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Artichoke #17
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Artichoke #17
Kritik

Kein Drama

Hamburg

Bizarr zieht sich an, möglich. Antonin Artaud war gewiss durchströmt von reichlich obskuren Energien, erzeugte darum aber vielleicht genau sein eigenes Gegenklima, um darin rebellieren zu können. Bis zum Schluss bekämpfte er alles, das der Artaud-Vision der Kunst entgegenstand (und wurde dafür bekämpft). Sein Begriff „Grausamkeit“ ist allerdings weniger als grausam an sich zu verstehen, sondern als Entäußerung im Dienste der Kunst, eine Art spirituelles Element in einem Schauspiel, das „wichtiger“ ist als die Realität.

Heliogabal, seines Zeichens Kaiser von Rom, war auch ein Schauspieler ___STEADY_PAYWALL___(unter anderem), er war auch ein Priester und quasi ein Kind, dem man aufgrund einer beträchtlichen Zahl Zufälle, Intrigen und nicht mehr Ableitbarem praktisch nichts verbieten konnte. Kein Wunder, dass Artaud fasziniert von diesem möglichen alter ego ist, das die antiken Quellen gern als reine Degeneriertheit abtun, ganz weglassen oder nur kurz kommentieren, als ob das Papyrus währenddessen errötete. Dabei war Heliogabal oder Elagabal, nach seinem Sonnengottnamen, vier Jahre an der Macht, länger als manche anderen Cäsaren.

Was Artaud in seinem kurzen Porträttext tut, ist eine Landschaftsachse zu entwerfen, eine Sichtweise auf Heliogabal zu etablieren, die ihn zu einem Performancekünstler macht. Was er natürlich genau nicht war, sondern ein schrecklich realer Despot, der abgeschnittene Gemächte mit der einen und Korn mit der anderen Hand ins Volk geworfen haben soll und sich vermutlich dabei innerlich zufeixte. Diese Verwechslung von Leben und Kunst ist eine nicht unweit verbreitete Sichtweise, die sofern sie nicht selbst Kunst erzeugt, ein bisschen schwierig ist. Es geht stündlich um literweise verschüttetes Blut, Menschenleben und weiteres Schlock-Entertainment à la romana.

Artaud hätte wohl gern ein Drama verfasst namens Heliogabal, das bestimmt interessant und reichhaltig wäre, denn Heliogabal ist unfassbar komisch (als Kunstfigur), aber als semi-historisches Porträt, das dieser Text mithilfe von antiken Quellen, Recherche etc. erzeugt, ist es wie ein Projekt ohne Hausaufgaben, oder schlicht eine unfertige Studie. Dass sich Artaud selbst als Heliogabal bezeichnet, es kommt erst spät im Text, ist selbstverständlich vorhersehbar ab der ersten Seite. Insofern sagt dieser Text unfreiwilligerweise viel mehr über Artaud als alle hier zusammengetragenen Wahrheiten, Gerüchte, Exploitation über Elagabal und seine drei Julien aus dem Geschlecht der Bassaniden, die sich einer Brutalo-Soap gleich verhalten in Zeiten, die von echter staunenswerter „Grausamkeit“ als Ritus bestimmt waren.

Am ehesten ist dieser Text, der stellenweise tatsächlich in theatrale Darstellung und / oder Lyrik verfällt mit den Werken von Alejandro Jodorowsky zu vergleichen, Film oder Graphic Novel etc. – wimmelnd von cartoonishen Figuren, voll symbolisch ekelhafter Massenszenen, sinnlos umherstreifender Gier, surrealer Verehrung für die Kombination Sex & Religion, sowie dem überall durchscheinenden Willen, jedwedes Tabu zu brechen.

Wie der Untertitel suggeriert Der gekrönte Anarchist, ist jenes Programm das wesentliche Element von Artauds Verbundenheit. Denn die zahllosen Rebellionen, die Umwälzung sämtlicher Werte, die Heliogabal systematisch betreibt, scheinen, wenn man eben seine Regentschaft als Kunst betrachtet, ziemlich einleuchtend. Heliogabal ist nicht nur antike pre-Queerness aus Emesa (heute Homs in Syrien), Venusdarsteller, S / M Anhänger, Päderast, Dichter, Theaterbesucher, Inzestpraktiker, Trans-Priester von Sonne-Mond-Phallus-Mama, ist Intrigant, Mörder, Stricher, skatophiler Deklamator, sex-süchtiger Nichtstuer, der einen ganzen Tag braucht, um eine Mahlzeit einzunehmen, er ist vor allem anarchischer Zotiker, der es auf seinen Senat und sämtliche Adligen des Landes abgesehen hat. Der sie und ihre Privilegien permanent beschimpft, sie der Reihe nach kastriert und ersetzen lässt: durch Tänzer, Schauspieler, Fuhrleute und vor allem Frauen. Das Projekt, das der unaufhaltbare Kicherer betreibt, ist trotz aller tabu-brechenden Degeneriertheit das eines Rambo-Rimbaud (pardon). Der den Künsten (anarchisch wie sie sind) den höchsten Rang einräumt, sie gewaltsam den Thron nehmen lässt und sukzessive das menschenverachtende Ameisensystem der römischen Gesellschaft aus ihrem Herz heraus im Palast Roms de-faschistisiert. Und nicht zuletzt einer kotzigen Männlichkeit Paroli bietet in knapper Toga mit Rasierklingen-Muster und ihnen vergiftete Rosen schenkt. So oder so ähnlich stellt sich Artaud Heliogabals Lebenswerk vor. Er schreibt „Ich möchte wetten, Ich bin der Meinung etc.“ So ergibt sich die erschriebene Zusammenfassung eines nicht vorhandenen Dramas von Artaud, von dem man in Heliogabal oder der gekrönte Anarchist liest. Das im Übrigen mit einer Meuterei seiner Soldaten endet, die ihn „theatralisch“ auf der Flucht wie in einem großen Finale siebzehnjährig in eine Latrine springen lässt, in der ihn ein sagenhafter Tod ereilt; danach schnell im Tiber entsorgt, und das Kapitel war in Rom erledigt, ohne Grab und mit wenigen Erinnerungsstücken, denn Heliogabal hat es tatsächlich geschafft, den sogenannten Staatsschatz zu verschenken, zu verschwenden und überhaupt wenig zum Erhalt von irgendetwas beizutragen. Ein wahrer Anarchist also.

Interessant an Matthes und Seitz Berlins Neuausgabe des Werks ist ein kurzer Briefwechsel Artauds, der Auflösungserscheinungen in Sprache und Satzbau erkennen lässt, nicht zuletzt eine tiefe Traurigkeit des einstigen Avantgardekometen und vor allem das neue, sehr aufrührerische Nachwort von Jean-Paul Curnier, von Tim Trzaskalik übersetzt. Hier geht es kaum um Artaud oder Heliogabal, es geht um die Ausgangsstellung heute: Masse-Individuum (Künstler) - > Anarchie...? Curnier hält resignierend fest:

Die Frage scheint sich umso mehr aufzudrängen, als angesichts des Zustands der Misere, der Resignation und der Erniedrigung, in den heute ganze Bevölkerungen gestürzt werden, kaum mehr etwas anderes auszumachen ist als ein umfassendes, namenloses Einvernehmen zwischen der Linken und der Rechten, ihnen beizubringen, das ihnen bereitete Leben besser zu leben.

Zumal man sich mit einigen einschlägigen Ausfälligkeiten seitens der Jugend aus diesen Vorstadtvierteln gegen die Polizei, die Politiker und wer weiß wen noch wird begnügen müssen, um zu ermessen, was all diese Resignation, Erniedrigung und Herabwürdigung des Menschen uns noch über die Menschheit sagen mögen. Von dem, was über sie gesagt wird, vernimmt man Folgendes: Mit ein bisschen Talent kann man aus seiner eigenen Misere einen wirtschaftlichen Erfolg machen, so man sich denn auf das Verkaufen und das Sich-Verkaufen versteht, so man denn verstanden hat, dass dem Dasein fortan nur noch dieser Weg des Enthusiasmus offensteht, und man sich selbst zum Medienapostel dieser empörenden Wahrheit macht.

Antonin Artaud
Heliogabal
Übersetzung:
Brigitte Weidmann
Nachwort: Jean-Paul Curnier
Matthes und Seitz Berlin
2020 · 197 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-811-2

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