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Jakob Hessing  Auf der Grenze.  Eine autobiographische Wanderung.
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Jakob Hessing  Auf der Grenze.  Eine autobiographische Wanderung.
Kritik

Deutsch-Persische Dichterwanderungen

VERSschmuggel Deutschland-Iran
Hamburg

Im Herbst 2016 trafen sich sechs deutsche und sechs iranische Dichter und Dichterinnen im Berliner Haus für Poesie für einen west-östlichen Versschmuggel. Die Workshop-Reihe, in der sich LyrikerInnen gegenseitig übersetzen ohne die Sprache des jeweils anderen zu sprechen, geht nunmehr ins sechzehnte Jahr und blickt auf einen beachtlichen Stapel zweisprachiger Anthologien, die eine vielschichtige Topographie der Lyrik der Welt darbieten.

Der Versschmuggel ist ein so ambitioniertes wie wichtiges Projekt, das beständig sowohl die Teilnehmer als auch die Leser zu interkulturellem Austausch anregt, zum Wandern zwischen den Welten, an die Hand genommen von den Dichtern und den Sprachmittlern, die ihnen mittels Interlinearübersetzungen eine Brücke bauen. Ein wichtiges und lesenswertes Buch ist – trotz der aus der Reihe bekannten Schwächen – auch dieses Mal wieder entstanden.

Wie alt und traditionsreich der deutsch-persische Lyrikaustausch ist, daran erinnert Ali Abdollahi in seiner Einleitung, verweist auf die Übersetzung von Saadis „Golestan“ durch Adam Olearius, über Hammer-Purgstall und Rückert, deren Hafis-Übertragungen bis heute zum Besten gehören, was sich an Dichtung in deutscher Sprache finden lässt, bis Herder, Goethe und Co hinein ins lyrische Jetzt. Es ist ein Austausch in Form eines zarten Pflänzchens, bedenkt man, wie überschaubar trotz all dieser Mühen bis heute die Anzahl der Übersetzungen aus dem Persischen ins Deutsche sind. Umgekehrt sieht das anders aus. Und so wächst mit dem vorliegenden Versschmuggel eine weitere kleine Blüte.

Eines fällt auf Anhieb ins Auge: Wieviel kraftvoller, existenzieller und substanzieller die Verse der iranischen Seite sind im Vergleich mit ihren deutschen Kollegen. Wo Sara Mohammadi Ardehali in prägnanten Kurzgedichten vielschichtige, emotionale Bilder entstehen lässt, begnügt sich Silke Scheuermann mit betulichen Alltagsbetrachtungen aus Tierperspektive, die weder inhaltlich noch sprachlich originell sind:

„Bein Menschen gibt es ein Drinnen und Draußen; sie tun dort / das Gleiche, sitzen an Tischen. Ich, die ich draußen bevorzuge wie alle / meiner Art, lasse mich auf einer Stuhlkante nieder. Sieh mal, eine Möwe, / sagt jemand.“

Alireza Abbasi stimmt ein zermürbendes Klagelied auf das Chaos im Nahen Osten an mit einer Sprache, die sich „in die Wunden in der Kehle zurückgezogen“ hat. Und Ali Abdollahi zeichnet melancholische Naturbilder, die in eine Biografie des Zweifels übergehen:

„Als Kinder haben wir keine Lust / auf einen Lebenslauf, / und älter geworden lockt / uns das Labyrinth der vielen Leben, / bis wir irgendeines wählen, / doch keines davon ist echt“.

Nicht nur die unterschiedlichen Schreibstile, auch und gerade die andere Perspektive, die die Themenauswahl der einzelnen DichterInnen begründet, ist das Interessante an dieser lyrischen Gegenüberstellung.

Im Anschluss an jeden Schmuggel aus je einem Dichterpaar, verlieren beide einige wenige Zeilen über die Erfahrungen des Workshops – und genau hier wird, wieder mal, die eigentliche große Chance verschenkt, einen tieferen Einblick in den Prozess des gegenseitigen Übersetzens zu liefern, beispielhaft Detailfragen zu erläutern, Entscheidungsprozesse (warum so und nicht so übertragen?) sichtbar zu machen. Die allermeisten der DichterInnen verlieren sich binnen weniger Sätze in Allgemeinplätzen darüber, wie schön und bereichernd die Erfahrung des Workshops doch war – für den Leser bleibt das gänzlich ohne Mehrwert. Mit Iraj Ziaei kommt nur ein einziger Dichter auf die Idee, etwas tiefer ins Detail zu gehen und erläutert beispielsweise, wie es gelang, einen lautmalerischen Ausdruck für das Klirren von Gürteln, die über einem Ast hängen, von Charlotte Warsens deutscher in eine adäquate persische Formulierung zu bringen. Genau davon wünscht man sich vergeblich mehr – aber das war auch in früheren Versschmuggel-Bänden schon so. Leider, leider.

So bleibt unterm Strich eine zweisprachige Anthologie, die vor allem deshalb lesenswert ist, weil endlich einmal wieder die seltene Gelegenheit besteht, eine Handvoll iranischer DichterInnen zum ersten Mal in deutscher Sprache zu entdecken. Dafür allein aber lohnt es sich. Sehr.  

 

An der Ausgabe beteiligte Autor_innen: Alireza Abbasi, Daniela Danz, Ali Abdollahi, Jan Volker Röhnert, Sara Mohammadi Ardehali, Silke Scheuermann, Maryam Fathie, Max Czollek, Mazaher Shahamat, Michael Donhauser, Iraj Ziaei, Charlotte Warsen.

Aurélie Maurin (Hg.) · Thomas Wohlfahrt (Hg.)
VERSschmuggel Iran
Poesie aus dem Iran und Deutschland
Wunderhorn
2017 · 216 Seiten · 19,80 Euro
ISBN:
978-3-88423-564-5

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