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Kritik

Ich menş / Du menş

Hamburg

Der Verbrecher Verlag legt die drei Klassiker-Poeme Aras Örens der Berliner Trilogie wieder auf, in einem Band. Absolute Pflichtlektüre! Nicht (nur), weil sie jenen Klassiker-Status haben, sondern weil sie unabhängig aller Kanonisierung wahnsinnig gute Werke sind. Das ist Streetpoetry von allerhöchstem Stern, aber einem nahen, denn Ören spricht direkt und dennoch kunstvoll aus, was Vereinsamung, Aufgabe/ Hingabe, Ortswechsel, Maloche und Straßenperspektive mit einem (der Sprache und Denkweise zuvorderst) anstellt. Der Opener Was will Niyazi in der Naunynstraße? aus dem Jahr 1973 ist der allerdirekteste. Schonungslos dichtet Ören gegen eine Situation an, der sich eine Menge Menschen aussetzen mussten und noch immer müssen: "Gastarbeiten", etwas den Rücken kehren, um es anders neu zu versuchen, allgemein gesprochen, meist an einer Zwangsmaschine, die sich von genau jenem Müssen ernährt.

Ören verflechtet in seinen Gedichten ein ganzes Panorama an Stimmen. Die Vermieter, die Nachbarn, die Kinder, die Fabrikbesitzer, die Ressentiments, die Stimmung von Verheißung in einem ungastlichen Land mitten im Wiederaufbau, die allgegenwärtige Unsicherheit, die Schikanen, die grassierenden kapitalistischen Kochtöpfe, die kleinen Fluchtpunkte, die Nachtschicht, die Tagschicht, und über allem die Erinnerungen. An jenen Startpunkt, das Zurückgelassene, das aus Gründen zurückgelassen wurde gewiss und die kalte Erkenntnis, dass sich jenes verheißungsvolle Neue als etwas mächtig Illusorisches entpuppt, das zwar anders, aber keinen Deut gehobenere (als Bruch dargestellt) Verhältnisse gebracht hat: Existieren ist scheiße! könnte man sagen. Aber Ören hütet sich vor den Fallstricken entdichtender Rants, er schreibt klug und theaterlich in einer Montage von Personen, Gedichten in Gedichten, Ortswechseln, Melancholie mit harten Schnitten.

Ein verrückter Wind eines Tages
wirbelte den Schnurrbart eines Türken,
und der Türke rannte hinter seinem Schnurrbart
her und fand sich in der Naunynstraße

[...]

Eines Tages drehte Klaus durch:
Laß flöten gehn, sagte er.
Von wegen Demokratie,
von wegen Recht,
von wegen Freiheit.
Was geht das mich an? Was hab ich davon?
Was versteh ich davon?
Mir drückt’s die Luft ab

Das Bier setzt er sich vor den Kopf.
Hinterher Kirschlikör,
und noch mal Bier.
Das ist das Leben!
Nur so hat man was vom Leben!
Mit der Faust schlug er den mickrigen kleinen Säufer,
einen Faustschlag setzte Klaus
in das gegenüberstehende Gesicht.
„Was stehste hier so dämlich rum?
Kannst ja noch nicht mal richtig quatschen,
dreckiger Ausländer, was willst’n hier überhaupt?“
Noch mal schlug Klaus in das gegenüberstehende Gesicht.

Ist das das Leben?
„Ja, das ist es.
Bloß nicht ducken,
vor keinem, auch nicht vor dir selber.
Wenn du zuschlagen willst,
dann schlag zu.
Manche haben es verdient,
zum Beispiel dieser Affenpinscher da!
Möchte wissen, wozu so was überhaupt lebt?!
Mir sind alle egal außer mir.
Ich traue keinem außer mir.
Ich kotze mich an.
Du kotzt mich an.
Ich ersticke vor lauter Kotze.
Ich ...
Ich ...
... .“

Die von H. Achmed Schmiede, Johannes Schenk, Jürgen Theobaldy und Gisela Kraft aus dem Türkischen übertragenen Texte sind sogartig zu lesen, voll unvergesslicher Stellen und neben dem ganzen Kolorit einfach brandheiße Gründe, Gedichte zu verschlingen und zu schreiben, als Fluchtraum und Utopie, wie es Ören vor über vierzig Jahren tat. In Hoffnung, all das Konstatieren vielleicht überwinden zu können.

Die Häuser, die dich in der Naunynstraße ansehn,
drehn dir mit der Vorderfront den Hintern zu,
wie stumpf gewordene Transportarbeiter
die Last nicht achten, die sie tragen.
Erst wenn du in die Hinterhöfe trittst, dann
fühlst du, dann schmeckst du, dann riechst du,
was da in der Luft liegt.
Dann merkst du – eher als
in den Neubauvierteln draußen,
wo ihre Isolierung größer ist –
dass hier die Klasse wohnt, die
diese Gesellschaft regeln zerschlagen auswischen
und neu bauen wird.
Was da in Luft liegt,
verschlingt alle sauren Schimmelgerüche.

Im Jahr 1974 erstmals veröffentlichten Nachfolger Der kurze Traum aus Kagithane geht es noch melancholischer zu. Der Fächer wird größer, komplexer und nutzt alle Schattierungen eines talking poems. Und auch der dritte Teil der Trilogie Die Fremde ist auch ein Haus, von 1980, macht kurzen Prozess, wo er kann.

Die gelbe Karte in der Hand,
so trat Kázim auf die Straße,
hin zur neuen Adresse auf der Karte.
Am nächsten Tag
das Gleiche.
Was es an Arbeit gab in Berlin,
der Boden schien es geschluckt
zu haben.

Dann tagelang betrunken sein.
Dann die Ankunft seines Schwagers.
Dann zusammen mit ihm zum Arbeitsamt.
Am Eingang wieder dieses Plakat:
                Hier gibt es mehr
                als Geld und gute Worte.

Dann, blond und rundlich, dieser
idiotische Angestellte:      
                Findet selber keine Arbeit
                und lässt den noch nachkommen!
                Soll er doch gehen,
                wo er hergekommen ist!

Sicherheit ist eine Waffe für den, der sie besitzt.
Sie geht von Hand zu Hand,
und kommt sie einem erstmal weg,
wird sie gegen einen selbst
benützt. Sicherheit
besaß der blonde Angestellte,
und sie war gegen Kázim gerichtet.

Irgendwie will man das gesamte Buch abschreiben oder auswendig lernen. Zum Schluss noch ein Originaltext von Aras Ören aus dem Band, der mit einem brandneuen Vorwort des Dichters versehen ist, und dem hoffentlich viele Auflagen beschieden sind. Eine der wichtigsten (Wieder-) Veröffentlichungen hierzulande von zeitloser Vehemenz.

[...]

Wenige wissen davon, täglich läuft man daran vorbei,
an der Eckkneipe in Kreuzberg mit den heruntergelassenen
Jalousien. Drinnen sitzen nach Feierabend
ein paar Türken beim Glücksspiel.
Knapp sind ihre Handbewegungen, aus Plastik
sind die Manschettenknöpfe mit den großen Steinen.
Wütend sind sie aufeinander, die Spieler,
an den Zigaretten ziehen sie auf ihre eigene Art. Es ist,
als sei die Verbindung abgebrochen zur Straße, zu allen, die
da draußen sind.
Da brabbelt ein Betrunkener irgendwas über den Mondschein,
und das lahme Mädchen, die Hände aufgesprungen
vom Wäschewaschen, das Gesicht
vom Sturm der schwarzen Haare durchtobt, geht hin und wieder
ans Mikrofon und schüttet in die verqualmte Kneipe
ein Lied, das einen fertigmacht.
Das Spiel, das ist eine Gier, die den Menschen erfaßt
und bleibt, auch wenn er
den Tisch schon voller Geld hat.
Warum Ilhan gewinnen will, davon weiß er nichts.
Gewinnen ist wichtig,
nicht das gewonnene Geld.

Wenn Ilhan gewinnt, so ist das, als besiege er
den Zustand, in dem er zerdrückt wird.
Und wenn er verliert, Tag für Tag,
irgendwo, am Arbeitsplatz, gegen
irgend jemanden, gegen den Nebenmann, gegen sich selbst,
dann ist es, als halte er seine Leidenschaft
in der Hand, streichle sie, wenn er wieder
nach Feierabend in die Kneipe geht
und sich an Spieltisch setzt.

 

Aras Ören
Berliner Trilogie
Übersetzung:
H. Achmed Schmiede, Johannes Schenk, u.a.
Verbrecher Verlag
2019 · 232 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
9783957324009

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