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Kritik

Glühwürmchen in der Finsternis

Hamburg

Sensation! Dieses Wort fällt, wenn über den Erzählband "Denunziation" des nordkoreanischen Autors Bandi geschrieben oder gesprochen wird. Das vorliegende Buch hat tatsächlich den Charakter eines Sensationsfundes: Das Manuskript wurde aus Nordkorea herausgeschmuggelt und ist somit „die erste unzensierte Stimme Nordkoreas“, wie der Verlag es euphorisch darstellt. Unergründlich und geheimnisvoll ist die Person des Autors (ein unbekannter nordkoreanischer Dissident, der dem Vernehmen nach noch im Lande lebt), ohne Beispiel ist der Inhalt der sieben Erzählungen (schließlich ermöglichen sie Einblicke in ein Land, das sich hermetisch nach außen verriegelt).

Eingerahmt wird Bandis Buch von einem Vorwort Thomas Reicharts (Leiter des ZDF-Ostasien-Studios) und einem Nachwort Do Hee-Yoons, dem Vorsitzenden der NGO „Solidarität und Menschenrechte für alle nordkoreanischen Flüchtlinge“.

Vor- und Nachwort versuchen Gewähr für die Authentizität von Autor und Texten zu geben. Das Verfahren der doppelten Beglaubigung erinnert an den Kunstgriff der Herausgeberfiktion. Hier wird dieses Prinzip jedoch auf den Kopf gestellt: Do Hee-Yoon und Thomas Reichert sind nicht fiktiv. Es gibt sie tatsächlich. Mit der Autorenperson Bandi sieht es schwieriger aus: Sie bedarf der Vergewisserung.

Do Hee-Yoon gibt einen Abriss der Autoren-Biografie. Um 1950 geboren und schriftstellerisch begabt, schreibt der Mann, der sich hinter dem Namen Bandi verstecken muss, in Nordkorea. Bandi ist ein Pseudonym, das Wort bedeutet so viel wie Glühwürmchen. Ein Licht also, das „sein in Dunkelheit getauchtes Land ein klein wenig zu erleuchten“ versucht. Diese Namensgebung leuchtet ein. Bandi „verarbeitet Gerüchte und Fakten literarisch, alles, was er sieht und hört.“ Über einen Mittelsmann gelingt es ihm, zwei Manuskripte nach Südkorea zu schaffen. Die vorliegenden Erzählungen und ein Gedichtband. Weitere Details zu seinem Leben bleiben im Dunklen.

Thomas Reichart kann trotz seiner Recherchen nicht verifizieren, wer Bandi ist, ob es ihn tatsächlich gibt, ob seine Legende stimmt. Oder ob er ein Konstrukt ist. Es ist klar: Über den Alltag der Nordkoreanischen Bevölkerung wissen wir nur wenig. Als Ostasien-Korrespondent hat Reichart immerhin einige Male den abgeschotteten Staat besucht. Er attestiert den sieben Erzählungen eine „große literarische Authentizität“.

Vor diesem Hintergrund, erscheint es sinnvoll, die sieben Erzählungen für sich sprechen zu lassen. Allen Geschichten gemein ist ein bedrückender Grundton. Wie ein unheimliches, leises Raunen ist ständige Angst in die Textur der Erzählungen eingewebt. Die Protagonisten müssen ständig auf der Hut sein. Manchmal nicht wirklich wissend, wovor eigentlich. Hinter allem lauert ein beharrliches Lauschen. Die Figuren zeigen ein quälendes Bemühen, jeglichen Fehler zu vermeiden. Und verstricken sich doch in den Fallstricken abstruser Vorschriften. Scheitern daran, den Ansprüchen des totalitären Regimes gerecht zu werden.

„Die Stadt der Gespenster“ handelt von den Masseninszenierungen der nordkoreanischen Propaganda am Nationalfeiertag in Pjöngjang. Bandi zoomt von den Massen auf den einzelnen Menschen. Ganz nah und sehr persönlich versucht seine Protagonistin sich darin, ihr Leben in der Diktatur zu meistern und dabei menschlich und eine fürsorgliche Mutter zu bleiben. Die Menschen sind in Bandis Erzählung nicht anonyme Pixel, die sich erst in inszenierten Massenveranstaltungen zu ornamenthaften Mustern ordnen, sondern Individuen. Individuen, die vor einer „furchtbaren Macht“ zittern, die in der Lage ist, in weniger als einer Stunde eine Million Menschen aufmarschieren zu lassen. Eine Million Menschen, die zuvor wegen eines Unwetters über die Stadt verstreut waren.

Die Erzählungen aus den 80er und 90er Jahren zeigen, wie sich die misslingende nordkoreanische Wirtschaft in Form von Hunger, Mangel und Kälte auf die Menschen auswirkt. Bandi findet schaurig schöne Bilder: Bei bitterer Kälte muss in „Irya Madya“ ein Büroangestellter an einem Ofen ausharren, der „unglücklicherweise kaum mehr Wärme abgab als der Atem eines Toten“. Dabei sind die Geschichten nicht ohne Humor erzählt. In der gleichen Geschichte macht sich der Protagonist über den Sprachfehler des Genossen „Politscheischprecher“ lustig.

Das Regime Kim Il-Sungs greift bis in privatesten Bereiche ein. Die Benutzung von Verhütungsmitteln wird zur Frage der Staatstreue. Das Schließen eines Fensters mit einem Vorhang wird als staatsfeindlicher Akt sanktioniert.

Bandis Protagonisten sind vielfältig: Einfache Bauern und prinzipiell partei- und staatstreue Angestellte, Akademiker. Bandi benutzt kein plattes Schwarz-Weiß-Schema, wenn es um seine Personen geht. Er arbeitet mit Nuancen, schafft kleine Helden, die sich angesichts der staatlichen Übermacht ihre Menschlichkeit erhalten wollen. Sich mal kaum hörbar und mal laut und deutlich kritisch äußern.

Der Staatsmacht in Gestalt des „Großen Führers“ und seines Systems stehen die Menschen hilflos gegenüber. In „Pandämonium“ werden auf einem Provinzbahnhof Menschen zusammengedrängt, da Kim Il-Sung selbst die Eisenbahn benutzen will, was diese einen Tag lang „sakrosankt“ macht. Eine gefährliche Massenpanik bricht aus, bei der viele Menschen verletzt werden.

„Niemand durfte (…) sich über diese Regelung beschweren (…). Jeder, der das wagte wäre nur eine Maus, der Gnade der Katze ausgeliefert.“

Dieses Ausgeliefertsein der Menschen vor dem Staat und dessen Willkür ist symptomatisch für die meisten von Bandis Geschichten, sie sind der Grundton, der den Geschichten (ob beabsichtigt oder nicht) etwas fast Kafkaeskes verleiht.

Die sieben Erzählungen sind - als Variationen zum immer gleichen Thema - abwechslungsreich und packend. Manchmal lustig, meist jedoch tieftraurig. Die Sprache (in der deutschen Übersetzung von Ki-Hyang Lee) ist bildhaft und literarisch. Es ist zu hoffen, dass die Gedichte dieses Autors ebenfalls den Weg in die Öffentlichkeit finden.

Bandi
Denunziation
Erzählungen aus Nordkorea
Übersetzung:
Ki-Hyang Lee
Piper
2017 · 224 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-492-05822-3

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