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Kritik

Dein Mädchen im Kopf

Hamburg

Der Sonntag ein Filter, ein Ereignis 1952, das Annie Ernaux, die „Ethnologin ihrer Selbst“, aus ihrem Gewohnten reißt, „1952 kann ich mich nicht außerhalb von Y. denken“, das sie für immer verändern wird. Die Scham, gleichnamiger Band, frisch übersetzt von Sonja Finck bei Suhrkamp herausgekommen – das Original von 1997, ist da. Die Scham tritt ins Leben, sie bewohnt einen Menschen wie einen Wirt, wächst, färbt. Die Scham trat ‘52 auf, wie sie bei Ernaux‘ Buch auftritt, als Anfangssatz:

An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen.

Was sich im Lauf des Buchs als rätselhafter ___STEADY_PAYWALL___Ausbruch, Aufbruch von Etwas entpuppt, das Ernaux umkreist, dessen sie aber so wenig einen vermeidbaren Grund beimessen kann wie ein Reh, das unvermittelt über die Straße rennt, bekommt in dem kurzen Text eine schicksalhafte Präsenz. „Du stürzt mich ins Unglück“, erinnert sie sich an das junge Mädchen von einst, dem plötzlich diese „semi-biblischen Worte“ in den Mund fallen an den Vater, wiederum von Unergründlichem zugeschoben. Leerstellen. Ausgeliefert sein.

Sie ist weiter das, was sie seit 52 gewesen ist, ein Akt des Wahnsinns, ein Akt des Todes, mit dem ich die meisten Ereignisse meines Lebens verglichen habe, um das Ausmaß des Schmerzes zu ermessen, ohne dass je eines an sie herangereicht hätte.

[...]

Dabei ist nichts wirklich enthüllt, nur die rohe Tat. Ich will die seit Jahren eingefrorene Szene in Bewegung versetzen, damit sie nicht länger etwas Heiliges in mir ist, eine Ikone (ein Beweis dafür ist zum Beispiel der Glaube, dass sie es ist, die mich zum Schreiben bringt, dass all meine Bücher auf ihr beruhen).

Ernaux entsinnt sich den Schwierigkeiten, die Erinnerungen öffentlich zu machen. Den Drang, genau dies aber zu verfolgen mit ihrem Schreiben. Sie setzt an mit der damaligen Situation, den Eltern, die eine gemeinsame Kneipe führen in dem Haus, das sie bewohnen. Die speziellen Schwierigkeiten in der Öffentlichkeit, das Grüßen der Stammgäste auf der Straße, einen Habitus der Erzeugung von Wohlmeinen, denn „sonst kommen die ja nicht wieder zu uns“. Was darf man also? Wieder finden sich in den „Beschreibungen der materiellen Spuren“ des Jahres Ernaux‘ Schilderungen von Fotos, Postkarten, Radiosommerhits Moden und vor allem Sprechweisen, um „die Erinnerungsbilder als Quellen zu behandeln, die etwas aussagen“. Auf das eigentliche Ereignis kommt sie erst sehr spät im Buch wieder zu sprechen, mit anderen Worten, die Scham als Scham in ihrer ganzen definitorischen Ausdehnung kommt erst gegen Ende wirklich als manifester Raum hinzu ins Leben. „Wir gehören nicht länger zu den anständigen Leuten“, schreibt sie, „die Scham führt zu immer mehr Scham“. Sie führt ein Eigenleben, Ernaux‘ Handlungen werden stetig voran und stets stärker von jenem markierenden Gefühl infiziert.

Als ein Beispiel ihrer erinnerten Ethnographie der folgende Abschnitt:

Alltägliche Gesten, die Männer und Frauen voneinander unterscheiden:
sich das Bügeleisen an die Wange halten, um die Hitze zu überprüfen, zum Bodenschrubben auf alle viere gehen, beim Sammeln von Kaninchenfutter breitbeinig stehen und sich vorbeugen, abends an den Strümpfen und am Schlüpfer riechen
in die Hände spucken, bevor man zum Spaten greift, sich eine Zigarette für später hinters Ohr klemmen, sich rittlings auf einen Stuhl setzen, das Messer zuklappen und es in die Hosentasche stecken.
Die Höflichkeitsfloskeln, Bis zum nächsten Mal!, Setzen Sie sich doch, das kostet nicht extra.

Die Scham ist ein weiterer wichtiger Baustein in Ernaux‘ Gesamtwerk, genauso wenig verzichtbar wie die anderen bisher erschienen Bände. Einzige Anmerkung: als Einstieg vielleicht nicht das einfachste oder ausgeprägteste dieser methodischen Schriften, trotzdem von entlarvender Wucht und offener Ansprache Leben bewegender Dinge.

Annie Ernaux
Die Scham
Übersetzung:
Sonja Finck
Suhrkamp
2020 · 110 Seiten · 18,80 Euro
ISBN:
978-3-518-22517-2

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