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Kritik

„Ich sehe was, das du nicht siehst“

Hamburg

Können Bildgedichte die Grenzen von Sprache überschreiten, vorausgesetzt, das reflektierende Ich ist sich dieses Risikos insofern bewusst, als es rechtzeitig die Augen schließt und die zur Sprache gewordene, eben noch visuell wahrgenommene Welt in einem bildlosen Reflexionsstrang „auflöst“? Barbara Zeizinger, seit vielen Jahren Mitglied der renommierten Darmstädter Textwerkstatt, Autorin des Lyrikbandes „Weitwinkel nah“ und des Romans „Am weißen Kanal“ und Mitglied mehrerer angesehener Literaturvereinigungen, ist sich dieses Spiels an der Grenze zwischen der sprachlichen Markierung von Welt und deren Auflösung bei dem Versuch, sie mit Bedeutung zu versehen, in mehrfacher Weise bewusst. Die Titelbezeichnungen der sechs Abschnitte, die den Gedichtband strukturieren, verweisen auf vage Zeiten, auf den Grundton Büchner, auf Grenzen, auf fragwürdige Verhältnisse zwischen Subjekt und Objekt, auf Utopien, die selbst in Talk Shows untergehen oder auf aufgehobene Worte. Dieser fragwürdigen Tendenz folgen auch die Bezeichnungen ihrer Gedichte, in denen Gedankenstriche in Augen auftauchen, von einem Johannes die Rede ist, der Wörter aus der Luft fängt, um mit ihnen wortlos zu kommunizieren. Selbst ein Sonntag im Oktober löst sich wortlos auf, ein Zitat aus „Dantons Tod“, in dem Gedanken sich gegenseitig beaufsichtigen, verweist auf ein Kind, das ausruft: „Ich sehe was, das du nicht siehst“ und hinter dem philosophisch aufgeladenen Begriff ‚aufgehoben‘ löst sich „die Bedeutung deiner Worte … durch einen Blick (auf)  als seien Gespräche / mit mir verlorene Zeit“ (S. 70)

Das Nachdenken über Sprache bewegt das vielschichtige lyrische Ich in vielen der vorliegenden Gedichte. Im Abschnitt ‚Grundton Büchner‘, mit einem Zitat aus dessen Drama Dantons Tod, beklagt es sich über „So viele Zeichen. / Ich begreife nichts davon, denke in ihr Schweigen / zwischen Glück und Unglück liegt das Meer.“ Die Verwendung der scheinbar nicht korrekten Präposition in impliziert die Aufhebung des sprachlichen Vorgangs zugunsten einer Handlung, die zwischen Glück und Unglück sich im Meer auflöst. Stattdessen legt ein kollektives Ich Erfahrungen mithilfe von Fotos aufeinander bis sich Bilder vermischen“. Und das Ergebnis? „Wir werden Zeiten üben. Zukunftssätze.“

Die Vermischung der Bilder, ausgeführt von einem kollektiven Ich, führt zur Frage nach der Beziehung zwischen dem Icon und einer Zeit, die häufig in den vorliegenden Gedichten in die Zukunft verlagert wird. Spricht doch die Dichterin in einem kleinen Poem, das Henry gewidmet ist - ohne die Benutzung einer expliziten Ich-Form - von einer Zeit dazwischen, nennt „Sekunden, Stunden, Jahre, … ,/ In der ein Läufer Hürden überspringt.“ Mehr noch: sie bezeichnet sogar, lakonisch pointiert, alles was in dieser Zwischenzeit entstehen könnte, eine wachsende Baugrube, sogar ein Roman, allerdings nur „aus ersten Gedanken“ geformt. Wie also „füllt“ sie die Zeit mit abgekürzten Bildern? Sind ihre Reisen durch den afrikanischen Kontinent dabei hilfreich, wie im „Blickpunkt“, in dem ihr unmittelbarer Blick auf drei Elefanten durch ein fotografiertes Prisma nur im Millimeter-Maßstab wahrgenommen werden kann und sogar – beim Vergleich mit einem Brecht-Gedicht - sich in Rauch auflöst? Ist es die hinlänglich - zumindest begrifflich vertraute - Relation von Raum und Zeit, die Barbara Zeizinger immer wieder zurückweichen lässt, wenn es um die Festlegung von Orten und Zeitfeldern geht? Wie zum Beispiel in „Ein Sonntag im Oktober“, der so vertraut mit vielen bildlichen Assoziationsfeldern wie Nebelfäden und melancholischer Winterzeit einsetzt und so unvermittelt die Stunde negiert, in der ein lyrisches Ich sich irgendwo treffen will, obwohl es von niemanden erwartet wird. Nun könnte der Eindruck entstehen, dass die so aufgelösten oder verkürzten Bilder im irdischen Zeitfenster der Dichterin irgendwelche – von der Astrophysik vermittelnden zeitlichen und räumlichen Krümmungen – Irritationen auslösen. Doch ein aufmerksamer Blick auf „Ich will den Himmel nicht vermessen“ klärt den aufmerksamen Rezipienten zumindest vorläufig auf. Im Gespräch mit einem autokommunikativen Ich (oder sogar mit einem Astrophysiker) gibt sie dort den Anspruch auf die Vermessung von kosmischen Räumen aus, weil die unzähligen leuchtenden Sterne und Planeten zwischen Nordstern und Großem Wagen „einfach nur da sind“. Und hier auf der Erde, wo „die Zeit an der Bucht scheint zu verweilen. / wo „es riecht nach Muscheln und Tang“, wo ein wahrnehmendes Ich die Augen schließt und nach dem Wieder Öffnen alles so vorfindet, wie es war? Hat die Zeit sich nur scheinbar aufgelöst? Nein, sie ist nur kürzer geworden, weil jeder Augenblick knapper als ein Flügelschlag der Silbermöwe ist. Und die anfänglich verdrängten irdischen Bilder? Sie kommen wieder, drängen sich in ein märchenhaftes Unterbewusstsein, von dem die Dichterin überaus reichlich erfüllt ist. Und die leere Parkbank auf dem Umschlag des Gedichtbands mit dem Blick auf eine kunterbunte herbstliche Parklandschaft? In weiser Voraussicht hat die Dichterin dort nicht Platz genommen, denn wenn sie geblieben wäre, hätte sie diese wunderbaren kleinen Poeme mit den aufgelösten Bildern und der beinahe verschwundenen Zeit nicht geschrieben.

Barbara Zeizinger
Wenn ich geblieben wäre
Pop Verlag
2017 · 84 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-86356-179-6

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