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Kritik

Der Mensch und das Licht

1928 - 2018
Hamburg

 

„Ein guter Fotograf muss die Menschen lieben“, sagt Ara Güler, der sich selbst das „Auge Istanbuls“ nennt. Er wird in diesem Jahr 86. Güler, der Fotojournalist, hat alles erreicht. Er zählt zu den Größten seiner Zunft, hat im Laufe seines Lebens alle nennenswerten Fotopreise gewonnen, die Welt bereist, hat für Time, Life, Paris Match und viele weitere gearbeitet, und ein Ende seines Schaffens ist nicht abzusehen.

Noch bis Februar 2015 sind seine Werke im Willy-Brandt-Haus in Berlin ausgestellt – begleitend erscheint im Berliner Nicolai Verlag eine von Gisela Kayser und Hasan Senyüksel edierte Anthologie, die einen Einblick in seine Arbeit von 1950 bis 2005 gewährt.

 

Ara Güler - Das Auge Istanbuls, Willy Brandt Haus, Berlin

 

Ara Güler, Anatolia, Source: araguler.tr

Ara Güler ist ein Chronist, der beständig das Leben dokumentiert, vor allem das Leben in Istanbul. „Als ein Fotograf der Menschen möchte ich ihre Freuden, Dramen, ihre Art zu leben, alles was zum Menschen gehört, aufnehmen. Fotografie ist ein Mittel der Aufzeichnung, sie muss erzählen und du musst etwas daraus schließen können.“ Auch wen Güler ein gewaltiges Bosporuspanorama oder die Silhouette der Istanbuler Altstadt mit ihren Moscheen ablichtet, steht doch der Mensch im Vordergrund, und sei er noch so winzig: Es kommt Güler weniger auf die Architektur an, als vielmehr auf das, was sich allein in der umrissenen Gestalt ausdrückt, in ihrer Haltung, ihrem Ausdruck, ihrer Position im Verhältnis zu ihrer Umgebung. Nur selten posieren die Menschen für das Objektiv. Güler hält den Alltag meist der kleinen Menschen fest, oft auch ihre Reaktionen auf ihn.

Über Jahrzehnte suchte er ein Istanbul, das es heute fast nicht mehr gibt: Das Istanbul der verwitterten Holzhäuser, von denen die meisten längst Bränden oder Investoren zum Opfer fielen. Das Istanbul derer, die längst vertrieben wurden. Das Istanbul der Griechen und das der Armenier, wie er selbst.

„Das Istanbul der 1950er und 1960er Jahre mit seinen Straßen, Gehsteigen, Läden, seinen vergammelten Fabriken, seinen Schiffen, Pferdewagen, Bussen, Wolken, Taxis, Häusern, Brücken, Schornsteinen, Rauchschwaden, Menschen und seiner unscheinbaren Atmosphäre hat niemand so gut festgehalten, dokumentiert und bewahrt, wie Ara Güler mit seinen Fotos“, schreibt Orhan Pamuk, dessen Buch „Istanbul“ teils in Gülers Archiven entstand. Güler hat sich nie als Künstler verstanden, sondern immer als Journalist. Dennoch sind seine Kompositionen, in denen neben dem Menschen das Licht die zweite Hauptrolle spielt, eindrucksvolle Stimmungsbilder, die Lebendigkeit ausstrahlen und Hüzün. 

Aber nicht nur Alltag, auch die Politik dokumentiert Güler. Im Sommer 2013 saß er zusammen mit den Demonstranten im Gezi Park. Im Sommer 1960 fotografierte er die Studentenproteste gegen Menderes und deren Niederschlagung; am 1. Mai 1977 hielt er das Massaker am Taksim-Platz fest, auch hier wieder interessierten ihn die Menschen: die Flüchtenden, die Toten, die auf den Straßen liegen, und die verzweifelten Überlebenden dazwischen.

Was über Istanbul leicht vergessen wird: Gülers Blick schweifte durch ganz Anatolien und über den ganzen Erdball, und die Aufnahmen, die außerhalb Istanbuls entstanden stehen den berühmten Werken, von denen wohl jeder das ein oder andere kennt, in nichts nach. Die vorliegende Sammlung legt zwar auch den Schwerpunkt auf Istanbul, gewährt aber zugleich Einblicke in die Vielfalt des Gülerschen Schaffens.

Ara Güler · Gisela Kayser (Hg.) · Hasan Şenyüksel (Hg.)
Ara Güler
Fotografien 1950-2005
deutsch/türkisch.225 Abb. überwiegend Duotone.
nicolai, Der Hauptstadtverlag
2014 · 216 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-89479-906-9

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