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Kritik

Die Wartenden und die Ausgelieferten

Basma Abdel Aziz seziert die Mechanismen der Diktatur
Hamburg

Als Basma Abdel Aziz' Debütroman „Das Tor“ 2013 erstmals in ihrem Heimatland Ägypten erschien, war die Gegenrevolution bereits in vollem Gange: General Abd Al-Fattah Sisi putschte die Muslimbrüder und ihren gewählten Präsidenten Mohammad Mursi aus dem Amt, ließ Massaker an seinen Gegnern verüben, die erst im Jahr zuvor als Ergebnis des Arabischen Frühlings nach oben gespült worden waren. Das Land taumelte kurz nach der Revolutions- und Aufbruchstimmung von einer Diktatur in die nächste.

Man könnte meinen: Aziz hat das vorausgesehen. Ansonsten hätte sie wohl eher einen Roman über Hoffnung und Neuanfang geschrieben, über aufkeimende Demokratie und die Chancen der Freiheit nach der jahrzehntelangen Mubarak-Herrschaft. Stattdessen wählte die Psychologin und Menschenrechtsaktivistin nach zwei Sachbüchern eine düstere Dystopie – die schon kurz nach ihrer Veröffentlichung nicht nur von arabischen Rezensenten gefeiert, sondern auch rasch ins Englische übersetzt und unter anderen von der New York Times ehrfurchtsvoll besprochen wurde, inklusive Vergleich mit Orwell und Kafka.

Ohne diesen Umweg über die USA geht es für arabische Literatur selten nach Deutschland, was wohl auch erklärt, warum der Roman erst sieben Jahre später (in der Übersetzung von Larissa Bender) auf Deutsch erscheint. Zu zögerlich und ängstlich sind die hiesigen Publikumsverlage meist bei jeglicher nichtwestlicher Literatur, dass es umso überraschender ist, dass „Das Tor“ nicht in einem der engagierten Kleinverlage, sondern beim Random House-Ableger Heyne erscheint, der das Buch auch noch recht offensiv bewirbt, zumindest in den sozialen Medien. Ein gutes Zeichen? Vielleicht. Immerhin besteht so die Chance, zu beweisen, dass ein Buch nur richtig vermarktet werden muss, um das Publikum zu erreichen, und dass dieses Publikum einfach gute Literatur wünscht – egal, woher sie kommt. Man darf hoffen. Denn die arabische und auch die persische Literatur sind weltliterarische Schatztruhen, die in der hiesigen Rezeption bislang eine gigantische Lücke klaffen lassen.

Aber zum Buch: Yahia wurde angeschossen, als er in einen Kampf zwischen Demonstranten und staatlichen Milizen geriet. Doch nach offizieller Lesart hat dieses Gemetzel nie stattgefunden. Der Staat verleugnet seine Verbrechen, die gleichgeschaltete Presse samt des bezeichnenderweise „Die Wahrheit“ betitelten Leitorgans verbreiten Propaganda, die auch deshalb an Orwell erinnert, weil sie eine so reale Situation zeichnet. Was Orwell darstellte war ja keineswegs eine Zukunftsgeschichte sondern eine allenfalls leichte Überzeichnung der Gegenwart. Doch dass alles ganz anders ist, daran wird Yahia täglich von der Kugel erinnert, die nahe der Blase in seinem Körper steckt und dafür sorgt, dass er von Tag zu Tag mehr Blut uriniert. Doch im Krankenhaus verweigert man ihm die Behandlung. Für die Entfernung der Kugel muss er sich zunächst eine Genehmigung beim Tor holen.

Das Tor: Eine gigantische, unüberwindliche Instanz, die zwischen den Bürgern und ihrem Leben steht, seit die ersten Aufstände niedergeschlagen wurden. In der brütenden Sommerhitze wird die Schlange der Antragsteller immer länger, zieht sich über mehrere Kilometer durch die halbe Stadt, bildet einen Spiegel der Gesellschaft. Während die einen im Warten verzweifeln, werden die anderen kreativ, machen kleine Verkaufsstände auf oder handeln gar mit Warteplätzen in der Schlange. Gerüchte machen die Runde: Bald wird das Tor sich öffnen und allen Anträgen stattgeben! Das Tor wird sich nie wieder öffnen! Menschen aus der Warteschlange verschwinden spurlos … und Letzteres wird rasch vom Gerücht zur bitteren Wahrheit. Ebenso wie klar wird, dass die Mobiltelefone aller Wartenden abgehört werden: Das Tor weiß alles. Jedes Gespräch kann gefährlich sein, jeder wird zum Spitzel, maximales Misstrauen greift um sich.

Und Yahia? Er ahnt zunehmend, dass er vergeblich auf die Genehmigung wartet. Nicht nur, weil das Tor undurchdringlicher ist als Kafkas Schloss. Sondern weil er mit der Kugel den Beweis für die Gräueltaten des Regimes in sich trägt. Und dieser Beweis darf natürlich unter keinen Umständen publik werden.

Obwohl nie ein Ort genannt wird, verschleiert Aziz nicht, dass die Geschichte in Ägypten spielt, und an einer Stelle erfährt der Leser sogar, wann sich all das abspielt: 2015. Also nur wenige Jahre in der Zukunft, von der Warte der Autorin aus gesehen, als sie den Roman schrieb. Und es ist ja nicht nur so, dass ihre Dystopie sich wenig später übererfüllt hat. Es gelingt ihr auch, akribisch die Mechanismen der Diktatur zu sezieren, die ihre Macht durch Willkür und Lüge festigt, die Religion für ihre Zwecke missbraucht, indem sie mit einem billigen (und allzu oft an der Realität erprobten) Taschenspielertrick alle Abweichler zu Ungläubigen und Sündern stempelt, und die dann die Menschen gegeneinander ausspielt. Die einen verzweifeln, die anderen geben auf und ergeben sich der Propaganda – nicht, weil sie sie wirklich glauben, sondern weil es sich damit einfacher leben lässt. Erschreckend ist daran in erster Linie, wie gut dieses jahrtausendealte Spiel um Macht und Unterdrückung auch im Jahr 2020 noch funktioniert.

Basma Abdel Aziz
Das Tor
DEUTSCHE ERSTAUSGABE / Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Heyne
2020 · 288 Seiten · 14,99 Euro
ISBN:
978-3-453-32046-8

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