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Kritik

Keine Trennung von Kunst und Leben

Annette Leo widerspricht in ihrer Strittmatter-Biografie der Selbstdarstellung des Autors
Hamburg

Als Erwin Strittmatter am 24. April 1959 im VEB Chemiekombinat Bitterfeld als Erster Sekretär des Schriftstellerverbandes die Versammlung namhafter DDR-Autoren leitete, ahnte er nicht, dass das Motto des berühmten Bitterfelder Weges sich Jahre später auf ihn selbst beziehen ließe. Zur Weiterentwicklung der sozialistischen Literatur sollte die Trennung zwischen Kunst und Leben aufgehoben werden, eine Forderung, die Strittmatter für sich umkehrte, indem er die Arbeit an seinem Werk immer wieder als Entschuldigung für bestimmte Verhaltensweisen anführte. So war es ihm beispielsweise – übrigens ähnlich wie Hermann Hesse - unmöglich, auf Dauer mit seinen Kindern zusammenzuleben. Acht Söhne aus drei Ehen wuchsen größtenteils ohne ihn bei ihren Müttern oder Großmüttern auf. Der bitterste Preis, sagte seine letzte Frau, Eva Strittmatter, den sie für ihre Ehe gezahlt habe, sei gewesen, dass Strittmatter ihr nicht erlaubte, mit ihren vier Kindern zusammenzuleben.

Dichtung und Wahrheit heißt ein Kapitel im ersten Teil des Buches, doch während Goethe durch diese Überschrift sein Darstellungsprinzip offenlegte, bezieht sich Annette Leo bei dieser Titelwahl auf die vielen Ungereimtheiten und Fragen, die Strittmatters selbstgeschriebene „Wunschbiographie“ hinterlassen haben.

„Sein Werk ist so groß, es wird das aushalten“, sagte Strittmatters gleichnamiger Sohn Erwin, nachdem er und sein Bruder Jakob sich nach längerem Zögern in Absprache mit den anderen Söhnen entschlossen hatten, Annette Leo Briefe und Aufzeichnungen ihres Vaters aus der Kriegszeit zur Auswertung zu überlassen.

Strittmatter wurde 1912 in Spremberg in der Niederlausitz geboren. Lebenslang spielte diese als Zentrum der Sorben zweisprachige Gegend in den Büchern des in der DDR mehrfach mit dem Nationalpreis ausgezeichneten Autors eine wichtige Rolle. Er schrieb unter anderem „Ole Bienkopp “ und den durch die TV- Verfilmung von Joe Baier aus dem Jahre 1998 im Westen wohl bekanntesten Roman „Der Laden“. Was sein Werk aushalten musste und worauf sein Sohn anspielte, war bereits seit 2008 Thema im deutschen Feuilleton. Damals hatte der Literaturwissenschaftler Werner Liersch in der FAZ unter der Überschrift „Erwin Strittmatters unbekannter Krieg“ aufgegriffen, dass der Autor zu dem SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiments 18 gehört hatte, in das Strittmatters ursprüngliche Abteilung, das Polizeibataillon 325, eingegliedert worden war. Dieses Regiment war auf dem Balkan und in Griechenland gegen Partisanen eingesetzt worden und wenn Strittmatter auch keine direkte Beteiligung nachgewiesen werden konnte, musste er auf jeden Fall von den brutalen Einsätzen und Massaker gegen Partisanen gewusst haben.

Sowohl das militärischen Gehabe der Nationalsozialisten als auch deren Regime habe er abgelehnt, schrieb Strittmatter nach dem Krieg in seinen Selbstauskünften für die SED. Dieser Aussage widersprechen allerdings drei Aufnahmeanträge: 1939 meldete er sich im September freiwillig zur Wehrmacht, einen Monat später „bewarb er sich bei der Schutzpolizei und im März 1940 schließlich bei der Waffen-SS.“ Zu einer Aufnahme war es bei der SS allerdings nie gekommen, weil er in der Zellwolle-AG in einem kriegswichtigen Betrieb arbeitete und vom Werk vorerst nicht freigegeben wurde.

Da er Schreiber gewesen sei, habe während des ganzen Krieges nie ein Schuss seinen Gewehrlauf verlassen, behauptete Strittmatter immer wieder. Für Annette Leo klingt diese unwahrscheinliche Behauptung wie eine Beschwörungsformel, hinter der er seine Scham verbarg. Eine Scham, mit der er wohl sein Leben lang umgehen musste, wenn er auch 1959 für das Zentralkomitee hinzufügte: „Allerdings weiß ich auch, dass dauernde Scham lähmt.“ Doch viele Jahre später, die DDR war bereits Geschichte, sagte er im ZDF zu Alexander U. Martens, er habe während seines ganzen Lebens das Gefühl gehabt, sich für irgendetwas entschuldigen zu müssen. 1933 und 1945 sei ihm das so ergangen, und auch jetzt, d. h. nach der Wende, würde man ihm vorwerfen, er habe sich „daneben benommen, politisch“, weil er im Gegensatz zu vielen anderen Autoren „dageblieben sei.“

„Ohne Zorn und Eifer – weder mit dem Gestus der Anklage noch dem der Rechtfertigung“ wollte Annette Leo an den Lebensweg Strittmatters herangehen, dessen Verlauf ihrer Meinung nach bis in die Fünfziger Jahre dem von vielen Angehörigen seiner Generation ähnelte. Eine Generation, die aus Überzeugung oder Angst in die Verbrechen des Dritten Reiches verwickelt gewesen sei und die glaubte, nach 1945 in der DDR für ein besseres Deutschland zu arbeiten und dabei versäumt habe, sich der Vergangenheit zu stellen. Selbst in der DDR aufgewachsen und sozialisiert kennt sich die promovierte Historikerin Leo als Mitarbeiterin der Forschungsgruppe „Erinnerung – Macht - Geschichte“ an der Universität Jena mit den Fallstricken individueller Erinnerung und kollektivem Gedächtnis gut aus. Und so stellt sie akribisch zahlreiche offizielle Dokumente den Tagebüchern und Briefen Strittmatters gegenüber, vergleicht und lotet aus, was der Wahrheit entsprechen könnte. Wertvolle Zeugnisse sind Gespräche, die sie mit Söhnen, Kollegen, mit Fürsprechern und mit Gegnern Strittmatters geführt hatte. Anhand der Quellen zeichnet sie das Bild eines Menschen, der sich den herrschenden Verhältnissen erst im Dritten Reich und später in der DDR zumindest äußerlich angepasst hat. Durch halbwahre Angaben, durch Verschweigen oder auch durch mangelnde Unterstützung und Distanzierung, manchmal sogar durch Anklage, von oppositionellen Schriftstellerkollegen versuchte er Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Auch wenn er sich in seinem Tagebuch über das enge Denken der Funktionäre im Literaturbetrieb beklagte und kritisch über DDR-Verhältnisse schrieb: öffentlich machte er das kaum. Dabei war er mit vielem nicht einverstanden. Als Karl-Heinz-Jakobs, Gerhard Wolf, Jurek Becker, Sarah Kirsch und Günther Kunert 1976 als „Uneinsichtige“ aus der SED ausgeschlossen wurden, weil sie die Ausbürgerung von Wolf Biermann kritisiert hatten, schrieb er vor der entscheidenden Sitzung in sein Tagebuch:„ Ich weiß nicht, was machen. Hingehen muss ich, so fühle ich. Ich muss Mut zeigen, fühle ich.“ Und obwohl er die Genossen der Parteileitung „wie die Mannschaft eines Schlachthauses“ beschrieb, stimmte er deren Beschlüssen zu, weil er meinte, „eine Gegenstimme hätte nichts bewirkt.“ Auch in diesem Konflikt verteidigte er sich mit dem Argument, er müsse sich um die Veröffentlichung seiner Literatur kümmern. „Meine Zeit wird da sein, wenn mein Roman herauskommen soll.“ Denn als Autor ist er nicht immer linientreu. Mit seiner Romantrilogie „Der Wundertäter“, macht er beim dritten Teil selbst Erfahrungen mit der Zensur und er, der eine Zeit lang ein (wohl nicht sehr ergiebiger) IM war, wird nun selbst bespitzelt, weil er im „Wundertäter III“ von einem Mädchen schreibt, das von einem sowjetischen Soldaten vergewaltigt wurde. Nach einigen Ergänzungen von Strittmatter durfte das Buch 1979 schließlich verlegt werden, wobei die Verantwortlichen der SED verfügten, von den geplanten 60 000 Exemplaren selbst gleich 20 000 aufzukaufen und über weitere „Maßnahmen zur unauffälligen Reduzierung der Wirkung des Buches“ nachzudenken. Die Umstände der Veröffentlichung bewirkten, dass Strittmatter „innerlich mit dieser Partei fertig war.“ Als 1990, also elf Jahre später, die SED schon den Zusatz PDS führte, trat Strittmatter vier Jahre vor seinem Tod nach 43 Jahren Mitgliedschaft aus der Partei aus. Den Veränderungen in Osteuropa und der Wiedervereinigung Deutschlands stand er desillusioniert und ein wenig ratlos gegenüber: „Man kann seine Zeit nicht damit verbringen festzustellen“, so schrieb er, „was gewesen wäre, wenn wir dies oder das anders oder besser gemacht hätten.“

Sie wolle mit dem überreichten Material sachlich und behutsam umgehen, hatte Annette Leo den Söhnen von Erwin Strittmatter versprochen. Die vorliegende Biografie ist der Beweis, dass sie das Versprechen gehalten hat.

Am 14. August 2012 wäre Erwin Strittmatter 100 Jahre alt geworden.

Annette Leo
Erwin Strittmatter
Aufbau
2012 · 448 Seiten · 24,99 Euro
ISBN:
978-3-351033958

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