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Kritik

Vater und Tochter

Annie Ernaux schreibt in „Der Platz“ über ihren Vater und erforscht sich selbst
Hamburg

Die Entscheidung, in ihren Büchern nichts mehr zu erfinden als die Form, hat Annie Ernaux früh getroffen. Nach zwei Romanen schrieb sie mit „Der Platz“ (La place, 1983) das erste ihrer auto-soziobiographischen Bücher, für die sie in Frankreich berühmt geworden ist und die jetzt auch, dank des Suhrkamp-Verlags, der sie in sehr gelungenen Erst- oder Neuübersetzungen von Sonja Finck herausbringt, nach und nach in Deutschland entdeckt werden und bei Kritik wie Leserschaft große Resonanz finden.

Mit „Der Platz“ ist nach „Die Jahre“ und „Erinnerung eines Mädchens“ das dritte Buch erschienen, ein schmaler Band von knapp hundert Seiten, in dem Ernaux das Leben ihres Vaters erzählt. Sie war gerade 26 Jahre alt, hatte die praktische Prüfung für den höheren Schuldienst bestanden, war Beamtin geworden, kurz, hatte es, wie man bei ihr zu Hause gesagt hätte, endlich „geschafft“– als der Vater plötzlich krank wird und stirbt. Nach der Beerdigung, auf dem Rückweg zu Ehemann und Arbeit sitzt Ernaux im Erste-Klasse-Abteil des Zuges und ihr gehen zwei Sätze durch den Kopf: „jetzt gehöre ich wirklich zum Bürgertum“ und „es ist zu spät“. Sie ist stolz auf ihren neuen „Platz“, zugleich aber fühlt sie sich ihrem toten Vater gegenüber schuldig, war ihr Aufstieg doch verbunden mit einer wachsenden Distanz zwischen ihm und ihr: „Eine Klassendistanz, die zugleich aber auch sehr persönlich ist, die keinen Namen hat. Eine Art distanzierte Liebe.“

Die ambivalenten Gefühle wecken in Ernaux den Wunsch, über den Vater zu schreiben. Sie beginnt zunächst einen Roman, mit ihm als Hauptfigur, merkt aber schnell, dass sie so nicht ausdrücken kann, worum es ihr geht. „Um ein Leben wiederzugeben, das der Notwendigkeit unterworfen war, darf ich nicht zu den Mitteln der Kunst greifen, darf ich nicht, spannend’ oder, berührend’ schreiben wollen. (…) Keine Erinnerungspoesie, kein spöttisches Auftrumpfen“, heißt es in „Der Platz“. Es dauert 17 Jahre, bis Ernaux die ihr passend erscheinende Form, ihre „méthode“ gefunden oder „erfunden“ hat. 1983 erscheint „La place“ bei Gallimard, im Jahr darauf erhält Ernaux den renommierten Prix Renaudot.

Es ist eine sehr trockene, nüchterne, sachliche Art zu schreiben, fast ohne Metaphern und Bilder. „L'Écriture comme un couteau“ (Wie mit dem Messer Geschriebenes) nennt Ernaux diesen Stil. In ihrer 2003 erschienenen Autopoiesis gleichen Titels, die auf der Korrespondenz beruht, die sie mit Fréderic-Yves Jeannet ein Jahr lang geführt hat, erklärt sie, wie fundamental sich das Schreiben bei „Der Platz“ geändert habe: nicht nur die Stimme, die ganze Schreibhaltung sei eine andere geworden. Sie meidet Emotion und Wertung, betont im Individuellen das Exemplarische, verbindet das Persönliche mit dem Historischen. Schreibend erforscht sie die äußere und innere Realität, das Intim-Private und das Gesellschaftliche, und hält sich dabei an die Fakten. Sie will nicht erfinden, sondern finden.

Aber: Nicht in die Erfindung auszuweichen, sondern bei dem zu bleiben, was war, quasi protokollarisch die Erinnerung niederzuschreiben – ist das überhaupt möglich? Und: Ist „Der Platz“ wirklich ein Buch über den Vater? Beides muss verneint werden. Auch wenn Ernaux in „Der Platz“ vordergründig das Leben des Vaters rekonstruiert, erzählt, wie er sich „hochgearbeitet“ hat – mit zwölf begann er als Knecht bei einem Großbauern, während des Ersten Weltkriegs kam er zum ersten Mal aus seinem Dorf heraus, war in Paris, fuhr mit der Metro, sah, wie andere Leute lebten; dann war er Arbeiter, schließlich Besitzer eines kleinen Lebensmittelladens mit Ausschank –, indem sie vermeintlich nur bei den Fakten bleibt, erfindet Ernaux doch ebenso eine Figur, die mit dem Menschen, mit dem sie mehr als 18 Jahre unter einem Dach zusammengelebt hat, nur äußerlich übereinstimmt. Auch wenn sie in protokollarischem Stil festhält, wie er sich kleidet, was er isst, wie er redet, welchen Beschäftigungen er nachgeht – der Vater in „Der Platz“ ist eine Fiktion, ist Ernaux' Projektion. Und letztlich ist die vermeintlich „objektive Biographie“ (so heißt es im Suhrkamp-Klappentext) kein Buch über den Vater, sondern der Bildungs„roman“ der Annie Ernaux. Eine Autofiktion, in der sie Rechenschaft darüber ablegt, woher sie kommt und wie sie wurde, die sie ist. Die Geschichte eines zäh erkämpften sozialen und intellektuellen Aufstiegs, der vom Ende her erzählt wird: vom Schreibtisch der Tochter aus, die es „geschafft“ hat.

Dass Ernaux ausgerechnet in dem Medium reüssiert hat, das in Frankreich wie kein anderes eines der sozialen Distinktion ist, dass sie nicht nur Gymnasiallehrerin für Französisch, sondern sogar Schriftstellerin wurde, ist ein Triumph, den nur ermessen kann, wer einen ähnlich weiten Weg gegangen ist. Zugleich ist dieser Triumph aber auch Quelle der Entfremdung: und zwar sowohl von den Eltern wie von dem Milieu, in dem sie jetzt lebt. Es wird für sie nie das Selbstverständliche haben wie für ihre Kollegen, ihre Freunde, ihren Mann, immer wird ein Riss bleiben, eine Empfindlichkeit, die aus frühen Verletzungen herrührt, eine Scham und der stille Vorwurf des Verrats.

Annie Ernaux ist sicher auch deshalb eine so skrupulöse, bild- und metaphernarme, das einzelne Wort betonende Schreibende geworden, weil der Reichtum der Sprache, die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten und die Raffinessen von Grammatik und Syntax ihr nicht von kleinauf zur Verfügung standen. „Wenn ich als Kind versuchte, mich besser auszudrücken, hatte ich immer das Gefühl, mich in einen Abgrund zu stürzen“, schreibt sie. Diese Erfahrung hat sie aber auch befähigt, genau zu beobachten, sich selbst und die anderen, und so den „Platz“, von dem aus sie schreibt, deutlich zu markieren.

Annie Ernaux
Der Platz
Aus dem Französischen von Sonja Finck
Suhrkamp
2019 · 94 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-518-22509-7

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