, mittendrin befindet und einfach tut, was zu tun ist, weil Dringlichkeiten zählen:

Die Zukunft ist zum Glück meistens nur anwesend
als nächster Augenblick, und dieser Zukunftsaugenblick
erfordert Gegenwart, und zwar des Geistes. Es geht
zunächst einfach nur darum, so lange wie möglich
... durchzuhalten ...

Anne Weber wählt die ungewöhnliche Form des Epos, das für gewöhnlich einen männlichen Helden in den Mittelpunkt rückte. Man kann es als feministisches Statement betrachten, zumindest eines mit Augenzwinkern, wenn sie dieser Heldin nun ein Epos widmet und deren Geschichte in Versform bewahrt. Denn es ist eine Erzählung in Versen, ohne strenges Versmaß, doch mit gelegentlichen Binnen- und Endreimen. Der Text ist komponiert mit wechselnden Rhythmen und Rhythmusbrüchen, Verlangsamungen und Beschleunigungen, was bei der Lektüre ein vom eigenen abweichendes, stimmiges Lesetempo aufzwingt. Und es ist ein Text, der beide Sprachen Anne Webers vereint, die deutsche und die französische. Sie flicht zahlreiche französische Einsprengsel ein, die auch für Nichtkundige einfach zu entschlüsseln sind, denn die Autorin baut umschreibend die Übersetzungen wie nebenbei ein. Und so gelingt ihr ein faszinierendes Buch, in dem man auf jeder Seite ihre Grundsympathie für die kleine große Protagonistin spürt, die gegen Tyrannei und Unrecht kämpfte und von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet wurde.

Anne Weber
Annette, ein Heldinnenepos
Matthes & Seitz
2020 · 208 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-845-7

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