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Kritik

"Es ist schon spät, Dante."

Armin Sensers "Liebesleben", erschienen als Band 34 der Edition Lyrik Kabinett, ist ein unterhaltsamer Band mit einigen sehr saftigen Gedichten, der es einem nicht ganz leicht macht, ihn zu mögen.
Hamburg

Ein violetter Buchrücken; ein Titelbild, auf dem an prominenter Stelle ein rotes Herz mit Pfeil zu sehen ist; dann auch noch ein Titel wie "Liebesleben", der nur ein Leerzeichen vom gebetshaften Abfeiern der schieren Existenz entfernt ist ... das Erscheinungsbild dieses Buches lässt diverse Alarmglöckchen klingeln. Hätte ich Sensers Band nicht als Rezensionsexemplar erhalten, sondern ihn im Buchladen in die Hand bekommen (für die jüngeren Leser: Buchladen, das ist sowas ähnliches wie Amazon, nur, dass man hingehen muss, bar zahlen kann und die Empfehlungen, die man bekommt, auf Geschmack statt auf Statistik beruhen), ich hätte ihn sofort wieder weggelegt, in der sicheren Erwartung, dass es sich um grenz-esoterischen Grenz-Kitsch handeln müsse.

Womit ich freilich falsch gelegen wäre - don't judge a book by its cover und alles das. Schon das erste Gedicht des Buchs, betitelt "2013", macht mir das in seinen ersten paar Versen deutlich:

Der Vogel sucht noch immer seinen Käfig.
Der Priester huscht zum Priester ins Nest.
Du selbst zwitscherst: credo quia absurdum est.

Sehen wir da strenge Rhythmik, Reim, und Humor zugleich vorliegen? Nicht schlecht, wenn schon nur der Eindruck erweckt ist, dem könnte so sein. Mal sehen, ob (a) das restliche Gedicht und (b) der restliche Band dann auch noch hält, was die drei Zeilen versprechen. Einzig, dass es schon wieder der religiöse Erfahrungshorizont zu sein scheint, der unhintergehbar-selbstverständlich hinter der Textlandschaft rumhängt wie eine vom Vormieter angebrachte unverwüstliche Tapete, will mir mißfallen. Aber nicht mal hierüber darf ich mich sinnvollerweise beschweren: Das Gedicht "2013" erweist sich nämlich als achtstrophige, freundlich-spöttische Abhandlung zu Alter und Rücktritt des Ratzingerpapstes; die putzigen Priester-Putten in der zweiten Zeile (Benedikt und Gänswein?) und der von ihnen evozierte Horizont haben damit ihre volle Berechtigung. Später im selben Text lautet eine Strophe dann aber leider:

Wie könnte es anders sein? Ach was. Altern, belagert
von Panik, prägt sich Nutzlosigkeit ein. Die Kräfte schwinden.
Überall hält man sich fest. Am Geländer und am Herd.
Doppelt so lang dauert jede Sache. Eingeschlossen die Stunden.
Und anstelle von dem, was man liebt, schluckt man
Pillen. Altern! Das kommt dir vor wie Größenwahn:
Klarsicht im Quadrat. Plus Gebrechen. Plus Langsamkeit
et cetera. Da wird Raum geschaffen allein für Zeit.

Und ja doch, alle acht Strophen haben diesen didaktischen Achtzeiler-Aufbau; Senser beherrscht die Form, statt von ihr beherrscht zu werden. Aber eben auch: Ja doch, darauf läuft's hinaus - die knallig-hintersinnige Eröffnung dient zu nichts als dazu, den scheidenden, alternden Papst seinerseits als großmetaphorischen Schreibanlass zu haben; als "eigentliches" Thema des Gebildes tritt (in Strophe sechs) deutlich das allgemeinmenschlichere Problem des Alterns-selbst hervor. Und das macht das Ganze gleich um einiges weniger originell.

Diese selbe Grundstruktur prägt die Mehrzahl der Texte des Bandes. Die Ingredienzien - (1) origineller, formal und inhaltlich vielversprechender Impuls; (2) Formstrenge, oder zumindest -bewußtheit; (3) sympathisches Augenzwinkern; (4) unvermutet-unnötige Abzweigung ins Große-Allgemeine-Harmlose-Unverbindliche - bleiben dabei gleich, nur an ihrem Mischverhältnis ändert sich etwas.

Das trifft auch auf das "Großgedicht" des Bandes zu - "Die menschliche Komödie", eine humanistische Dante-Alighieri-Extravaganz in 10 Gesängen mit je unterschiedlich vielen zehnzeiligen Strophen - doch zum Glück bleibt gerade dieser spezielle Text bis zum Schluss auf seinen originellen Anfangsimpuls auch anders als bloß didaktisch bezogen. Das rettet nicht nur ihn - das rettet den ganzen Band.

"Es ist schon spät, Dante. Und ich, angeheitert und etwas
panisch, weiß nicht mehr, wo wir stehengeblieben sind."
"Wo? Na ja, du hast wieder von den belegten Broten
geträumt, von diesen, wie heißen sie? Canapés." "Schon wieder!
Eigenartig, nicht." "Es ist zum Lachen." "Nein, Dante,
die Canapés-Träume sind ziemlich ernst." "Was
könnte an belegten Broten ernst sein?" "Weil die Canapés
meine Kindheit sind. Und eine Kindheit eher maßlos und blind
ist. Eine Art Völlerei. Da musst du dann immer
noch was schlucken, mit dem du überhaupt nicht gerechnet hast."

Damit beginnt "Die menschliche Komödie". Achtzehn Seiten später endet sie, wie könnte es anders sein, mit dem Tod. Dazwischen liegt ein Zwiegespräch, das sich nicht an jeder Stelle über die Komplexität alltäglicher Lebensphilosophie erheben muss, um lustig, hintersinnig, bezugsreich zu sein. So geht sowas, so lesen wir sowas gerne. (Und es geht mich als Rezensent ja nichts an, aber "Es ist schon spät, Dante." wäre der deutlich griffigere Buchtitel gewesen.)

Einige der didaktischen Volten, die Senser seine Stoffe schlagen lässt, lassen erkennen, dass ihm das Obsoletwerden der Metaphysik im Laufe der letzten hundert Jahre nach wie vor als notwendiges Thema erscheint; der Kanon der daran angeknüpften v.a. kunstgeschichtlichen Diskurse der klassischen Moderne als Kompass. Zu einer poetologischen Diskussion über dieses Themenspektrum hätte Senser sicherlich einiges beizutragen.

Fazit: Dort, wo "Liebesleben" uns Dinge über die conditio humana erklären will, nervt es gelegentlich; dort, wo es uns unterhalten will, unterhält es uns verlässlich und geistvoll.

Armin Senser
Liebesleben
Hanser
2015 · 104 Seiten · 15,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24911-0

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