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Kritik

Nicht im Einmachglas als Museumsmonster landen

Bei Matthes & Seitz erscheint erstmals die „Korrespondenz“ Arthur Rimbauds auf deutsch — und damit sehr viel mehr als eitle Briefe
Hamburg

Als vor knapp sieben Jahren eine Fotografie Arthur Rimbauds entdeckt wurde, die ihn als erwachsenen Mann im Jemen zeigt, berichtete weltweit das Feuilleton über diesen „Sensationsfund“: Woher der Buchhändler Jacques Desse das Bild hatte und wie viel er dafür zahlen musste, wurde nicht öffentlich bekannt; dafür entschlüsselte man in Windeseile, mit wem der Dichter dort zu sehen war und ließ die Echtheit der Fotografie sogar dadurch validieren, dass Rimbaud-Experte Jean-Jacques Lefrère eine Fotografie des jungen Dichters am Computer virtuell altern ließ. Soviel Mühe ist Rimbauds Antlitz seiner Nachwelt wert. 

Nicht nur die Begeisterung für die Verse Rimbauds ist also ungebrochen, sondern auch das Interesse an der Biographie des „Frühvollendeten“ — dessen literarische Schaffensphase nur ein Achtel seiner Lebenszeit einnimmt. In den letzten Jahren hat sich im deutschsprachigen Raum vor allem der Verlag Matthes & Seitz Berlin um Rimbaud bemüht: Jetzt ist erstmals die vollständige Korrespondenz Rimbauds auf Deutsch dort erschienen, ediert wurde sie vom mittlerweile verstorbenen Jean-Jacques Lefrère, übersetzt und ergänzt von Tim Trzaskalik.

Über die Schwierigkeiten einer solchen Edition wird im Vorwort berichtet, denn Schwester und Schwager Rimbauds haben, um das Bild eines großen Dichters zu wahren, vieles aus der Korrespondenz umgeschrieben oder zensiert. Als Gegenprogramm zu einem Heiligenbild gestaltet sich nun die vorliegende Ausgabe. Durch ihre offene Struktur wird kein zwanghaft einheitliches Bild Rimbauds zusammengeschustert, sondern ein bewegtes und wechselhaftes Leben dokumentiert. In zwei edlen gelben Leinenbänden und einem kartonierten Anmerkungsapparat sammeln sich fast 2.300 Seiten Literaturgeschichte — aber eben nicht nur: Als besondere Qualität der Korrespondenz erweist sich, dass sie nicht nur Schmuckstück für Rimbaud Liebhaber ist, die noch ein paar zusätzliche Zeugnisse des Dichters im Regal haben wollen. In ihrer Breite lässt sie Rimbauds Welt lebendig werden und zeigt das Genie auch als an Kunst desinteressierten Geschäftsmann. 

Viele Stimmen zu, an und über Rimbaud nehmen eine wichtige Rolle in der Edition ein: Da findet sich etwa ein empörter Brief seiner Mutter Vitalie an den Lehrer Izambard, wie er dem jungen Arthur nur so ein unmoralisches Buch wie Victor Hugos „Die Elenden“ zustecken könne. Tagebucheinträge Vitalies machen zudem den sorgenvollen Blick auf ein authentisches Dichterleben zugänglich. An jenen Izambard sind auch die berühmten Seher-Briefe adressiert, in denen Rimbaud sein poetologisches Selbstverständnis darlegt und sich immer mehr der Bruch mit allem, was bisher war, ankündigt : 

Ich denke: man müsste sagen Man denkt mich. —Verzeihen Sie das Wortspiel. — Ich ist ein anderer. Pech für das Holz, das sich als Geige wiederfindet, und Hohn den Ahnungslosen, die an etwas herummäkeln, wovon sie überhaupt keinen Schimmer haben! Sie sind kein LEHRER für mich. Ich gebe Ihnen dies: ist es Satire, wie Sie wohl sagen werden? Ist des Dichtung? Es ist Fantasie, immerhin. — Aber ich bitte Sie darum, nichts anstreichen, weder in Farbe noch — allzu sehr — in Gedanken. 

Ganz prosaische Zeitungsausschnitte erleichtern wiederum, sich ein Bild der Zeit zu zeichnen, in der Rimbaud lebte. Die zeitgenössische Rezeption wird durch Rezensionen aufgenommen, ebenso wie Einträge des jungen Ausreißers ins Polizeiregister. Aber natürlich erfährt der Leser auch Privates, Indiskretes: Paul Verlaine schreibt seinem jüngeren Geliebten ganz explizit: „Letzte Empfehlung: sofort nach Deiner Ankunft mich packen, sodass keinerlei Ziererei — und Du wirst dies so schön zu tun verstehen.“ An seine hintergangene Ehefrau richtet Verlaine hingegen übelste Beschimpfungen: „Elende Karottenfee, Mäuseprinzessin, Wanze, auf die zwei Finger und der Nachttopf warten…“ 

Rasch ist das Bohème-Leben und die Affäre mit Verlaine wieder vorbei und Rimbaud landet in Nordafrika, vor allem in Aden und Harar. Er ist nicht mehr Dichter, sondern Angestellter. Der Anhänger der Pariser Kommune schlägt nun selber seine Arbeiter — was ihm allerdings ein Disziplinarverfahren einbringt. Zwischen Klagen über schlechte Geschäfte, Gezeter um Zinsen und Quittungen oder ethnologischen Aufzeichnungen im Auftrag einer Handelsfirma, findet sich dann plötzlich das berühmte Gedicht „Vokale“, das erstmal 1883 in der Pariser Zeitschrift Lutèce, viele hundert Kilometer entfernt, gedruckt wird. Im Gegensatz zur französischen Ausgabe der Korrespondenz sind in der von Matthes & Seitz sämtliche zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte direkt im Korrespondenz-Verlauf gedruckt. Sie beinhaltet also auch eine Neuübersetzung des dichterischen Werks Rimbauds — mit Ausnahme der frühen lateinischen Schulgedichte und den erst 1901 in einer Druckerei wiedergefunden Gedichten für das album zutique. Die Übersetzung beruht im Gegensatz zu bisherigen Versuchen auf Basis der Handschrift und wird im sehr lesenswerten Anmerkungsapparat fachkundig erläutert. Hier kann auch die Entstehungsgeschichte der Gedichte gut nachvollzogen werden, was auch das beliebte Bild vom Geistesblitz ganz sachlich kontextualisiert. 

Das Korrespondenz-Paket ist also, kurzum, ein großes Geschenk für deutschsprachige Rimbaud-Leser. Die Bände vermitteln einen vielschichtigen und auch oft spannenden Einblick in ein bewegtes „Nicht-nur-Dichter-Leben“, die Fülle an Material verhindert die naive Hagiographie. Und nicht zuletzt sind die hervorragenden Übersetzungen Tim Trzaskaliks ein wichtiger neuer Zugang zum dichterische Werk, das zwar schon viele lesenswerte deutsche Fassungen gesehen hat, die sich aber oft vor allem als ambitionierte Nachdichtungen verstanden.

Arthur Rimbaud · Tim Trzaskalik (Hg.) · Jean-Jacques Lefrère (Hg.)
Korrespondenz
Übersetzung:
Tim Trzaskalik
Matthes und Seitz Berlin
2017 · 2288 Seiten · 128,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-013-0

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