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Kritik

Metamorphosen oder...

Hamburg

Der Goldene Esel, Weltliteratur der Antike im bibliophilen Gewand der Anderen Bibliothek. In gold-weißer Ausstattung mit illustrierenden Radierungen, umfangreichem Apparat sowie starker Einführung. Die klassische Übersetzung von August Rode, aus der Goethezeit, ist neu durchgesehen worden und es gibt nichts auszusetzen an ihrem rythmischen, kein bisschen angestaubten, wenn auch selten gewordenem Sprachhandwerk. Im Prinzip ist die komplex-verschachtelte Fabel, die wie für "damalige Zeiten" üblich auf jedes undienende Detail und jede Ausschmückung verzichtet, also dicht und ökonomisch eine idealtypische Handlungssteuerung aufweist, wie ein 1000 Jahre alter Vorläufer des Decamerons zu sehen – selbstredend parallel zu Ovids gleichnamiger Mythendichtung.

Die Originalgeschichte in Apuleius' Metamorphosen dreht sich um einen einfältigen Kaufmannsreisenden Lucius, der sich dermaßen für Hexerei begeistert, dass er mitsamt seiner Vorliebe für Mädchen, sich in Verhältnisse verstrickt, die aufgrund einer Salbenverwechslung zu allem Überfluss ihn selbst verhexen, bzw. in einen Esel verwandeln. Bis dahin wurden ihm bereits mehrere witzige bis schaurige Suberzählungen von Reisegenossen etc. erzählt. Nun geht es erst richtig los. Auf der verzweifelten Suche nach Re-Menschwerdung begegnet der arme Lucius nicht nur einer Fülle weiterer Erzählungen, wie die höchst berühmt gewordene lange Geschichte von Amor und Psyche, die in sich abgeschlossen ein eigenartiges fast psychedelisches Liebesmärchen darstellt, sondern sein eigenes Schicksal als Esel unter den Menschen rückt in eine satirisch-kritische, vor-moderne Perspektivbrechung. Mit diesem verblüffenden Wechsel gelingt es Apuleius, das auch damals hauptsächlich widerliche Verhalten der meisten Menschen erzählerisch zu "dissen". Der arme Lucius wird von verschiedener Seite dermaßen misshandelt, von Hirten, Müllern, Räubern, Hütern aller Art, dass es noch immer Pein bereitet, all die Ungerechtigkeiten und Kleingeistigkeit der kleinen Bösen in diesem Buch zu ertragen. Mehrfach wird er halb zu Tode geprügelt, in Brand gesetzt oder als Arbeitssklave missbraucht bis zum Umfallen. Die ersehnte Kur, eine Rosenpflanze, ist in weiter Ferne. Der innerhalb seiner Erzählung nur zum "I-AAAA" fähige Lucius findet sich allem beraubt – und das Bild, das hier heraufbeschworen wird, vermag noch immer zu schockieren. Heute dürfte es kein bisschen besser sein unter den Menschen, ob als Mensch oder Tier. Schließlich vermag sich Lucius dennoch öffentlich zurückzuverwandeln, unter der göttlichen Bedingung, von nun an Priester der Göttin Isis zu werden, die ihm die Re-Metamorphose gewährt hat.

Aufgrund dieser religiösen Auflösung, Amor und Psyche sowie seiner stellenweise eben nicht ausformulierten Details bzw. dem sprachlich brillanten Formalismus der eingestreuten Erzählungen und Sprechweisen ist Der Goldene Esel bis heute ein Mythos der Erzählkunst und ihrer holistischen Auslegung. Zudem der erste und einzige vollständig erhaltene Roman der Antike. Er bietet vielerlei Stimmungen auf und besonders zwei Aspekte sind die heutige Lektüre unbedingt wert: das äußerst nachdenklich stimmenden Verhalten dem Esel gegenüber, sowie die Kunst in der Kunst: Amor und Psyche, eine der inspirierendsten Vorlagen Bildender Kunst und Musik bis heute: Melencolia, Machtlosigkeit und Sehnen im Dunklen. Lest selbst.

Apuleius
Metamorphosen oder der Goldene Esel
Übersetzung:
August Rode
Die Andere Bibliothek
2018 · Seiten · 42,00 Euro
ISBN:
9783847704003

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