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Dinge, die einen verändern

Hamburg

Im Himmel, ganz oben, konnte ich einige ziehende Wolken erkennen, und da begriff ich, ich hatte überlebt.

Mit diesem starken Bild beginnt der neue Roman von Arno Geiger Unter der Drachenwand. Er erzählt von Menschen im österreichischen Hinterland, wohin der Krieg allerdings auch seinen Schatten wirft.
Veit Kolbe, der junge Ich-Erzähler und Protagonist, wird 1943 in Russland schwer verletzt, und als er realisiert, dass ihn der Krieg auch diesmal nur zur Seite geschleudert hat, überfällt ihn ein unbändiges Glücksgefühl.

Das unbegreifliche, mit nichts zu vergleichende Gefühl, das man empfindet, wenn man überlebt hat. Als Kind der Gedanke: Wenn ich groß bin. Heute der Gedanke: Wenn ich es überlebe / Was kann es Besseres geben, als am Leben zu bleiben.

Veit bekommt einen längeren Genesungsurlaub, den er mit verschiedenen Tricks verlängern kann, aber ihm und uns ist von Beginn an klar, dass das eintritt, wovon er am Ende des Buches berichtet:

… und ich fuhr wieder Richtung Front, obwohl mir der Krieg zuwider war und obwohl ich wusste, dass ich einer unrechten Sache dienen würde.

Er fährt also wieder in den Krieg und staunt selbst, wie geduldig er an einem Ereignis teilnimmt, das ihn töten will. Zwischen Ende und Anfang des Romans liegt ein großer Teil des Jahres 1944. Veit flüchtet sich in den kleinen Ort Mondsee, der an dem gleichnamigen See und unter der schroffen Drachenwand liegt. Er ist damit beschäftigt, seine Verletzungen zu pflegen, das Leben zu meistern und kann, da ihn in Tag- und Nachtträumen schreckliche Bilder verfolgen, wie viele Soldaten nicht ohne die Metamphetamin-Pille Pervitin leben.
Als Quartier hat ihm sein Onkel, der Mondseer Postenkommandant, ein äußerst bescheidenes Zimmer bei der Quartiersfrau Trude Dohm besorgt. Deren Mann ist ein Nazi und geht im Generalgouvernement seinen üblen Tätigkeiten nach.

Neben den Einheimischen leben viele Gestrandete am Mondsee. Da gibt es im Nachbarort Schwarzindien ein Lager für dreizehnjährige Mädchen, die aus der Stadt Wien verschickt wurden, betreut von der unglücklichen und unnahbaren Lehrerin Margarete. Eines der Mädchen, das wegen seiner Beziehung zu dem älteren Nachbarsjungen Kurt in Schwierigkeiten gerät, wird im Verlauf der Handlung verschwinden.
Veits Zimmernachbarin Margot ist mit ihrem neugeborenen Töchterchen Lilo aus dem bombengefährdeten Darmstadt und vor ihrer Mutter geflüchtet. Und da ist noch der Außenseiter Robert – nach einem Aufenthalt in Südamerika der Brasilianer genannt. Er betreibt eine Gärtnerei und muss wegen seiner hitlerfeindlichen Sprüche ins Gefängnis. Außerdem erfahren wir die traurige Geschichte der jüdischen Familie Meyer (Oskar und Wally mit Sohn Georg). Voller Hoffnung flüchten sie von Wien nach Budapest und können dem Holocaust doch nicht entkommen.
Anhand der Beschreibung dieser unterschiedlichen Personen gelingt es Arno Geiger, das umzusetzen, was er in einem Interview mit den Voralberger Nachrichten mit seiner Literatur erreichen möchte:

Ich glaube, dass ich am ehesten ein dreidimensionales Bild von der Welt bekomme, wenn ich sie von verschiedenen Standpunkten aus betrachte. Ich halte das für eine moralische Pflicht.

Im Mittelpunkt des Romans steht die Liebesgeschichte zwischen Veit und Margot. Veit kämpft mit Angstattacken, Margot mit Briefen ihres Mannes von der Front und denen von ihrer Mutter aus dem total zerbombten Darmstadt. Doch zögerlich kommen sie sich näher, bis sie versuchen, Zeit und Raum auszublenden und trotz aller Hindernisse zumindest zeitweise ein kleines Glück erfahren. Das zeigt sich, wunderbar von Arno Geiger beschrieben, hauptsächlich in kleinen Dingen. Wie Margot Windeln stopft oder ein Kleidchen näht, das Kind durchs Zimmer krabbelt, die beiden im Schlafanzug Radio hören, über Allfälliges reden.
Ich kann nur zustimmen, wenn der Erzähler festhält:

Und ich weiß, es sind schon ereignisreichere Geschichten von der Liebe erzählt worden, und doch bestehe ich darauf, dass meine Geschichte eine der schönsten ist. Nimm es oder lass es.

Denn das, was in anderen Zusammenhängen nebensächlich erscheinen würde, erhält hier durch die Ausnahmesituation des Krieges eine andere, eine große Bedeutung, weil Veit nie weiß, wie lange das, was eigentlich ein normales Leben ausmacht, für ihn Bestand hat.

Einen völlig anderen Blick auf das alltägliche Leben hat der Jude Oskar. Er klammert sich verzweifelt an die Hoffnung seine in eine Razzia geratene Frau und sein Sohn wären noch am Leben, und er selbst könne mit seiner falschen Identität vielleicht eine Fluchtmöglichkeit finden. Körperlich und seelisch am Ende, meldet er sich freiwillig zu einem Arbeitseinsatz, der für ihn in einem Todesmarsch enden wird. Dabei erfährt er fassungslos die Gleichgültigkeit seiner Umgebung.

Bisweilen folgten uns Kinder, wie sie einem Zirkus folgten, sie ahmten unser Gehen nach, und zogen Grimassen vor den angeleinten Hunden, damit die Hunde die Zähne fletschten / Ich war erstaunt über den normalen Fortgang des Lebens außerhalb meiner eigenen Situation. Ich schaute den Vögeln hinterher, die von einem Baum zum anderen flogen. Ich sah, wie die Landschaft sich öffnete, und spürte, wie ich selbst immer kleiner wurde.

Wie in dieser Textstelle gelingt es Arno Geiger, in dichten Bildern die Grausamkeiten des Krieges in vielen Facetten darzustellen. Die Perspektive des Ich-Erzählers wird durch Briefe von Menschen ergänzt, die nicht in Mondsee wohnen. Die Geschichte habe ihn gefunden, erklärt der Autor, und im Nachwort erfahren wir, dass die Protagonisten nicht erfunden sind und dass es für Veit und Margot nach dem Krieg ein Happy End gab.

Ich glaube, dass es Dinge gibt, die einen verändern, wenn man sie berührt. Das ist die Liebe und das sind auch der Krieg und die Gewalt,

erklärt der Autor in dem oben erwähnten Interview.

Als Veit Kolbe mit dem Milchbus Mondsee verlässt, um vier Tage lang bis zur Front zu fahren, in den Krieg, von dem er sagt, es sei auch sein Krieg, weil er an diesem verbrecherischen Krieg mitgewirkt habe, sagt er im letzten Satz ähnlich wie sein Autor:

Dann verschwand die Wand aus meinem Blick, und ich schloss die Augen im Wissen, dass wie vom Krieg auch vom Mondsee etwas in mir bleiben wird, etwas, mit dem ich nicht fertig werde.

Arno Geiger
Unter der Drachenwand
Hanser Verlag
2018 · 480 Seiten · 26,00 Euro
ISBN:
978-3-446-25812-9

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