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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
Kritik

bitte zertreten Sie diesen Käfer

Hamburg

Attila József ist einer der bedeutendsten ungarischen Lyriker im 20. Jahrhundert. Er lebte nicht lang und warf sich 1937 kaum 32-jährig vor einen Zug. 1936 in einer extremen Zeit zwischen dem Einbruch der Moderne, Revolutionen und Diktaturen befand er sich in Behandlung bei der Psychoanalytikerin Edit Gyömrői, die ihn als schizophren diagnostizierte und kurze Zeit darauf wegen "Gefährlichkeit" weiterverwies. József hat in zwei "Sitzungen" mit sich selbst, im Kaffehaus Japan, während dieser Zeit eine erst jetzt veröffentlichte und erstmalig ins Deutsche übertragene Liste freier Ideen verfasst. Eine merkwürdige Selbstentäußerung, wohl ohne Kenntnis oder Anstiftung seiner Analytikerin Gyömrői, in der er recht diszipliniert niederschreibt, was ihm in den Kopf kommt. In der ersten Sitzung ist es eine schwer zu verdauende Häufung von Unappetitlichkeiten, völliger political uncorrectness, Mord- und Vergewaltigungsgelüsten (er ist heftig in Edit Gyömrői verliebt, stellt sie seiner Mutter gleich, mit der ihn eine offensichtlich inszenierte sexuelle Beziehung inzestuös verbindet) in durchaus poetischer Sprache, beziehungsweise Rhythmen und Wortwahl, nicht zuletzt, wie oft bei unterbewussten Assoziationsketten, auch von extrem komischen Wechseln und Einträgen gekennzeichnet. Seine Sitzung wird von Freunden unterbrochen, Stunden später schreibt Jószef weiter. Ein Trip.

Die Liste der zweiten Sitzung ist völlig anders. Es sind Einträge nach der eigenen Lektüre seiner ersten Liste, sich selbst analysierend, mit einem Ich auf Kombinationsreise und entsprechenden Ratschlägen an sich selbst, weniger assoziativ als vielmehr sich selbst ins Bewusstsein ziehend.

Die Edition bei roughbooks ist übersetzt und herausgegeben von Christian Filips und Orsolya Kalász, die es nicht nur schaffen, eine besondere Tonfallatmosphäre bei Attila Jószef zu beschwören, irgendwo zischen k.u.k-Unflat, Dialektemen und heutiger Lesbarkeit, sie unterbrechen die beiden Listen mit zwei Gedichten von Jószef, die er auf Deutsch verfasst hat, die an genau der richtigen Stelle auf das verweisen, weswegen Jószef als einer der Größten seiner Zeit gilt. Somit kann der Kontrast zur Liste krasser nicht ausfallen. Dazu ein Interview mit Edit Gyömrői von 1971 über ihren Patienten, aufschlussreich und kontextualisierend. Er benutze Worte nicht wie andere, "normal gesunde" Leute. Schließlich die zweite Liste und ein Nachwort von Filips und Kalász nebst einem weiteren József-Gedicht, betitelt An eine Psychoanalytikerin. Eine geniale Editierung des bis vor kurzem noch quasi undenkbaren und wohl nur als "Mythos" existierenden, unveröffentlichten Stoffs.

"was schreist du immer so, kannst du nicht leise reden?
jawoll
jawoll
wünschen Sie Käse
in Alt-Buda in der Käserei, da gibt es was Gutes für dich
es gibt keine Gerechtigkeit
es gibt keine Gerechtigkeit, nicht einmal das ist gerecht
arbeiten
immer nur arbeiten
immer nur arbeiten
es reicht, was Mutter Erde von sich aus beschert
Gyömrői, die dreckige Schlampe
sie arbeitet nicht
ich soll arbeiten
gar nichts arbeitet sie
zur Arbeit, ihr Burschen, morgen ist Markt
aus mir wird keine Geselle
aus mir wird kein Müller
ich werde ein Schiffskapitän
ich werde ein Taucher
ich werde ein Lokomotivführer
erst werde ich ein Schlosser und dann ein Lokomotivführer
warum schlägt man die Gesellen
warum schlägt man die Kinder
meinen würd ich den Hals umdrehen"

Die Wucht und der Zerstörungsdrang der Liste, die schwingende Totalverzweiflung hat etwas zugelassen Kindliches ("schlimm, dass es keinen Gott gibt"). Sie erinnert in ihrem Abwärtsgang, ihrem Aufgeben, an das Jahrzehnte später erschienene, und allerdings durchkomponierte, Lästerdegenerieren des sich betrinkenden Protagonistenalkoholikers aus Wenedikt Jerofejews Reise nach Petuschki.

"der Rübeneintopf hat mir gar nicht geschmeckt, ich hab ihn trotzdem
runtergeschluckt
man sollte alles auskotzen, den ganzen Kot
Horn
Blashorn
Lehels Horn, Samsons Haar
was ist da gerade vorbei
was war da gerade
es war einmal
die Leichenpredigt
ein Gedicht von Kosztolányi
auch der hat Krebs
ich habe mit Bertalan Farkas Krebse als Vorspeise gegessen
ach hätt ich doch nur Krebs
auch die Hysterie ist ein Krebs im Menschen, auch die Traurigkeit kaut
am Menschen
Hysterie – Gebärmutter
gefrässige Striemen
Honig
Bienen sammeln Honig
der Stachel der Arbeiterbiene ist ein dehydriertes weibliches Genital
Horn
Hirschhorn
Kloschüssel
verschusselte Politik
eine liebe Frau könnte mich heilen
aber welche erwachsene Frau braucht ein Kind
meine Patentante

[...]

auf dem Bett
hab ich Mamas Muschi betastet
blutige Watte
Watt
Volt
Ampère
Le père
Père-la-chaise"

Aus der zweiten sich selbst analysierenden Liste:

"wie könnte ich die Gyömrői so in Rage bringen, dass sie mich erst raus-
wirft und dann bettelt, dass ich wiederkomme

nein, das wird wohl nichts

also muss ich ihr außerhalb der Analyse eins auswischen, ich werde ihre
Praxis in Verruf bringen

ich werde "versehentlich" ausplappern, dass ich ein Verhältnis mit ihr
habe, und dann werde ich es auf eine Art leugnen, dass alle, sogar die
Analytiker, es glauben werden

worum es dabei geht: ich werde sie in Wut versetzen, und trotzdem
muss dann sie sich so lange entschuldigen, bis ich meine Feind-
schaft zu ihr einstelle

dann werde ich meine Bedingungen diktieren: sie muss meinen
Arsch auslecken

[...]

als Neurotiker bin ich ein Idiot ab ovo, der Analytiker aber scheint ein
Idiot ex professo zu sein

[...]

und wenn du ihr dann sagst, dass du sie liebst, und wenn sie sagt, ja,
das ist wahr, dann fall bloß nicht darauf herein, natürlich ist auch das
eine Lüge – sie kann ja gar nicht anders, denn nur das gibt ihr Kraft:
dich zu haben, als ihr Gegenüber."

Zu Zeiten der noch immer jungen aber längst en vogue praktizierten Psychoanalyse, über die auch der junge, talentierte und politisch hochaktive Attila József gut informiert war, hatte sich 1936 längst nicht nur eine Schweizer Weiterentwicklung Freuds etabliert (C.G. Jung etc.), sondern besonders auch durch Sándor Ferenczi eine politische ungarische Schule, die auch Edit Gyömrői betraf. Im Nachwort wird mit Ferenczis Worten klug auf die Verbindung von Attila Józsefs Redeweise mit dessen Hypothesen über "Obszöne Worte" verwiesen.

"In seinem Aufsatz [...] fordert der Neurologe dazu auf, in der Kindheit verdrängte Wortvorstellungen als "den Gebärden nahestehenden Reaktionen auf Reize" in einer Sprechkur auszuleben, um einen Zustand des Alles-Sagen-Könnens zu erreichen, in dem alle Wörter wieder gleich gut und gleich schlecht sind, also noch nicht gesellschaftlich codiert, zugerichtet, hierarchisiert."

Der schmale Band ist hochlesenswert, alleine wegen der mittleren zwei "deutschen" Gedichte Józsefs, die bei all der inhärenten Diskussion um das Pathologische in dessen Listenschreiben auch seine "Lyrik" selbst als zumindest im Fahrwasser desselbigen ausweisen. Und tatsächlich offeriert sich auch dort ein verschobenes Sprechen. Wortoperationen, die im Gegensatz zur Liste gestaltet sind, doch nichtsdestoweniger aus einer verzweifelten Tiefe zu entspringen scheinen. Das "Gesamtpaket" aus den Listen, den Gedichten, Interview und Nachwort ergibt ein tolles Buchprojekt. Traurig und komisch, symptomatisch und grenzübertretend.

Attila Jószef · Christian Filips (Hg.) · Orsolya Kalász (Hg.)
Liste freier Ideen
Übersetzung:
Christian Filips
Übersetzung:
Orsolya Kalász
roughbooks
2017 · 110 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3906050300

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