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 Annäherungen  Sieben Essays zu W.G.Sebald, Vandenhoek und Ruprecht Verlage (Böhlau)
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 Annäherungen  Sieben Essays zu W.G.Sebald, Vandenhoek und Ruprecht Verlage (Böhlau)
Kritik

Die Stimme des Verschwindens

Hamburg

Als ich im Oktober 2017 in Frankfurt ankam und über die Agora des Messegeländes schlenderte, waren die ersten beiden vertrauten Gesichter, die ich erblickte, die von Aslı Erdoğan und Osman Okkan. Die beiden saßen in der Sonne und tranken Kaffee. Erst wenige Tage zuvor hatte Aslı Erdoğan die Türkei verlassen können. Nach ihrer Inhaftierung im Jahr 2016 hatten die Behörden neun Monate lang ihren Pass einbehalten und ihr die Ausreise verweigert – bis der internationale öffentliche Druck groß genug wurde und man wohl entschloss, dass sie dem Staat weniger gefährlich sein würde, wenn man sie ins Exil schickte.

Das letzte Jahr hatte Spuren hinterlassen, die ihren Augen deutlich anzusehen waren. Zur Ruhe kam sie erstmal nicht. Es standen Preisverleihungen, Lesungen, Pressetermine an – um ihre Bücher ging es dabei, wie oft in solchen Fällen, bestenfalls am Rande. Die Medien prügelten sich um sie, weil sie zur Symbolfigur des Widerstands gegen das Erdogan-Regime geworden war. Sie selbst betrachtet den Wirbel mit nüchternem Realismus. „Ich bin damit ja eigentlich gar nicht gemeint“, kommentierte sie Ende 2018 auf der Bühne des Großen Sendesaals beim WDR in Köln die Frage nach all den Ehrungen, die ihr seit der Flucht zuteil wurden.

Und machen wir uns nichts vor – dass nun (endlich!) ihr Roman „Das Haus aus Stein“ auf Deutsch erscheint, ist eben dieser Medienaufmerksamkeit geschuldet. Viele Verlage, auch große Publikumshäuser, publizieren in letzter Zeit auffällig oft türkische Literatur in Übersetzung. So begrüßenswert das auch ist - die Hoffnung, dass sie das auch dann noch tun werden, wenn das öffentliche Interesse an den Vorgängen am Bosporus wieder abflaut, darf bezweifelt werden. Dann werden es wieder nur ein paar engagierte Kleinverleger sein, die sich darum kümmern. Die Großen werden aussteigen, sobald sich kein Geld mehr verdienen lässt. Es ist ein Trauerspiel, aber ein altbekanntes.

Für „Das Haus aus Stein“, ursprünglich 2009 erschienen, erhielt Aslı Erdoğan 2010 aus den Händen von Yasar Kemal den Sait-Faik-Preis, den wichtigsten Literaturpreis der Türkei, benannt nach dem Schriftsteller Sait Faik (1906-1954), der als König der Kurzprosa gilt – und tatsächlich habe ich in der Weltliteratur bislang keinen Autor gefunden, der es mit seinen erzählerischen Kleinoden auch nur ansatzweise aufnehmen könnte. Wer auf der Suche nach der perfekten Prosa ist, wird bei Sait Faik fündig.

„Das Haus aus Stein“ gilt als das zentrale Werk in Aslı Erdoğans Schaffen. Nicht nur wegen des Preises. Wer ihre Romane „Der wundersame Mandarin“ und „Die Stadt mit der roten Pelerine“ kennt, wird „Das Haus aus Stein“ als maximale Verdichtung der vorherigen Stoffe erfahren. Als das Buch, auf das die Autorin, so scheint es, mit allem, was zuvor entstanden ist, hingearbeitet hat. Dabei stellt sich die Frage, ob der Begriff „Roman“ überhaupt passend ist. Auch mit „Erzählung“ lässt sich das Werk nicht greifen. Es verweigert und verschließt sich jeglichen Versuchen der Kategorisierung. Es ist ein Prosatext, ja. Aber blickt man auf die verschachtelte, bild- und metaphernreiche Sprache, die assoziativen Elemente in diesem stream of conciousness, dann könnte es sich durchaus auch um ein Prosagedicht handeln – vielmehr sogar als um einen Prosatext jeder anderen Gattung. Würde man die Zeilen in Verse brechen (und ja, das funktioniert – jeder Leser möge es selbst versuchen), man könnte es problemlos als Langgedicht durchgehen lassen. Was nicht zuletzt auch der filigranen Übersetzung von Gerhard Meier zu verdanken ist.

Schon in den beiden anderen genannten Büchern ging es im Kern um Schmerz, Unterdrückung, Verlorenheit, Verzweiflung, Einsamkeit und die Unmöglichkeit des Lebens, in die man sich wahlweise ergeben, oder gegen die man kämpfen kann, so aussichtslos es auch erscheint. Nur gibt es im „Haus aus Stein“ keine Handlung mehr, an der der Leser sich orientieren oder festhalten kann. Es ist ein Text, der keinerlei Halt bietet, der einem nicht die Hand reicht, sondern der sich immer wieder entzieht – eine Ode an Schmerz und Finsternis. Ein Buch ohne lineare Struktur. Es von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen ist nicht zwingend, im Gegenteil. Man kann mit einem der mittleren Kapitel beginnen, dann zu ersten, dann zu einem weiter hinten springen. Ein Element, das herausfordernd ist, das auch dazu auffordert, das Buch mehrfach zu lesen, das „Haus aus Stein“ immer wieder zu betreten, sei es über die wenigen Stufen am Eingang oder über die Feuertreppe hinten direkt in den fünften Stock. Doch man sollte gewarnt sein: Man hat noch niemanden das Haus je verlassen sehen.

„Der Ich-Erzähler im 'Haus aus Stein' erzählt von zwei Enden her“, schreibt Aslı Erdoğan im eigens für die deutsche Ausgabe verfassten Vorwort, „die ineinander übergehen. Der gedächtnislose 'A.', dem seine Geschichte gestohlen wurde, appelliert an die 'Menschheit', die ihn aus dem Menschheitspanorama fortgewischt hat. Indem er in ein Schaufenster steigt, sich dort verkleidet und Reden schwingt, ist er eine Metapher für das Schreiben. Der sämtliche Figuren in sich vereinende Schriftsteller wiederum ist aus der Welt, von der er erzählt, vertrieben worden, aus der Welt der 'Verdammten', aus seiner eigenen Geschichte also.“

Und ist dieser Schriftsteller, dieser Ich-Erzähler, identisch mit der Autorin? So wie man auch in Aslı Erdoğans anderen Büchern immer wieder recht deutlich ihre eigene Biografie zu vernehmen meint? Vielleicht. Es gibt einige deutliche einige aber auch weniger klare Hinweise. Vielleicht ist das Ich der Leser selbst? Vielleicht sind es die Refrains (wieder so ein lyrisches Element), die zum Schlüssel für die erzählte Gefühlswelt werden können? Am Ende muss das jeder für sich entscheiden.

„Das Haus aus Stein“ ist, zieht man Vor- und Nachwort ab, kaum 80 Seiten lang. In diesen 80 Seiten verbirgt sich ein gewaltiges Buch, eine maximale Verdichtung des Erzählens, des Dichtens, „ein aus Worten geschaffenes Grabmal“, das immerzu fragt: „Auf welcher Seite des Todes steht der Schreibende?“

Aslı Erdoğan
Das Haus aus Stein
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Penguin
2019 · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-328-60076-3

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