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Kritik

Eine Position zwischen den Stühlen.

Annette Kolb setzte sich zeitlebens für Völkerverständigung und eine eigene Meinung ein, ihre immer noch lesbaren Werke sind jetzt wieder lieferbar.
Hamburg

"Ob sie euch noch etwas zu sagen haben wird, und ob etwas von ihren Büchern noch bleiben wird, wenn sie tot ist, das sind Fragen, die nur ihr werdet beantworten können." So beginnt Annette Kolbs "Befohlenes Selbstporträt für Quartaner" aus dem Jahr 1932. Hat sie uns noch etwas zu sagen? Fast hundert Jahre wurde sie alt, sie starb vor fünfzig Jahren, am 3. Dezember 1967. Wurde noch vor dem Kaiserreich geboren (1870), erlebte die beiden Weltkriege, wurde zweimal vertrieben und kam zurück, erlebte die erstarkende Bundesrepublik und sogar noch den zarten Anfang der Frauenbewegung und der Studentenbewegung.

Ihre Herkunft prädestinierte sie, sich zwischen die Stühle zu setzen: Ihr Vater Max war deutscher Gartenarchitekt, ihre Mutter Sophie Danvin eine französische Pianistin. Und so war die Deutsch-Französin Annette Kolb (eigentlich Anna Mathilde) immer bemüht, zwischen ihrem Vaterland und dem "Erbfeind" zu vermitteln. Völkerverständigung war für sie kein Schlagwort, sondern eine häusliche Realität, denn bei ihrer Mutter gingen deutsche und französische Künstler, Bohèmiens und Diplomaten aus und ein. Scharfsichtig und unbeirrbar schaute sie auf ihre Zeit und die größenwahnsinnige Politik, sah Deutschland als 44-Jährige Frankreich schon wieder angreifen, als 69-Jährige noch einmal.

1912 erlebte Kolb, deren Jahre in einer Nonnenschule vor allem ihren Antiklerikalismus gefestigt hatten, ihren Durchbruch als Schriftstellerin: "Das Exemplar" erzählt von Mariclée, die im Sommer 1909 nach England reist, um einen Mann zu treffen, den sie in Paris kennengelernt hatte. Sie verpasst das "Wunderexemplar" ihrer Sammlung von Freunden um einen Tag: Es "hatte sie so hart und unvorbereitet getroffen, das Exemplar verfehlt zu haben, dass sie, um den Schlag aufzuhalten, sich sagte, sie spüre ihn nicht, die Verzögerung passe ihr sogar." Und so reist sie monatelang durch England und Irland, bis sie auf einem Schiff diesen Mann endlich doch noch trifft, und auch seine Frau und Schwiegermutter. Sie erleben einige schöne Augenblicke miteinander, bevor sie sich trennen: "Verwegenste Situationen geziemten ihr nur. Und deshalb trieb es sie hin und wieder mit solcher Macht, dieser lächerlichen Welt, und dem, was sich als ihre Mächte und Konventionen so großen Respekt verschaffte, eins ins Gesicht zu schlagen. Und sie wußte, dass sie es durfte. Weil sie nichts wollte." Distanziert und ein wenig altmodisch geschrieben, fasziniert dieser kleine Roman noch heute in seiner melancholischen, selbstironischen und selbstbewussten Art, wie diese junge Frau sich den Konventionen verweigert und sich nimmt, was sie will. Der Fontane-Preis ein Jahr später bestätigte die hohe Qualität dieses Werks.

Aber die Position zwischen den Stühlen blieb ihr: Ein Vortrag, den sie am 11. Januar 1915 in Dresden hält, mitten im Ersten Weltkrieg, gegen den herrschenden Hurra-Patriotismus und für einen strikten Pazifismus und die Vernunft, löst heftige Tumulte aus. Darin hat sie, wie Karl Kraus, vor allem auch die kriegshetzenden deutschen und französischen Journalisten angegriffen: "Ja, hätte man zehntausend hetzerische Journalisten aus unseren Ländern zusammengetrieben und gehenkt, o wieviel wertvolle, hoffnungsvolle Menschen wären in all diesen Ländern heute am Leben!"

Kolb flüchtet ins Schweizer Exil. Dort findet sie Gleichgesinnte, die sie unterstützen: René Schickele, Romain Rolland oder Harry Graf Kessler. Und schrieb eines ihrer schönsten Bücher, das Tagebuch "Zarastro. Westliche Tage", eine gelungene Mischung aus persönlichem Bekenntnis, lebendigem Erlebnisbericht und ihrem politischen Engagement, das hellsichtig war wie nur bei wenigen deutschen Autoren: "So war jenem so aufgerissenen und gemarterten Boden eine neue Schmach zugefügt, und ein genarrtes Volk gehorchte als sein eigener Henker den Befehlen, die ein Hut voll toll gewordener Idioten, 'Oberste Heeresleitung' genannt, ihm erteilte."

1922 lässt sich Annette Kolb in Badenweiler in Schickeles Nachbarschaft ein kleines Haus bauen, wirbt in Lesungen und Vorträgen für Versöhnung und Pazifismus, schreibt gegen Nazis und Kriegshetzer und wird mit Thomas Mann, Hermann Hesse oder Stefan Zweig verglichen. Im Februar 1933 flieht sie noch einmal, bis nach New York. Nach ihrer Rückkehr 1945 wird die Adenauer-Anhängerin oft ausgezeichnet, aber ihre Schriften sind nicht mehr so recht zeitgemäß.

Dennoch sind sie immer noch lesenswert, und der Wallstein-Verlag macht sie jetzt fast sämtlich in einer schön gestalteten vierbändigen Ausgabe wieder zugänglich. Da kann man nicht nur ihre biografischen Werke entdecken (über Mozart, Schubert und Aristide Briand), sondern auch ihre luziden, manchmal boshaften Essays, ihre fein getupften, atmosphärischen Erzählungen oder ihren seltsam modern anmutenden Roman "Die Schaukel" (1934), der ohne genaue Chronologie oder feste Handlungsstränge die feine Münchner Gesellschaft kalt und ironisch seziert. In der Familie Lautenschlag charakterisierte sie auch sich selber: "Blöde Urteile über Musik oder Bücher oder Bilder unwidersprochen hinzunehmen, weil sie von Leuten kamen, in deren Sold man geriet, das war nichts für die Mädchen Lautenschlag, o nein. In dieser Meinung waren die Eltern mit den Kindern eins. Diese mußten immer frei bleiben, frei, ihre Ansicht, gelegentlich auch ihren Hohn zu äußern. Das andere war Entwürdigung. Mit Entsetzen und Mitleid betrachteten sie jeden, den sie im Heer der Unterworfenen eingereiht sahen und dem vielleicht ganz wohl dabei war. Lieber wollten sie im Zigeunerwagen die Welt durchziehen und in Zelten nächtigen."

Annette Kolb · Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (Hg.) · Wüstenrot Stiftung (Hg.) · Hiltrud Häntzschel (Hg.) · Günter Häntzschel (Hg.)
Werke
Mit einem Essay von Albert von Schirnding
Wallstein Verlag
2017 · 2264 Seiten · 49,00 Euro
ISBN:
978-3-8353-3110-5

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