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Zum zehnten Mal nach 2008 hat der Lyriker und Herausgeber Axel Kutsch seine jährliche Anthologie Versnetze herausgebracht. Im Verlag Ralf Liebe erschienen, setzt sich der Band von den meisten anderen Anthologie-Projekten ab, indem er nicht nur äußerlich schmucklos daherkommt, sondern vor allen Dingen kein thematisches Konzept oder Ausschreibung oder dergleichen aufweist. Er ist eigentlich mehr eine Bestandsaufnahme, eine Art LyrikerInnen (Volks) -zählung. Wer wohnt wo, ist welchen Geburtsjahres und hat etwas eingesendet. Tatsächlich ist auch die Anordnung der ausgewählten Beiträge eigen zu nennen. Sie sind nach Postleitzahlen in Regionen aufgeteilt, fast wie ein Telefonbuch. Als zweites Sortierkriterium zählt das Alter der BeiträgerInnen, sodass also der Band von Norden nach Süden tappt, jeweils die "Teens" vorne und die "Elder Statesmen" graduierend hinten. Das erzeugt einen merkwürdigen Leseeffekt, der gleichzeitig frei und  wundernd macht. Es ist gut, dass Kutsch auch in der zehnten Auflage dieses Verfahren wählt. Es ist eigenständig und hat eine solitäre Dynamik beim Lesen, fast eine enzyklopädische, eben Repräsentanz-Komponente. Stets weiß man, wo man sich warum befindet. Es gibt keine inhaltliche Lenkung, Dramatik oder Vorgabe. Das einfach gehaltene Layout unterstützt das understatement des Projekts. Die Gedichte selbst sind sehr gut zu lesen, eine ausgewählte Typographie, selbstbewusst groß und schwarz sprechen für Erfahrung in der Präsentation. Kutsch, der schon lange vor den Versnetzen Lyrik in Anthologien herausgegeben hat, unter anderem mit den damals wenig bekannten Norbert Hummelt oder Marcel Beyer, sagt selbst in seinem Vorwort:

"Die heutige Lyrik ist ein sehr weites Feld, und meine Absicht als Herausgeber ist es, möglichst alle Richtungen der gegenwärtigen deutschsprachigen Poesie in ihrer quirligen Vielfalt zu vernetzen, wobei ich den Werkstattcharakter, den diese Anthologien auch haben, betonen möchte."

Und weiter:

"Gerade der heiße Atem des Neuen ist für mich der besondere Reiz, editorisch über dünnes Eis zu gehen und mir dabei eventuell auch mal nasse Füße zu holen. Nicht jedes Gedicht, das ich aufnehme, muss ein kleines Meisterwerk sein. Manchmal sind es einige Zeilen oder eine originelle Metapher, die mich faszinieren, auch wenn der Rest des Textes nicht diese Höhe erreicht [...] Die Versnetze sind auch ein Seismograph gesellschaftlicher Befindlichkeiten, etwa mit von ostdeutschen Schriftstellern verfassten Gedichten über die Nachwehen der Wiedervereinigung oder Erinnerungen an das Leben in der DDR. Und auch die unheilvolle Vergangenheit des Dritten Reiches mit seinem unmenschlichen Vernichtungsapparat beschäftigt die Autoren nach wie vor. Kein Wunder bei den rechtspopulistischen Entwicklungen in Deutschland und anderen Ländern Europas. In der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart wird verstärkt die Situation der Flüchtlinge thematisiert. Zum weiteren inhaltlichen Spektrum gehören unter anderem die schöne neue Technik- und Medienwelt, Heimat ohne Heimattümelei, Natur, Kunst, Musik, Literatur und Zeit [...] Die regional strukturierten Versnetze machen deutlich, dass lesenswerte und innovative Lyrik nicht nur in den Metropolen geschrieben wird, ebensowenig vorrangig von angesagten Poeten, deren Werk mit angesehenen Auszeichnungen bedacht worden ist. So finden sich in diesen Anthologien viele interessante Schriftsteller, die bisher kaum von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen worden sind. Der heiße Atem unserer nennenswerten Lyrik, die selten so pulsierend war wie in diesen Jahren, weht mit ihrer spannenden Vielfalt in alle Himmelsrichtungen und durch alle Generationen, unabhängig vom Renommee der Verfasser."

Dieses Konzept einer Breite, offen für den eigenen Vergleich, eben der Repräsentanz eines Jetzt, funktioniert erstaunlich gut in den Versnetzen. Angeblich hat es tausende Einsendungen gegeben. Die meisten auf Einladung, wenn bereits ein Gedichtband vorliegt. Es ist dennoch offenkundig, dass vor allem LyrikerInnen vor *1980 Eingang in den Band gefunden haben. Der Schwerpunkt, wenn man ihn so nennen kann, liegt in Kutschs eigener Generation der Nachkriegszeit bis in die 70er Jahre. Zahlenmäßig ist es der mittel- bis westdeutsche Bereich, der überwiegt. Und die Auswahl der Gedichte selbst ist – wie eigentlich nicht anders zu erwarten – von einem Herausgeberstempel gekennzeichnet. Experimentellere Arbeiten sind in der Minderheit. Man könnte sagen, dass trotz der "Unkonventionalität", die Kutsch erwähnt, trotzdem einem vorher festgelegten Konventionsspektrum gefolgt wird. Die Mehrheit der Beiträge befindet sich in einem "klaren Bereich". Ihnen gehören gereimte, strophenförmige Vertreter an, oft in einem vergnüglichen Duktus. Dazu gesellen sich freie Notate und immer wieder ein paar angenehme Ausreißer in tatsächlich alle Richtungen. Das Offene der Versnetze besteht letztlich weniger in der Form, als in der Anzahl der BeiträgerInnen. Tatsächlich erweist sich Kutsch als ein unerschrockener Zusammenbringer/ Vernetzer verschiedenster AutorInnen. Namen, die einem bisher kaum geläufig waren, die wenig publizieren oder in Erscheinung treten, sind "erfasst". Es macht Freude, besonders sie zu entdecken und das Gemeinsame oder Einzigartige bei ihnen zu verorten. Die Versnetze haben sich in jedem Fall von den meisten anderen Anthologien der letzten Zeit abgesetzt. Sie sind ein kräftiges Ding (340 Seiten) und man kann gewiss sein, in ihnen auf einem eigenen herausgeberischen Weg zu schreiten, der sich hoffentlich noch weiteren Versnetzen zuwendet.

 

Axel Kutsch (Hg.)
Versnetze_zehn
Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart
Ralf Liebe Verlag
2017 · 340 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-944566-71-9

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