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Kritik

Die Baby-Challenge

Hamburg

„Es ist anstrengend, aber wunderschön“, diesen Satz in all seinen möglichen Variationen kennt wohl jede_r, aus dem Mund frischgebackener Eltern, vor allem Mütter. Antonia Baum regt die Schwammigkeit auf, die darin steckt, und sie nimmt ihn mitleidlos auseinander:

„Dieser Satz machte die Härte, die Angst und die Isolation konsumierbar, indem er gut ausging.“

Als die Autorin und Journalistin selbst schwanger wird, hält sich ihr Glück in Grenzen. Sie steht am Fenster der Mietwohnung, die sie mit ihrem Freund in einer eher, nun ja: „sozialschwachen“, Gegend bewohnt, und schaut auf die Straße. Zum ersten Mal nimmt sie den Rand wahr, in dem sie lebt, die Billigsupermärkte, die Hundescheiße auf den Gehwegen, die Wettbüros, und fühlt sich selbst marginalisiert, „arbeitslos und behindert“.

Wie für viele bürgerliche, akademisch gebildete, weiße Frauen ihrer Generation – aufgewachsen zwischen Angstmache und Erwartungshaltung – ist für Baum das Kinderkriegen zu einer stillen Nicht-Entscheidung geworden. Dass da plötzlich ein fremdes Lebewesen im eigenen Leib heranwächst, ist schwer zu begreifen, „wenn man der eigenen Natürlichkeit skeptisch gegenübersteht“.

Dennoch, Baum stellt sich der „Baby-Challenge“. Als das Baby schließlich da ist (als namenloses, geschlechtsloses Neutrum, was einerseits angenehm ist, andererseits aber auch ein wenig so wirkt, als wolle die Autorin es bewusst aus der Gleichung nehmen), bleibt  sie ein halbes Jahr zu Hause, den Rest der Elternzeit übernimmt ihr Freund. Mal distanziert-ironisch, mal unverhohlen geschockt beschreibt sie den ganzen Wahnsinn vom Schwangerschaftsyoga bis hin zur Krabbelgruppe, die „Armee, die immerfort ,Anlegen, Anlegen, Anlegen’ skandierte“, das gegenseitiges Abchecken der Mütter, die expliziten und impliziten Forderungen, die mit dem Muttersein einhergehen – und wie unmöglich es ist, die Challenge zu gewinnen. Dass es ihr trotz Überforderung zunehmend schwer fällt, ein Stück des Baby-Hoheitsgebiets an ihren Freund abzutreten, ist dabei ein paradoxer Nebeneffekt. Plötzlich ist das Gleichheitscredo aufgehoben, gerät die Beziehung in eine gefährliche Schieflage: „Wir saßen einander gegenüber und konkurrierten darum, wer das härtere Life hatte.“

Baum kennt ihre Gender Theory, hat Bascha Mika und Orna Donath gelesen. Sie gehört zu den „aufgeklärten akademischen Individuen spätmoderner Prägung mit fancy Jobs“, die beinahe druckreif sprechen, versehen mit einer Prise street credibility, mit viel „actually“ und „literally“, und genau in diesem Ton kommt auch „Stillleben“ daher. Viele ihrer Betrachtungen sind, so zutreffend sie auch sein mögen, nicht neu: Was sie über die Anfeindungen gegen kinderlose Frauen und den Konkurrenzkampf unter Müttern schreibt, kennt man von Sarah Diehl; Reflektionen über weibliche Sozialisation finden sich ganz ähnlich bei Margarete Stokowski & Co.

Interessant wird es vor allem da, wo das Hintergrundrauschen politischer Ereignisse zu laut wird, um es zu ignorieren: Der Terroranschlag in Paris, die Kölner Silvesternacht und deren politische Instrumentalisierung, der Trump-Wahlkampf. Da, wo Baum die Baby-Blase verlässt, oder vielmehr: überhaupt erst erkennt, was der Rückzug in sie mit der eigenen Wahrnehmung macht. Wie bedrohlich mit einem Mal das Außen wirkt – der Betrunkene, der nachts von seinem Balkon Nazi-Parolen brüllt, ebenso wie die breitbeinig vor den Wettbüros aufgestellten arabischen Männer. Immer öfter wünscht sich die junge Mutter „wachsame Nachbarn, gute Bürger, Ordnung“, kurz: eine bessere Gegend. Auf dem Fuße folgt das Erschrecken über die eigene Gefühlslage. Wird sie als Mutter plötzlich spießig? Oder sollte man sagen: verletzlich?

Mit fast grausamer Präzision beobachtet Baum sich selbst, unterschlägt dabei auch nicht die eigenen Privilegien, die es ihr bislang erlaubten (dank Taxi, Netflix und Deliveroo) an der Gesellschaft vorbeizuleben, ein „Nichtverhältnis zu Germany“, zu Behörden und Polizei zu pflegen.

Wenn sie an der Straßenecke auf den Hass der Abgehängten trifft, wo endet dann ihre Toleranz? Die Anstellung einer Putzfrau verbessert zwar ihr Beziehungslife – aber was ist mit der globalen Ausbeutungskette?

Hoch anzurechnen ist Baum, dass sie an keiner Stelle der Illusion verfällt, sich durch die eigene Aufgeklärtheit gesellschaftlichen Regulierungsmaßnahmen entziehen zu können. „Dass ich wollte, wirklich wollte, aber nicht genau hätte sagen können, wie freiwillig ich wollte“, gehört zu jenen Sätzen, die gekonnt die sprachliche Unmöglichkeit vorführen, um das eigene Bewusstsein herumzumanövrieren.

Die Versuchung, sich in der Baby-Bubble einzurichten, der Unübersichtlichkeit und Unberechenbarkeit der Welt mit selbstgekochten Breis und selbstgestrickter Babykleidung beizukommen, ist groß. Was allerdings folgt auf diese Erkenntnis? Nicht allzu viel. Stattdessen konzentriert sich Baum auf die Klage, wie sehr die Anforderungen einer Leistungsgesellschaft („flexibel, agil, eigeninitiativ“) mit denen des Mutterseins (Aufopferung, Abhängigkeit, Langsamkeit) clashen. Das ist so richtig wie redundant. Auf alternative Modelle zur heterosexuellen Kleinfamilie geht die Autorin leider kaum ein, auf staatliche „Möglichkeiten, es Eltern leichter zu machen“ ebenso wenig – „weil man darüber noch ein Buch schreiben könnte“.

Im allerletzten Kapitel betont sie in wenigen Sätzen, wie toll das Baby „an sich“ sei. Es gibt also ein Happy End. Wäre der Tabubruch zu groß gewesen, hätte sie sich durch den rettenden Verweis auf die Mutterliebe keine Absolution im Nachgang erteilt? Ein wenig lebt das „anstrengend, aber wunderschön“-Mantra auch in diesem Buch fort. Doch immerhin hat Baum ihr Bestes gegeben, das kleine Wörtchen „anstrengend“ mit über 200 Seiten so gesellschafts- wie selbstkritischen Betrachtungen zu füllen.

Antonia Baum
Stillleben
Piper
2018 · 224 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-492-05820-9

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